Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Warum es Deutschland wirtschaftlich so gut geht

03.02.2014
Deutschlands viel beachteter wirtschaftlicher Aufschwung ist weniger auf die Hartz-Reformen, sondern auf das dezentralisierte Lohnfindungssystem zurückzuführen – zeigt eine neue Studie.

Der erstaunliche Wandel Deutschlands vom ‘kranken Mann Europas’ zu einer dynamischen und wettbewerbsstarken Volkswirtschaft wird oft auf eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik zurückgeführt, vor allem auf die nach 2002 durchgeführten Hartz-Reformen.

Einer neuen Studie zufolge, die jetzt im Journal of Economic Perspectives erschienen, ist dieser Erfolg jedoch vielmehr auf die Flexibilität des deutschen Lohnfindungssystems zurückzuführen, insbesondere auf die Tarifautonomie. Diese erlaubte eine Dezentralisierung des Lohnfindungsprozesses und hat dadurch zu einer dramatischen Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der Deutschen Volkswirtschaft beigetragen.

Die Forschungsergebnisse haben wichtige Implikationen dafür, welche Lehren sich aus der deutschen Erfolgsgeschichte für die von der Wirtschaftskrise gezeichneten Volkswirtschaften Südeuropas ziehen lassen.

Professor Christian Dustmann, einer der Autoren der Studie, sagt: „Wir glauben nicht, dass der politische Prozess alleine - ohne die im Rahmen der Tarifautonomie existierenden Flexibilitätsspielräume - in der Lage gewesen wäre, die dramatische Dezentralisierung der Lohnfindung in Deutschland herbeizuführen, welche letztendlich für die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit entscheidend war.

In anderen Ländern, wie zum Beispiel Italien und Frankreich, ist die Lohnfindung von weitaus zentralisierteren und gesetzlich stärker verankerten Arbeitsmarktinstitutionen geprägt als in Deutschland. Reformen sind daher viel stärker vom politischen Prozess abhängig. Ob diese Länder in absehbarer Zeit eine ähnliche Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit wie Deutschland erreichen können, ist daher fraglich.“

Die Studie „From Sick Man of Europe to Economic Superstar: Germany’s Resurgent Economy“ der Wirtschaftsforscher Christian Dustmann (University College London), Bernd Fitzenberger (Universität Freiburg), Uta Schönberg (University College London) und Alexandra Spitz-Oener (Humboldt-Universität zu Berlin) umfasst eine detaillierte Analyse der Umstände, die zu dem viel beachteten Wandel der deutschen Volkswirtschaft beigetragen haben.

Die wichtigsten Ergebnisse:

• Die Hauptursache für Deutschlands wirtschaftlichen Erfolg is die besondere Struktur der industriellen Beziehungen, geprägt durch die Tarifautonomie, in der Verdienste und Arbeitsbedingungen nicht zentral rechtlich geregelt sind, sondern vielmehr durch Verträge und Vereinbarungen zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften, bzw. zwischen Unternehmensleitungen und Betriebsräten, festgelegt werden.

• Diese Flexibilität wurde offensichtlich im Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung, unter den extremen wirtschaftlichen Herausforderungen durch die Wiedervereinigung und die einsetztende Globalisierung, und erlaubte eine zunehmende Dezentralisierung der Lohnverhandlungen und im Ergebnis erhebliche Lohnzurückhaltung.

• In der Folge fielen die Lohnstückkosten in Deutschland flächendeckend über alle Industriezweige, was die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Exportindustrie deutlich verbesserte.

• Die Hartz-Reformen (2002-2005) spielten keine wesentliche Rolle in der Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie. Der Prozess der Dezentralisierung der Lohnsetzung und die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit hatte schon ein Jahrzehnt zuvor, etwa Mitte der 90er Jahre, begonnen.

Die Ergebnisse der Studie eröffnen eine neue Sichtweise auf die Rolle der Wirtschaftspolitik in der viel beachteten wirtschaftliche Erholung Deutschlands. Als Lehre aus diesen Erfahrungen in Deutschland sollte den Autoren zufolge ein besonderes Augenmerk auf solche Arbeitsmarktreformen gelegt werden, die das System der industriellen Beziehungen daraufhin verändern, dass Lohnverhandlungen dezentral auf Firmenebene stattfinden, gleichzeitig aber Mitspracherechte für Arbeitnehmer (etwa über Betriesbräte) gesichert sind.

