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Bremer Uni-Studie: Flächendeckend höhere Benzinpreise deuten nicht gleich auf Preisabsprachen hin

04.07.2012
Physiker belegen anhand eines Modells, dass eine breite Preisdynamik auch spontan entstehen kann. Die entscheidende Variable: Wer passt seine Strategie schneller an – Verkäufer oder Käufer? Die Modellergebnisse können für die Marktregulierung nützlich sein.

Schnelle Preisanstiege und unvorhersagbare Schwankungen bei den Benzinpreisen verärgern immer wieder die Autofahrer. Nicht selten wird gemutmaßt, dass die Mineralölkonzerne vielleicht Absprachen treffen – mit dem Ziel, durch eine Kartellbildung die Preise künstlich hoch zu halten und damit den Profit zu steigern.

Eine Studie von Wissenschaftlern des Instituts für Theoretische Physik (ITP) der Universität Bremen zeigt jedoch, dass eine an ein Kartell erinnernde Preisdynamik bei bestimmten Gütern – wie zum Beispiel Benzin – auch spontan entstehen kann, und das ohne jede Absprache zwischen den Verkäufern. Das Ergebnis der Studie bedeutet nicht, dass Firmen nicht doch abgesprochene Kartelle bilden. Aber wenn – wie derzeit immer wieder diskutiert – über eine Regulierung des Kraftstoff-Marktes nachgedacht wird, muss nach Ansicht der Bremer Forscher berücksichtigt werden, dass es zu dieser „selbstorganisierten Kartellbildung“ kommen kann.

“No Need for Conspiracy: Self-Organized Cartel Formation in a Modified Trust Game,” heißt die Studie, die die beiden Physiker Dr. Tiago P. Peixoto und Professor Stefan Bornholdt von der Universität Bremen kürzlich in einer Ausgabe des Fachmagazins Physical Review Letters veröffentlicht haben. „Unsere Arbeit zeigt: Unter sehr einfachen und plausiblen Annahmen für die Dynamik eines Marktes kann ein kartellähnliches Verhalten der Verkäufer entstehen, ohne dass diese sich explizit absprechen“ sagt Stefan Bornholdt. „ Nach unserem Wissen ist diese Erkenntnis völlig neu – und vor dem Hintergrund der aktuellen Benzinpreisdiskussionen in den Medien sicherlich interessant. Trotz höherer Preise haben Untersuchungen der Kartellbehörde bislang keine Hinweise darauf gegeben, dass sich die Mineralölkonzerne absprechen.“
Deshalb hätten sich die Theoretischen Physiker gefragt, ob kartellähnliches Verhalten auch von alleine entstehen kann, ohne Spuren zu hinterlassen. „Weil die Benzinpreise in Deutschland schon lange sowohl räumlich als auch zeitlich stark in Bewegung sind, wurden wir neugierig: Könnte diese permanente Fluktuation ein Anzeichen für eine kollektive Dynamik sein, die auf ungewöhnlichen Wechselwirkungen zwischen den Tankstellen beruht?“

In dem Modell handeln eine Million Akteure miteinander

Die beiden Forscher entwickelten daraufhin ein Modell auf der Basis realer Marktszenarien, mit dem sie die spontane Entstehung kartellähnlichen Verhaltens beobachteten. In diesem Modell handeln eine Million Akteure miteinander. Sie treten als Händler (Käufer oder Verkäufer) eines notwendigen Versorgungsgutes (Benzin, Lebensmittel, etc.) auf. Als Käufer muss ein Akteur das notwendige Produkt kaufen; er darf jedoch wählen, bei welchem Verkäufer er kauft. Als Verkäufer kann ein Händler den Preis setzen – wohl wissend, dass ein zu niedriger Preis dem Profit schadet und ein zu hoher Preis die Kunden zu anderen Verkäufern treibt. Im Verlauf der Simulation passen Käufer und Verkäufer ihre Strategie an: Die Käufer vergleichen die Preise und überlegen genau, wo sie kaufen. Die Verkäufer erhöhen oder senken ihre Preise, indem sie Preise anderer Verkäufer mit höherem Profit kopieren.
„Die entscheidende Variable in diesem Spiel ist: Wer kann seine Strategie am schnellsten der gerade aktuellen Situation anpassen?“, sagt Stefan Bornholdt. „Wenn die Käufer schneller handeln können als die Verkäufer – also in unserem Beispiel massenhaft zur Tankstelle fahren, um bei niedrigen Preisen vollzutanken – dann zeigt unser Modell, dass die Verkäufer davon profitieren. Weil der Verkäufer mit dem niedrigsten Preis am meisten profitiert – er hat die meisten Kunden – kopieren die anderen Verkäufer nach und nach diese niedrigen Preise. Und zwar so lange, bis alle Verkäufer den gleichen niedrigen Preis haben.“

