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Einwanderung als wirtschaftlicher Gewinn - für fast alle

16.09.2008
Migranten ziehen häufig in ein neues Land, weil sie hoffen, dass es ihnen dort wirtschaftlich besser gehen wird als in der Heimat. In den Zielländern weckt der Zuzug mit Blick auf den eigenen Arbeitsplatz und Wohlstand häufig Unbehagen.

Der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Wilhelm Kohler hat untersucht, welche Effekte auf den deutschen Arbeitsmarkt durch mehr Immigranten zu erwarten sind - und hat wenig Beunruhigendes gefunden.

Studie über die Folgen einer freizügigen Immigration für den deutschen Arbeitsmarkt

Der Gedanke an eine steigende Zahl von Einwanderern weckt in Deutschland wie auch in anderen Ländern häufig Ängste. Manche Menschen sehen ihren Arbeitsplatz in Gefahr, und viele befürchten, dass die Löhne sinken. Denn die Neuen, die in der Regel aus ärmeren Ländern kommen, sind bereit, die gleiche Arbeit für weniger Geld zu machen. Bei der Osterweiterung der Europäischen Union im Jahr 2004, als weitere zehn Staaten aufgenommen wurden, gehörte Deutschland zu jenen EU-Mitgliedern, die keine sofortige Freizügigkeit der Arbeitskräfte aus diesen Ländern zulassen wollten.

Vielmehr nutzt Deutschland den von der EU gestatteten siebenjährigen Aufschub bis zur Öffnung des Arbeitsmarkts. Doch treffen die Befürchtungen der Deutschen überhaupt zu? Prof. Wilhelm Kohler und Dr. Gabriel Felbermayr vom Wirtschaftswissenschaftlichen Seminar der Universität Tübingen haben in einer Studie untersucht, welche Effekte auf den deutschen Arbeitsmarkt durch Einwanderer tatsächlich zu erwarten sind. Sie haben dabei ein Untersuchungsmodell, das für den US-amerikanischen Arbeitsmarkt entwickelt wurde, den deutschen Verhältnissen angepasst. Nach den Ergebnissen der Tübinger Wissenschaftler würden die meisten Menschen durch Einwanderung langfristig gewinnen, sowohl die Einheimischen als auch die Immigranten selbst.

Bei der Erweiterung der EU 2004 waren Großbritannien, Irland und Schweden die einzigen EU-Mitgliedsstaaten, die keine Einschränkungen für die Zuwanderung von Arbeitskräften aufbauten. Als im Jahr 2007 Bulgarien und Rumänien hinzukamen, blieb nur Schweden bei der großzügigen Einwanderungsregelung. Deutschland hingegen traf besonders strenge Restriktionen. Doch ist es sinnvoll, die potenzielle Einwanderungswelle um Jahre zu verschieben? Wilhelm Kohler hat in seiner Untersuchung zwei Aspekte in den Vordergrund gestellt: Er wollte zum einen die Auswirkungen der Immigration auf den deutschen Arbeitsmarkt auf Beschäftigung beziehungsweise Arbeitslosigkeit untersuchen und zum anderen die Auswirkungen auf das Lohnniveau. "Im Zuge der Globalisierung ist in den Industrieländern in den vergangenen zwanzig Jahren die Lohnschere zwischen gut und schlecht ausgebildeten Menschen weiter auseinandergegangen", sagt Wilhelm Kohler. Allgemein sei die Vermutung in der Politik, dass Immigration die Löhne senkt. "In den Fakten und Zahlen lässt sich dieser Effekt jedoch nur schwer nachweisen."

Der Volkswirtschaftsexperte wollte dies genauer prüfen und hat für seine Studie methodisch einen Ansatz von George Borjas von der Harvard University aufgegriffen. "Borjas ist der wohl bekannteste Migrationsökonom und ein streitbarer Wissenschaftler. Als Kubaner hat er selbst einen Migrationshintergrund", sagt Kohler. Borjas habe bei seinen Untersuchungen über die Auswirkungen von Immigration auf den US-amerikanischen Arbeitsmarkt die Arbeitskräfte differenziert in verschiedene Ausbildungskategorien eingeteilt, vom Hilfsarbeiter bis hin zu Personen mit einem höheren Bildungsabschluss. Unterschiedliche Stufen der Berufserfahrung wurden einbezogen. "Borjas hat außerdem berücksichtigt, dass sich manche Gruppen von Arbeitskräften nicht direkt ersetzen können, sondern kompliziertere Beziehungen bestehen. So kann etwa ein Bauarbeiter die Befürchtung haben, er könnte durch einen ausländischen Bauarbeiter ersetzt werden.