Weitere Informationen
Die volle Studie ist erhältlich als CReAM Diskussionspapier No 06/14 unter dem Link http://www.cream-migration.org/publ_uploads/CDP_06_14.pdf
Kontakt
Professor Christian Dustmann, PhD
Department of Economics
University College London
email: c.dustmann@ucl.ac.uk
Handy: +44 (0) 7818 048 380
Prof. Dr. Alexandra Spitz-Oener
Fakultät für Wirtschaftswissenschaften
Humboldt-Universität zu Berlin
Tel.: 030 2093 1679
alexandra.spitz-oener@wiwi.hu-berlin.de

Hans-Christoph Keller | idw
Weitere Informationen:
http://www.hu-berlin.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Der Klang des Ozeans
12.01.2017 | Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

nachricht Verstädterung wird 300.000 km2 fruchtbarsten Ackerlands verschlingen
27.12.2016 | Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) gGmbH

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit solaren Gebäudehüllen Architektur gestalten

Solarthermie ist in der breiten Öffentlichkeit derzeit durch dunkelblaue, rechteckige Kollektoren auf Hausdächern besetzt. Für ästhetisch hochwertige Architektur werden Technologien benötigt, die dem Architekten mehr Gestaltungsspielraum für Niedrigst- und Plusenergiegebäude geben. Im Projekt »ArKol« entwickeln Forscher des Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern aktuell zwei Fassadenkollektoren für solare Wärmeerzeugung, die ein hohes Maß an Designflexibilität erlauben: einen Streifenkollektor für opake sowie eine solarthermische Jalousie für transparente Fassadenanteile. Der aktuelle Stand der beiden Entwicklungen wird auf der BAU 2017 vorgestellt.

Im Projekt »ArKol – Entwicklung von architektonisch hoch integrierten Fassadekollektoren mit Heat Pipes« entwickelt das Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern...

Im Focus: Designing Architecture with Solar Building Envelopes

Among the general public, solar thermal energy is currently associated with dark blue, rectangular collectors on building roofs. Technologies are needed for aesthetically high quality architecture which offer the architect more room for manoeuvre when it comes to low- and plus-energy buildings. With the “ArKol” project, researchers at Fraunhofer ISE together with partners are currently developing two façade collectors for solar thermal energy generation, which permit a high degree of design flexibility: a strip collector for opaque façade sections and a solar thermal blind for transparent sections. The current state of the two developments will be presented at the BAU 2017 trade fair.

As part of the “ArKol – development of architecturally highly integrated façade collectors with heat pipes” project, Fraunhofer ISE together with its partners...

Im Focus: Mit Bindfaden und Schere - die Chromosomenverteilung in der Meiose

Was einmal fest verbunden war sollte nicht getrennt werden? Nicht so in der Meiose, der Zellteilung in der Gameten, Spermien und Eizellen entstehen. Am Anfang der Meiose hält der ringförmige Proteinkomplex Kohäsin die Chromosomenstränge, auf denen die Bauanleitung des Körpers gespeichert ist, zusammen wie ein Bindfaden. Damit am Ende jede Eizelle und jedes Spermium nur einen Chromosomensatz erhält, müssen die Bindfäden aufgeschnitten werden. Forscher vom Max-Planck-Institut für Biochemie zeigen in der Bäckerhefe wie ein auch im Menschen vorkommendes Kinase-Enzym das Aufschneiden der Kohäsinringe kontrolliert und mit dem Austritt aus der Meiose und der Gametenbildung koordiniert.

Warum sehen Kinder eigentlich ihren Eltern ähnlich? Die meisten Zellen unseres Körpers sind diploid, d.h. sie besitzen zwei Kopien von jedem Chromosom – eine...

Im Focus: Der Klang des Ozeans

Umfassende Langzeitstudie zur Geräuschkulisse im Südpolarmeer veröffentlicht

Fast drei Jahre lang haben AWI-Wissenschaftler mit Unterwasser-Mikrofonen in das Südpolarmeer hineingehorcht und einen „Chor“ aus Walen und Robben vernommen....

Im Focus: Wie man eine 80t schwere Betonschale aufbläst

An der TU Wien wurde eine Alternative zu teuren und aufwendigen Schalungen für Kuppelbauten entwickelt, die nun in einem Testbauwerk für die ÖBB-Infrastruktur umgesetzt wird.

Die Schalung für Kuppelbauten aus Beton ist normalerweise aufwändig und teuer. Eine mögliche kostengünstige und ressourcenschonende Alternative bietet die an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aquakulturen und Fangquoten – was hilft gegen Überfischung?

16.01.2017 | Veranstaltungen

14. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

12.01.2017 | Veranstaltungen

Leipziger Biogas-Fachgespräch lädt zum "Branchengespräch Biogas2020+" nach Nossen

11.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltweit erste Solarstraße in Frankreich eingeweiht

16.01.2017 | Energie und Elektrotechnik

Proteinforschung: Der Computer als Mikroskop

16.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Vermeintlich junger Stern entpuppt sich als galaktischer Greis

16.01.2017 | Physik Astronomie