Wenn die Verkäufer schneller sind, profitieren sie auch

Wenn aber die Verkäufer ihre Strategien in einem bestimmten Zeitfenster schneller als die Käufer anpassen können, dann profitiert die gesamte Gruppe der Verkäufer – zu Lasten der Käufer. Bornholdt: „Wenn die Verkäufer mit dem ‚Kopieren‘ der höheren Preise schnell genug sind, kann der Käufer nicht mehr reagieren, indem er zu einem günstigeren Angebot fährt. Dann sind nämlich bereits nach kurzer Zeit die Niedrigpreis-Optionen verschwunden – plötzlich ist Benzin überall teuer. Das kennzeichnet den Beginn einer kartellähnlichen Phase.“

Die Arbeit der Bremer Physiker zeigt, dass Zeit der entscheidende Faktor ist, ob eine solche Situation entstehen kann. „Preisvergleichs-Webseiten oder Smartphone-Apps könnten für Verbraucher eine Möglichkeit sein, schneller auf Preisänderungen zu reagieren. Wenn ein landesweites Ranking der Benzinpreise in Echtzeit verfügbar wäre, könnte dies ein kartellähnliches Verhalten unterdrücken.“ Allerdings reiche die bloße Existenz eines Onlinekatalogs nicht aus – es müsse von einer ausreichenden Anzahl von Konsumenten auch benutzt werden. Eine kleine Konsumentengruppe könnte auf lange Sicht nicht profitieren und damit ein Kartell auch nicht zu Fall bringen.

An der „kritischen Schwelle“ sind die Preisschwankungen am größten

Anders als im erstgenannten Szenario, bei dem sich die Preise auf niedrigem Niveau stabilisieren, schwanken die Preise in dem Kartell-Szenario aufgrund der ständigen Konkurrenz zwischen den Verkäufern enorm. Die Preisschwankungen sind in der Nähe der kritischen Schwelle am größten – also in dem Aktionsbereich, wo das Käuferverhalten am ehesten für entscheidende Änderungen sorgt.

Das Modell zeigt auch eine andere interessante Eigenart dieser Preisschwankungen: Der mittlere Preis steigt oft sehr schnell, sinkt aber langsamer. Diese Art der Schwingungen – auch als Edgeworth Preiszyklen bekannt – sind aus echten Märkten bekannt. Sie können schon mit einfachen Modellen auf der Basis von zwei Verkäufern vorhergesagt werden. Im Gegensatz dazu enthält das hier betrachtete Modell viele Händler und zudem das Käuferverhalten. Damit ist es realistischer. Trotzdem, so erklären die Forscher, sei die Vorhersage zukünftiger Preise mit diesem Modell schwierig, da die Preiszyklen nicht periodisch sind.
Hohe Benzinpreise können auch eine natürliche Folge des Marktes sein

Die Modellergebnisse könnten dennoch nützlich für die Marktregulierung sein, wenn Aufsichtsbehörden Absprachen zwischen Firmen zur Profitsteigerung vermuten. Wenn Verkäufer einfach nur schnell ihre individuellen Preisstrategien ändern können, dann wären hohe Benzinpreise möglicherweise nichts anderes als eine natürliche Folge des Marktes.
Die Forscher planen, ihr Modell weiter zu verbessern. „Es kann noch realistischer gemacht werden, vor allem durch Berücksichtigung räumlicher Randbedingungen. Eine günstigere Tankstelle 100 Kilometer entfernt ist keine Alternative“, sagt Bornholdt. „Räumliche Randbedingungen können die Dynamik in solchen Systemen signifikant verändern.“

Gesamte Studie: Tiago P. Peixoto and Stefan Bornholdt. “No Need for Conspiracy: Self-Organized Cartel Formation in a Modified Trust Game.” Physical Review Letters 108, 218702 (2012). Direktlink: http://prl.aps.org/abstract/PRL/v108/i21/e218702

Hinweis: Teile dieser Pressemittelung basieren auf einem englischsprachigen Artikel auf der Webseite phys.org: Lisa Zyga: High gas prices may be explained by self-organized cartel behavior, 21.06.2012. Direktlink: http://phys.org/news/2012-06-high-gas-prices-self-organized-cartel.html

Weitere Informationen:

Universität Bremen
Fachbereich Physik / Elektrotechnik
Institut für Theoretische Physik
Prof. Dr. Stefan Bornholdt
Tel. 0421 / 218-62060
E-Mail: bornholdt@itp.uni-bremen.de

Eberhard Scholz | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bremen.de

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