Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Diebe wollen Gewinn, Autofahrer fürchten Gewalt

29.07.2011
Psychologe Dr. Sven Tuchscheerer untersuchte in seiner Dissertation an der TU Chemnitz das Thema Autodiebstahl aus Sicht der Opfer und der Täter - Vorschlag für den Schutz für Fahrzeuge und Fahrer

"Neben Wegfahrsperre und Lenkradschloss als Diebstahlschutz wünschen sich Autofahrer vermehrt Sicherheit für sich selbst", sagt Dr. Sven Tuchscheerer, der an der Technischen Universität Chemnitz im Fach Psychologie promoviert wurde. Er hat in seiner Dissertation zum Thema "Human Factors in Automotive Crime and Security" die Beziehungen zwischen Autofahrern und -dieben untersucht und festgestellt, welche Wünsche die Fahrer beim Schutz vor Kriminalität haben.

Die Promotion entstand während seiner Tätigkeit bei der Volkswagen AG Konzernforschung / UA Security in Wolfsburg. Betreut wurde die Arbeit von Prof. Dr. Josef Krems, Inhaber der Professur Allgemeine und Arbeitspsychologie. Krems nennt einige Zahlen: "Im Jahr 2007 wurden in Deutschland rund 40.000 Fahrzeuge geklaut. Ungefähr alle zwei Minuten ereignet sich ein Diebstahl in oder aus einem Kfz. Dazu kommen Unterschlagung, Hehlerei, Raub und Sachbeschädigung. Es ist deshalb verständlich, dass die Fahrzeugkriminalität inzwischen ein wichtiger Gegenstand der Kriminologie einerseits und der Angewandten Psychologie andererseits geworden ist. Ziel der Arbeit von Sven Tuchscheerer ist die genaue und systematische Beschreibung unterschiedlicher Formen von Fahrzeugkriminalität und deren Ursachen."

In einer ersten Studie befragte der TU-Absolvent 40 Besitzer von Oberklassefahrzeugen nach ihrer subjektiven Kriminalitätsfurcht. Denn Oberklassefahrzeuge sind bei Autodieben besonders begehrt. Mithilfe der Anschlussstudie - einer Online-Befragung von mehr als 2.000 deutschen Autofahrern - entwickelte er ein Modell. Dieses bildet die Zusammenhänge zwischen unter anderem Fahrzeug, Nutzung, Schutzsystem, Versicherung, Furcht vor Fahrzeugkriminalität und eingeschätzten Kosten ab.

"Die Täter wollen vor allem finanziellen Gewinn erzielen. Dazu passen die Befürchtungen der Fahrzeugbesitzer nur bedingt", berichtet Tuchscheerer. Die Fahrer haben demnach hauptsächlich Angst vor tätlichen Angriffen. Der finanzielle Schaden durch einen Autodiebstahl ist für sie zweitrangig. "Interessanterweise vermeiden jedoch Täter eigentlich den Kontakt mit den Fahrzeugbesitzern, weil diese einen unkalkulierbaren Faktor darstellen. Auch möchten sie keine Gewalt anwenden, da sie Angst vor der deutlich härteren Bestrafung in solchen Fällen haben", erklärt Tuchscheerer.

Auch bei der Bewertung von Sicherheitssystemen zeigen sich Widersprüche. "Autofahrer wünschen sich präventive Systeme: vor allem eine Möglichkeit der präventiven Navigation oder eine automatische Verriegelung des Fahrzeuges, um ein Aufreißen der Tür verhindern", so Tuchscheerer. Auf der Wunschliste folgen Schutzsysteme wie die Kameraüberwachung des Fahrzeuginnenraums, eine automatische Notruffunktion oder die Fahrzeugortung mittels GPS. Nur wenig versprechen sich die Fahrer von so genannten repressiven Systemen - also jenen, die die Tat nicht verhindern, sondern zur Ergreifung des Täters beitragen.

Viele Täter hingegen bewerten die präventiven Systeme als "wenig wirksam" und "schlimmstenfalls lästig". Zu diesem Ergebnis kommt Tuchscheerer durch die Befragung von elf Tätern, die mehrfach wegen Fahrzeugdelikten vorbestraft sind und um Zeitpunkt der Untersuchung eine Gefängnisstrafe verbüßten. Wegfahrsperre, Lenkradschloss, Alarmanlagen oder Sicherheitsverglasung stellen für sie selten bis nie Probleme dar. Systeme, die den Täter identifizieren helfen, schätzen die Kriminellen wesentlich häufiger als "problematisch" ein. Vor allem, wenn diese nachträglich eingebaut wurden und im Auto gut versteckt sind.

