Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Der Fahrstuhl geht meistens nach unten: Auf einen Schulaufsteiger kommen mehr als zwei Absteiger

30.10.2012
Studie der Bertelsmann Stiftung: Im Schuljahr 2010/11 wurden 50.000 Schüler abgeschult / Große Abweichungen zwischen den Ländern / Struktur des Schulsystems ist nicht der entscheidende Faktor / Trend zur Zweigliedrigkeit erkennbar

Auf einen Schulaufsteiger kommen in Deutschland mehr als zwei Absteiger. Dies geht aus einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung zur Durchlässigkeit der Schulsysteme hervor. Demnach wurden im Schuljahr 2010/11 rund 50.000 Schüler zwischen Klasse fünf und Klasse zehn auf eine niedrigere Schulform herabgestuft. Das bedeutet, aus durchschnittlich jeder zweiten Realschul- und Gymnasialklasse wurde ein Schüler abgeschult. Lediglich rund 23.000 Schülern hingegen gelang ein Aufstieg auf eine höhere Schulform.

Die Aufstiegschancen und der Anteil der Schulformwechsler unterscheiden sich für die einzelnen Bundesländer erheblich, jedoch lässt sich allein von der Struktur eines Schulsystems nicht eindeutig auf dessen Durchlässigkeit schließen, resümiert die Autorin der Studie, Professorin Gabriele Bellenberg, Bildungsforscherin an der Ruhr-Universität Bochum. Wechseln in Baden-Württemberg in der Sekundarstufe I – also zwischen der fünften und zehnten Klasse – nur jährlich 1,3 Prozent der Schüler die Schulform, sind es in Bremen 6,1 Prozent.

Die Häufigkeit von Schulformwechseln sagt noch nichts aus über das Verhältnis zwischen Auf- und Absteigern. Länder mit seltenen Schulformwechseln haben teils ein günstiges (Baden-Württemberg 1 zu 1,5), teils ein ungünstiges (Nordrhein-Westfalen 1 zu 5,6) Verhältnis zwischen Auf- und Absteigern. Ähnlich große Unterschiede zeigen sich unter den Ländern mit häufigen Schulformwechseln: In Bremen kommen auf einen Aufsteiger lediglich 2,4 Absteiger, während die Schulen in Berlin rechnerisch pro Aufsteiger sieben Schüler herabstufen. „Ein Schulsystem darf nicht nur nach unten durchlässig sein. Abschulungen sind häufig noch pädagogische Praxis, viel zu selten wird hingegen geprüft, ob ein Schüler einen Aufstieg schaffen kann“, sagte Jörg Dräger, Bildungsexperte und Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung.

Das bundesweit ungünstigste Verhältnis zwischen Auf- und Absteigern weist das niedersächsische Schulsystem auf, wo auf einen Aufsteiger mehr als zehn Absteiger kommen. Mehr Auf- als Absteiger (1 zu 0,9) gibt es nur in einem einzigen Bundesland, in Bayern. Dort allerdings entsteht, wie die Studie zeigt, das vermeintliche Plus an Aufstiegschancen erst aufgrund des restriktiven Übergangs von der Grundschule auf die weiterführenden Schulen. Jeder zweite Schulaufsteiger in Bayern wechselt nach der fünften Klasse von Haupt- oder Realschule auf eine höhere Schulform, startet dort jedoch erneut in Klasse fünf. Diese Schüler bezahlen folglich den Schulaufstieg mit einer Klassenwiederholung.

Die Struktur der Schulsysteme beeinflusst zwar deren Durchlässigkeit, so die Studie, der Typus zweigliedrig oder mehrgliedrig allein ist jedoch nicht entscheidend für die Aufstiegschancen der Schüler. In den klassischen mehrgliedrigen Schulsystemen ist das Verhältnis zwischen Auf- und Abstieg dort besonders schlecht, wo nur noch rund jedes zehnte Kind nach der Grundschule die Hauptschule besucht. In den Hauptschulen dieser Länder sammeln sich im Verlauf der Sekundarstufe I zu großen Teilen Schüler, deren Schullaufbahnen durch Misserfolge geprägt sind. In Niedersachsen etwa ist jeder dritte Hauptschüler auf diese Schulform herabgestuft worden, in Nordrhein-Westfalen nahezu jeder vierte. Wesentlich besser ist das Verhältnis von Auf- und Abstiegen in den ebenfalls mehrgliedrigen Schulsystemen von Baden-Württemberg und Bayern, wo die Hauptschule nicht zur „Restschule“ geworden ist.

Erstmals seit Beginn der derzeitigen Umbauphase in der Schullandschaft analysiert und vergleicht eine Studie alle 16 deutschen Schulsysteme. Zwar ist bundesweit ein klarer Trend zur Zweigliedrigkeit erkennbar, denn neben den fünf ostdeutschen Flächenländern haben sechs weitere Länder einen einschneidenden Wandel ihrer Schulstruktur hin zur Zweigliedrigkeit eingeleitet. Auch die fünf Bundesländer mit mehrgliedrigen Schulsystemen haben teilweise mit strukturellen Veränderungen begonnen. Dieser Trend zur Zweigliedrigkeit allerdings führt nicht zu mehr Übersichtlichkeit: Die Studie zählt allein für die Sekundarstufe I mittlerweile 22 verschiedene Schulformen – mit dem Gymnasium als einziger Schulform, die sich in jedem Bundesland findet.

Diese Vielfalt stelle die Bildungspolitik vor zwei wichtige Aufgaben, sagte Jörg Dräger. Erstens müsse die Forschung die Reformen und ihre Auswirkungen in den Ländern intensiver untersuchen, die Ergebnisse öffentlich machen und bundesweit vergleichen. Zweitens müsse, weil die Schulstruktur nicht der entscheidende Faktor für mehr Chancengerechtigkeit ist, umso mehr Wert auf individuelle Förderung gelegt werden. Dazu sei es notwendig, dass Schulen ihren Unterricht am pädagogischen Prinzip der individuellen Förderung ausrichten und Lehrer in Aus- und Fortbildung die Kompetenz dafür erwerben. „Auf Abschulungen und Klassenwiederholungen kann man dann weitgehend verzichten“, sagte Dräger.

Rückfragen an:

Antje Funcke, Telefon: 0 52 41 / 81-81 243
E-Mail: antje.funcke@bertelsmann-stiftung.de
Sarah Menne, Telefon: 0 52 41 / 81-81 260
E-Mail: sarah.menne@bertelsmann-stiftung.de
Anette Stein, Telefon: 0 52 41 / 81-81 274
E-Mail: anette.stein@bertelsmann-stiftung.de

Ute Friedrich | idw
Weitere Informationen:
http://www.bertelsmann-stiftung.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Studie zu sicherem Autofahren bis ins hohe Alter
19.06.2017 | Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften