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Ginkgo gegen Demenz: zur Vorbeugung nutzlos, in der Therapie ist die Wirkung noch fraglich

17.12.2008
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) rät nicht zur vorbeugenden Einnahme von Ginkgo-Präparaten gegen Demenzerkrankungen.

Auch für die Behandlung der Alzheimer-Demenz ist für diese Substanz keine generelle Empfehlung gegeben.

Zwei neue Studien, die den Nutzen des auch in Deutschland millionenfach verkauften Ginkgo-Extrakts gegen Gedächtnisverlust untersuchten, hatten in der Öffentlichkeit für Verwirrung gesorgt: Einerseits bremse die vorbeugende Einnahme des Pflanzenextrakts nicht den Verfall des Gehirns. Andererseits können Patienten, die bereits an Alzheimer-Demenz erkrankt sind, möglicherweise von einer hohen Dosierung (240 mg) des Ginkgo-Extrakts profitieren.

Studie 1: Vorbeugung bei Patienten im hohen Alter: In der aktuellen amerikanischen Studie[1] in dem Fachjournal JAMA wurde das Präparat eines deutschen Herstellers mit einem Scheinmedikament (Placebo) bei 3069 Senioren im Alter von mindestens 75 Jahren verglichen. Die meisten Teilnehmer waren bei Studienbeginn geistig gesund gewesen, bei 482 Personen hatten die Ärzte jedoch eine leichte kognitive Beeinträchtigung (engl. Mild Cognitive Impairment, MCI) diagnostiziert. Diese Gedächtnisstörung gilt als mögliche Vorstufe der Alzheimer-Krankheit.

Diese Ginkgo Evaluation of Memory-Studie (GEM) war von den US-amerikanischen Gesundheitsinstituten (NIH) mitfinanziert und vom US-Nationalen Zentrum für Komplementär- und Alternativmedizin (NCCAM) entworfen worden. Die Firma Schwabe hatte den sowohl in Deutschland als auch in den USA frei verkäuflichen Ginkgo biloba-Extrakt EGb 761 sowie die Placebopillen bereit gestellt, war aber weder an der Konzeption noch an der Durchführung oder Auswertung der Untersuchung beteiligt.

Das Präparat war in der empfohlenen Dosierung von zwei Mal täglich 120 Milligramm gegeben worden und die Studienteilnehmer wurden im Mittel über sechs Jahre hinweg alle sechs Monate auf Hinweise einer Demenzerkrankung untersucht. Im Verlauf der Studie erkrankten 523 Teilnehmer, darunter 277 (17,9 Prozent), die den Ginkgo-Extrakt erhalten hatten und 246 (16,1 Prozent), die ein Scheinpräparat bekommen hatten. Diese statistisch unbedeutenden Unterschiede veranlassten den Studienleiter Dr. Steven T. DeKosky, Dekan an der Medizinischen Fakultät der Universität von Virginia, zu dem Kommentar: "Wenn Sie Mitte 70 sind und diese Arznei zur Vorbeugung einer Demenz einnehmen wollen, muss ich Ihnen sagen: Es wirkt nicht."

In einer Stellungnahme der Firma Schwabe [2] heißt es, dass unter den gegebenen Umständen eine Wirkung nicht zu erwarten gewesen sei. Schwabe argumentiert, dass die Versuchsteilnehmer im Durchschnitt 79 Jahre alt waren, dass aber die Schäden an den Nervenzellen bereits etwa 15 bis 20 Jahre vor dem Ausbruch einer Demenzerkrankung beginnen.

Studie 2: Metastudie zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit: Erst kürzlich hat auch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) einen Bericht zu Ginkgo biloba bei der Alzheimer-Demenz publiziert [3], der allerdings die aktuelle amerikanische Studie noch nicht berücksichtigen konnte. In diesem Bericht ging es darum, eine bereits vorhandene Demenz - speziell vom Alzheimer-Typ - zu behandeln. "Patientinnen und Patienten mit Alzheimer-Demenz können von ginkgohaltigen Präparaten profitieren, sofern sie diese in einer hohen Dosierung einnehmen", heißt es dazu in dem Bericht des IQWiG. Dies sei für das Therapieziel "Aktivitäten des täglichen Lebens" belegt. In punkto geistige Fähigkeiten, allgemeine psychopathologische Begleitsymptome sowie der Lebensqualität der betreuenden Angehörigen gebe es zumindest Hinweise auf einen Nutzen. Das IQWiG verweist aber auch auf Studien, die keinen Nutzen von Ginkgo biloba bei der Alzheimer-Krankheit erbrachten. Deshalb sei letztlich unklar, wie groß der Effekt ist, so der 193 Seiten starke Abschlussbericht, der mit vielen Einschränkungen versehen wurde.

"Wir halten diese Bewertung für zu positiv", so Professor Günther Deuschl, Präsident der DGN. "Speziell zur Behandlung der Alzheimer-Demenz liegen nur einzelne methodisch ausreichende Studien vor. Sie zeigen keine konsistenten Befunde, sodass wir eine generelle Empfehlung zur Zeit nicht geben können." Dies entspreche auch der Sicht der Zulassungsbehörden, denn eine Zulassung von Ginkgo-biloba-Extrakten speziell für die Alzheimer-Demenz liegt nicht vor.

Bereits im vergangenen Jahr war eine so genannte Metaanalyse von 35 klinischen Studien der Cochrane Collaboration zur Wirkung von Ginkgo-Extrakten bei Denkstörungen und Demenz zu dem Schluss gekommen, es gebe hierfür nur "inkonsistente und nicht überzeugende Belege"[4].

QuelleN:
[1] DeKosky S T, Ginkgo biloba for Prevention of Dementia, JAMA 2008;300(19):2253-2262
[2] Fa. Schwabe Arzneimittel: Stellungnahme zur US-Studie Ginkgo und Demenz
[3] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Ginkgohaltige Präparate bei Alzheimer-Demenz. Abschlussbericht A05-19B . Köln: IQWiG; 2008

[4] Birks J, Grimley Evans J, Ginkgo biloba for cognitive impairment and dementia. Cochrane Database of Systematic Reviews 2007, Issue 2. Art. No.: CD003120. DOI: 10.1002/14651858.CD003120.pub2

Fachlicher Kontakt bei Rückfragen
Prof. Dr. Günther Deuschl, 1. Vorsitzender der DGN, Direktor der Neurologischen Klinik,Klinikum der Universität Kiel, Tel. 0431/597-8550, E-Mail: g.deuschl@neurologie.uni-kiel.de
Pressestelle der DGN
c/o albertZWEI media GmbH, Frank A. Miltner, presse@dgn.org, Tel: 089 461486-14
Geschäftsstelle Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.
Prof. Dr. med. O. Busse, Reinhardtstr. 14, 10117 Berlin, Tel: 030 531437930,
busse@dgn-berlin.org

Frank A. Miltner | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgn.org

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