Geminderter Gewinn schreckt ab

Tuchscheerer empfiehlt auf Grundlage seiner Forschungsergebnisse einen bisher kaum verfolgten Ansatz: die Minderung des Gewinns, der durch Fahrzeugkriminalität erzielt werden kann. "Ein Lahmlegen eines Fahrzeuges nach erkanntem Diebstahl ist in Deutschland aus rechtlichen Gründen nicht zulässig. Es lassen sich aber viele nicht primär fahrrelevante Fahrzeugkomponenten außer Gefecht setzen oder stören", so Tuchscheerer. Beispiel: Bei warmen Außentemperaturen wird die Klimaanlage automatisch deaktiviert und die Heizung eingeschaltet. Die Fenster werden geschlossen und gegen das Öffnen gesperrt. Zusätzlich wird die Sitzheizung auf die höchste Stufe gestellt. Bei kalten Temperaturen hingegen schaltet sich die Klimaanlage ein, die Heizung wird deaktiviert. Bei einer Geschwindigkeit bis 40 Kilometer pro Stunde öffnen sich automatisch die Fenster und können manuell nicht wieder geschlossen werden. Das gestohlene Auto verliert so deutlich an Wert.

"Durch solche Maßnahmen würde die Kosten-Nutzen-Abschätzung seitens der Täter beeinflusst. Das könnte abschreckender wirken als die Erhöhung der Kosten, die zum Beispiel für die Überwindung einer Wegfahrsperre anfallen", so Tuchscheerer. Härtere Strafen seien hingegen wenig wirksam; Strafmaß und Risiko wurden von allen elf befragten Verurteilten unterschätzt. Auch eine verstärkte Polizeipräsenz nutze voraussichtlich wenig. Zwar wünschen sich Fahrzeugbesitzer diese, Täter jedoch werden dadurch kaum abgeschreckt. Vor allem Profis stellen lediglich ihre Strategien um und kommen auf anderen Wegen zum Erfolg.

Tuchscheerer arbeitet derzeit am Institut für Technische und Betriebliche Informationssysteme der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg in der Arbeitsgruppe Multimedia and Security (AMSL), wo sein Schwerpunkt auf IT-Systemen im Fahrzeug und ihrer Angreifbarkeit liegt.

Weitere Informationen erteilt Dr. Sven Tuchscheerer, Telefon 0391-67-11876, E-Mail sven.tuchscheerer@iti.cs.uni-magdeburg.de.

Hinweis: Die Dissertation von Dr. Sven Tuchscheerer zum Thema "Human Factors in Automotive Crime and Security" finden Interessenten im Online-Archiv MONARCH der TU Chemnitz: http://www.qucosa.de/fileadmin/data/qucosa/documents/7058/Dissertationsschrift

__Tuchscheerer_Veroeffentlichung_ncp.pdf

Katharina Thehos | Technische Universität Chemnitz
Weitere Informationen:
http://www.tu-chemnitz.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Klimawandel: ungeahnte Rolle der Bodenerosion
11.04.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Europaweite Studie zu „Smart Engineering“
30.03.2017 | IPH - Institut für Integrierte Produktion Hannover gGmbH

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Im Focus: Leichtbau serientauglich machen

Immer mehr Autobauer setzen auf Karosserieteile aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK). Dennoch müssen Fertigungs- und Reparaturkosten weiter gesenkt werden, um CFK kostengünstig nutzbar zu machen. Das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) hat daher zusammen mit der Volkswagen AG und fünf weiteren Partnern im Projekt HolQueSt 3D Laserprozesse zum automatisierten Besäumen, Bohren und Reparieren von dreidimensionalen Bauteilen entwickelt.

Automatisiert ablaufende Bearbeitungsprozesse sind die Grundlage, um CFK-Bauteile endgültig in die Serienproduktion zu bringen. Ausgerichtet an einem...

Im Focus: Making lightweight construction suitable for series production

More and more automobile companies are focusing on body parts made of carbon fiber reinforced plastics (CFRP). However, manufacturing and repair costs must be further reduced in order to make CFRP more economical in use. Together with the Volkswagen AG and five other partners in the project HolQueSt 3D, the Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) has developed laser processes for the automatic trimming, drilling and repair of three-dimensional components.

Automated manufacturing processes are the basis for ultimately establishing the series production of CFRP components. In the project HolQueSt 3D, the LZH has...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Ballungsräume Europas

26.04.2017 | Veranstaltungen

200 Weltneuheiten beim Innovationstag Mittelstand in Berlin

26.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Wie digitale Technik die Patientenversorgung verändert

26.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Akute Myeloische Leukämie: Ulmer erforschen bisher unbekannten Mechanismus der Blutkrebsentstehung

26.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Naturkatastrophen kosten Winzer jährlich Milliarden

26.04.2017 | Interdisziplinäre Forschung

Zusammenhang zwischen Immunsystem, Hirnstruktur und Gedächtnis entdeckt

26.04.2017 | Biowissenschaften Chemie