Doch vielleicht wünscht er sich sogar, dass mehr Bauingenieure zuwandern, sodass es auch für ihn mehr Arbeit gibt", nennt Kohler ein Beispiel. Borjas habe die Lohnmuster und die Zusammensetzung der Einwanderergruppen in den USA genau untersucht. Sein Ergebnis: In den USA mussten die Einheimischen in den vergangenen 15 bis 20 Jahren durch Immigration eine Lohnsenkung von 3,5 Prozent hinnehmen. Wilhelm Kohler merkt jedoch an: "Dieser Wert lässt sich so nicht im Vergleich der früheren und heutigen Durchschnittslöhne wiederfinden, das ist eine theoretische Simulation. In die tatsächliche Höhe der Löhne gehen sehr viele weitere Faktoren ein." Das Ergebnis für die USA sei überraschend gewesen, sagt Kohler, denn in früheren Untersuchungen sei kein solcher Lohnsenkungseffekt gefunden worden.

Um die Ergebnisse für Deutschland zu überprüfen, mussten die Tübinger Wissenschaftler zum einen einen passenden Datensatz finden und außerdem Borjas' Modell den deutschen Verhältnissen anpassen. "Das Datenmaterial haben wir aus dem Sozioökonomischen Panel, einer umfangreichen Haushaltsbefragung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, erhalten. Es passte gut in das Modell", berichtet Kohler. Bei der Anpassung des Modells musste vor allem die Möglichkeit der "Unterbeschäftigung", also Arbeitslosigkeit, einbezogen werden. "In den USA gibt es relativ wenig Unterbeschäftigung, da die Löhne sehr flexibel sind", erklärt der Wirtschaftswissenschaftler.

Es sei typisch für Europa, dass hier die Lohnverhandlungen mit den Gewerkschaften geführt würden, sodass die Lohngestaltung wenig flexibel und die Arbeitslosigkeit höher sei. Kohler und seine Koautoren haben in ihrer Studie ein Szenario angenommen, durch das sich der Immigrantenanteil an der Bevölkerung ungefähr verdoppelt hätte.

Nach Kohlers Ergebnissen kann es bei den Einheimischen kurzfristig tatsächlich tendenziell zu einer Lohnsenkung kommen, vor allem bei einem niedrigen Bildungsstand der Arbeitnehmer. Langfristig würde sich dieser Effekt jedoch wieder geben, und es wären sogar Gewinne möglich. Allerdings profitierten nicht alle und nicht alle gleichermaßen. "Insgesamt ergeben sich in Deutschland geringere Effekte als in den USA. Bedingt durch die Gewerkschaften verursacht Immigration geringere Lohnsenkungen", sagt Kohler. "Wir konnten in unserer Simulation auch nicht feststellen, dass die Arbeitslosigkeit unter Einheimischen langfristig steigen würde, wovor die Menschen ja im Allgemeinen Angst haben. Beunruhigend ist jedoch, dass den Berechnungen zufolge die Arbeitslosigkeit unter ausländischen Arbeitskräften bei unveränderten Arbeitsmarktinstitutionen durch Immigration langfristig steigen würde.

Trotz dieses Effekts müsse man feststellen: Die größten Gewinner der Migration sind die Migranten selbst, denn sie ziehen in die für sie produktivere Region. "In Deutschland ist einfach mehr zu verdienen als in Rumänien", macht Kohler die Situation deutlich. Und er bringt einen neuen Aspekt ins Spiel: "Wenn man es in der Politik ernst damit meint, die Weltarmut reduzieren zu wollen, so kommt man um die Erkenntnis nicht herum, dass eine erhebliche Armutsminderung auch über Migration zu erreichen wäre." Es sei die Aufgabe von Politik und Wissenschaft, dabei keine Extremsituationen mit Masseneinwanderungen in die Zielländer entstehen zu lassen. Kohler sähe einen guten Weg darin, die Einkommenszuwächse bei den Immigranten zugunsten der Einheimischen teilweise abzuschöpfen. "Das ist vielleicht unkonventionell, aber die Politik müsste solche Wege einschlagen, um die Akzeptanz von Immigration zu erhöhen."

Nähere Informationen:

Prof. Wilhelm Kohler
Wirtschaftswissenschaftliches Seminar
Abteilung Volkswirtschaftslehre, insbesondere internationale Wirtschaftsbeziehungen
Nauklerstraße 47, 72074 Tübingen
Tel. 0 70 71/2 97 60 13, Fax 0 70 71/29 52 23
E-Mail wilhelm.kohler [at] uni-tuebingen.de

Michael Seifert | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-tuebingen.de
http://www.uni-tuebingen.de/uni/qvo/pd/pd.html

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