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Frauenmangel in Technikberufen: Aktuelles Forschungsprojekt spürt nach Gründen und Lösungen

25.01.2012
Männersache – Frauensache: Studie der Universität Hohenheim als Teil eines großangelegten Programms des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung

Damit gehört Deutschland zu den Schlusslichtern in Europa: Der Frauen-Anteil in den sogenannten MINT-Berufen (M-athematik, I-nformatik, N-aturwissenschaften und T-echnik) liegt bundesweit bei unter 20 Prozent. Woran das liegt, untersucht der Lehrstuhl für Statistik und Ökonometrie von Prof. Dr. Gerhard Wagenhals an der Universität Hohenheim. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert das auf zweieinhalb Jahre angelegte Forschungsprojekt mit 176.000 Euro. Damit ist es ein Schwergewicht der Forschung an der Universität Hohenheim.

„Das Dilemma beginnt schon an den Universitäten: Gerade mal sieben Prozent der höchst dotierten MINT-Professuren sind mit Frauen besetzt - damit spielt die Bundesrepublik in derselben Liga wie Litauen oder Slowenien“, sagt Prof. Dr. Gerhard Wagenhals. Der EU-Durchschnitt liegt bei 13 Prozent. Zu den Spitzenreitern gehören Ungarn, die Türkei und – mit stolzen 28 Prozent – Portugal.

Dabei klagt die deutsche Wirtschaft schon länger über Fachkräftemangel. In Zukunft wird der demographische Wandel die Lage weiter verschärfen: Schon heute sind vier von zehn Ingenieuren über 40 Jahre alt. Sie müssen also in einigen Jahren durch Jüngere ersetzt werden. „Aber wo sollen die Nachwuchs-Ingenieure herkommen?“, fragt Dipl. rer. com. Eva Schlenker. „Der Geburtenrückgang führt ja schon heute zu immer kleineren Abitursjahrgängen.“

Väter nehmen sich mehr Zeit für Söhne

Diese trüben Aussichten sind für die Doktorandin am Lehrstuhl für Statistik und Ökonometrie von Prof. Dr. Wagenhals Grund genug, zu untersuchen, weshalb der Frauenmangel in den MINT-Berufen zwischen Sizilien und Spitzbergen so groß ist.

Seit Februar 2011 wertet die junge Kommunikationswissenschaftlerin dazu riesige Datensätze aus. Am Ende soll ein Modell stehen, das die triste Wirklichkeit nicht nur abbildet, sondern auch erklärt: „Daraus lassen sich dann konkrete Empfehlungen für die Politik ableiten“, sagt Schlenker.
Daten aus den Jahren 2004 bis 2009 zeigen beispielsweise, was das Elterngeld seit seiner Einführung bewirkt hat: „Die Regelung hat dazu geführt, dass sich mehr Männer eine Auszeit nehmen als zuvor“, fasst Schlenker zusammen. „Aber es wird auch deutlich, dass sich Väter insbesondere dann eine Auszeit nehmen, wenn sie einen Sohn bekommen haben.“

Kinder gefährden Gleichstellung
Neu an Schlenkers Forschung ist ihr fächerübergreifender Ansatz. Denn die Doktorandin berücksichtigt in ihren Modellen auch gesellschaftliche Faktoren und individuelle Einstellungen.

In Deutschland sind die traditionellen Rollenverteilungen nämlich noch immer allgegenwärtig. So arbeiten Frauen nach der Geburt eines Kindes weniger, Männer dagegen mehr. Im Haushalt ist es genau umgekehrt: „Junge Paare teilen sich die Hausarbeit gleichmäßig auf. Doch die Geburt des ersten Kindes macht die Gleichstellung zunichte. Waschen, kochen und putzen sind dann zu 90 Prozent wieder Frauensache“, erklärt Schlenker.

Auch Frauen in MINT-Berufen bleiben von dieser Entwicklung nicht verschont: „Fast ein Viertel aller weiblichen Ingenieure arbeitet nicht in ihrem Beruf“, sagt Prof. Dr. Wagenhals. „Indem wir herausfinden, warum das so ist, können wir Lösungsansätze für dieses Problem aufzeigen.“

Ende der Spekulation
Schlenkers Modelle sollen bis Juli 2013 aber auch erklären, worüber bisher nur spekuliert wird: Warum ergreifen so wenige Frauen technische Berufe? Ändert der Girl’s Day etwas daran oder vielleicht getrennter Unterricht für Jungs und Mädels in der Oberstufe? Welche strukturellen Unterschiede gibt es zwischen der Ingenieurin und der Kindergärtnerin? Hat die eine einen Ingenieur als Vater und die andere nicht?
„Wir werden schließlich weniger durch unsere Gene als durch unsere Erziehung zu dem, was wir sind“, sagt Schlenker. „Denn in Ostdeutschland ist es viel selbstverständlicher, dass Mütter arbeiten gehen als im Westen und in Schweden sieht man viel mehr Väter mit ihren Kindern in Cafés sitzen als bei uns.“

Hintergrund: Forschungsprojekt Frauen in MINT-Berufen
Das auf drei Jahre angelegte Forschungsprojekt „Determinanten des Erwerbslebens von Frauen in MINT-Berufen im europäischen Vergleich“ ist Teil eines großangelegten Programms des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und des Europäischen Sozialfonds (ESF). Mit 176.000 Euro unterstützt das Ministerium das Forschungsprojekt an der Universität Hohenheim.

Hintergrund: Schwergewichte der Forschung
Fast 31 Millionen Euro an Drittmitteln akquirierten Wissenschaftler der Universität Hohenheim 2010 für Forschung und Lehre. In loser Folge präsentiert die Reihe „Schwergewichte der Forschung“ herausragende Forschungsprojekte mit einem Drittmittelvolumen von mindestens einer viertel Million Euro bzw. 125.000 Euro in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

Text: Weik / Klebs

Florian Klebs | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-hohenheim.de

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