Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Forscher fanden heraus: Kommunikation mit Behörden noch schwieriger als gedacht

27.08.2010
Nun ist es wissenschaftlich belegt: Behördenformulare sind zu schwierig. Menschen aus sozial benachteiligten Milieus haben häufig große Probleme bei der mündlichen und schriftlichen Kommunikation mit Behörden.

Dies stellt eine wesentliche Barriere für gesellschaftliche Teilhabe dar. Das fanden Prof. Dr. Uta M. Quasthoff, Prof. Dr. Ludger Hoffmann, Prof. Dr. Michael Kastner und ihr interdisziplinäres Team an der TU Dortmund im Rahmen des Projektes Schreiben zwischen Sprachen und Kulturen / Literacy between Languages and Cultures (LiLaC) jetzt heraus.

Sie fordern daher, dass der Austausch mit Behörden erleichtert werden muss. Die Forschergruppe untersuchte außerdem, welche Faktoren für diese Schwierigkeiten nun genau verantwortlich sind und ob auch mangelnde Deutschkenntnisse dazu beitragen.

LiLaC vereint sprachwissenschaftliche und psychologische Herangehensweisen und besteht insgesamt aus drei Teilstudien: einer quantitativen Pilotstudie, narrativ-autobiographischen Interviews und einer abschließenden Fragebogenstudie. Die Teilnehmer der Studie stammen aus benachteiligten Milieus im Ruhrgebiet mit niedrigem Sozialstatus und Bildungsstand. Unterteilt wurde dabei in die drei Altersgruppen, nämlich 60, 40 und 20 Jahre. Um diejenigen Faktoren zu identifizieren, die auf eine eingeschränkte Beherrschung des Deutschen als Zweitsprache zurückgehen, wurden sowohl Menschen mit als auch ohne Einwanderungshintergrund untersucht.

Der erste LiLaC-Teil, die auf Fragebögen basierende Pilotstudie, gab Aufschlüsse über die spezifischen Problemlagen in den Untersuchungsgruppen und bildete den Ausgangspunkt für die weiteren Erhebungen. Im zweiten Teil wurden ausführliche Interviews mit insgesamt 57 Teilnehmerinnen und Teilnehmern geführt und analysiert. Hier erzählten die Teilnehmer über sich selbst und ihren Umgang mit Behörden. Außerdem füllten sie Testformulare aus. Die Ergebnisse zeigen, dass alle Untersuchungsteilnehmer Schwierigkeiten hatten, ein einfaches Formular auszufüllen. Viele sind an Stellen, an denen sie selbst schreiben müssen, nicht in der Lage, die Fragen zu beantworten. Auf mangelnde Vertrautheit mit den Formularkonventionen konnte das nicht zurückgeführt werden, denn viele der Befragten sind beispielsweise häufiger zum Besuch beim Arbeitsamt oder der Ausländerbehörde gezwungen. Die meisten erleben ihre persönlichen oder schriftlichen Behördenkontakte als eine fremde – feindliche – Welt und persönlich als bedrohend.

Im dritten Teil der Studie, der abschließenden Befragung von 576 Untersuchungsteilnehmern per Fragebogen, konnten die Kategorien Transparenz, Autonomie, Affektivität und Durchsetzung der Klienteninteressen als wichtig für die persönliche Einschätzung von Behörden identifiziert werden. Transparenz meint dabei die Nachvollziehbarkeit der Abläufe in Behörden, Autonomie beschreibt die Möglichkeit, den Umgang mit Behörden selbstständig und ohne Hilfe von Dritten durchführen zu können. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, wird der Behördengang positiver erlebt. Auch Freundlichkeit und Höflichkeit der Mitarbeiter spielen eine wichtige Rolle.

Der Unterschied zwischen Muttersprachlern und Einwanderern im Bezug auf die Untersuchungsergebnisse ist dagegen eher gering. Beide Untersuchungsgruppen positionieren sich ähnlich in der Gesellschaft und haben vergleichbare Schwierigkeiten bei der Behördenkommunikation. Nur die Subgruppe derer, die Deutsch nur selten im Alltag, in der Familie oder im Beruf sprechen, zeigt deutliche Unterschiede zum Rest der Stichprobe. Hier herrschen weit mehr Probleme beim Verstehen und Ausfüllen von Formularen, die Untersuchungsteilnehmer dieser Gruppe fühlen sich schneller ausgeschlossen durch die verwendete Sprache in Briefen oder Formularen. Es besteht also weiter Bedarf an Texten in den Erstsprachen wie Türkisch und Russisch sowie Mitarbeiter, die diese Sprachen beherrschen.

Auf Grund dieser Ergebnisse regen die Forscher an, die hohen Anforderungen von Behörden in schriftsprachlicher und prozessualer Hinsicht zu reduzieren. Wenn Formulare von allen Probanden aus nicht privilegierten Milieus als zu schwierig eingeschätzt werden, ergibt sich die Konsequenz, dass behördliche Schriftlichkeit noch viel stärker vereinfacht werden muss. Vieles lässt sich besser im Gespräch klären.

Kontakt:
Prof. Dr. Uta M. Quasthoff
Institut für Deutsche Sprache und Literatur der TU Dortmund
Tel.: (0231) 755 – 5464
Mail: uta.quasthoff@tu-dortmund.de

Ole Lünnemann | idw
Weitere Informationen:
http://www.tu-dortmund.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wie gesund werden wir alt?
18.09.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Entrepreneurship-Studie: Großes Potential für Unternehmensgründungen in Deutschland
15.09.2017 | Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Posterblitz und neue Planeten

25.09.2017 | Veranstaltungen

Hochschule Karlsruhe richtet internationale Konferenz mit Schwerpunkt Informatik aus

25.09.2017 | Veranstaltungen

Junge Physiologen Tagen in Jena

25.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Die Parkinson-Krankheit verstehen – und stoppen: aktuelle Fortschritte

25.09.2017 | Medizin Gesundheit

Neurorehabilitation nach Schlaganfall: Innovative Therapieansätze nutzen Plastizität des Gehirns

25.09.2017 | Medizin Gesundheit

Posterblitz und neue Planeten

25.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten