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China vor historischen Arbeitsmarktreformen - Wandel hin zu internationalen Standards und besserem Arbeitnehmerschutz

05.12.2007
Erste europäisch-chinesische Studie über den chinesischen Arbeitsmarkt zeigt auch Probleme durch Fachkräftemangel und demographischen Wandel

China startet mit Beginn des neuen Jahres einen der weitreichendsten Reformprozesse zur Modernisierung der Arbeitsgesetze und des Arbeitsmarktes in der Geschichte des Landes. Die neuen Gesetze sollen am 1. Januar 2008 in Kraft treten. Die Arbeitsmarktreformen gewähren dem einzelnen Arbeitnehmer deutlich mehr gesetzlich durchsetzbare Rechte und bedeuten mehr Rechtssicherheit auch für ausländische Arbeitgeber.

Die Reformen geschehen zu einem Zeitpunkt, da sich China mit einem immer grösser werdenden Mangel an qualifizierten Arbeitskräften und einem tiefgreifenden demographischen Wandel konfrontiert sieht. Diese Probleme könnten zu einer erheblichen Gefährdung für das weitere Wirtschaftswachstum des Landes werden. So lauten die Ergebnisse der ersten gemeinsamen europäisch-chinesischen Arbeitsmarktstudie durch die Shanghai Academy of Social Sciences und das Adecco Institut (London), in Zusammenarbeit mit der Universität Warwick (UK). Die Studie wurde heute in Zürich veröffentlicht.

"Wir erachten die geplanten Reformen der chinesischen Arbeitsgesetze als Durchbruch und grossen Schritt in Richtung internationaler Arbeitsmarktstandards. Tarifverträge, gesetzlich durchsetzbare Arbeitnehmerrechte und Kündigungsschutz sind in China keine Tabus mehr. Die neuen Arbeitsgesetze sind ein gutes Beispiel für die wachsende Offenheit Chinas, sich Erfahrungen aus dem Ausland, namentlich europäische Erfahrungen, zunutze zu machen", so Wolfgang Clement, Vorsitzender des Adecco Instituts und ehemaliger deutscher Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit.

Chinas Arbeitmarktreformen dehnen den Kündigungsschutz aus, schreiben mehr schriftliche Arbeitsverträge vor, verlangen prinzipiell gleichen Lohn für gleiche Arbeit, regeln die Schlichtung bei Arbeitsstreitigkeiten und weiten Ansprüche auf Abfindungen aus.

"Auch wenn die neuen Gesetze langfristig zu einer Steigerung der Lohnstückkosten in China führen können, wird es doch bedeutende Vorteile für ausländische Unternehmen geben, weil die Gesetze für mehr Transparenz und Rechtssicherheit sorgen", so Peter Siderman, Geschäftsführer des Adecco Instituts.

Die neuen Gesetze liefern den strategischen Fahrplan für die kommenden 10 bis 15 Jahre. Sie sollen die hohe Arbeitskräftefluktuation verlangsamen und eine grössere Verfahrenstransparenz bei der Beilegung von Konflikten am Arbeitsplatz bringen. Sie sollen einen besseren Schutz von Patenten und Geschäftsgeheimnissen gewährleisten und Anreize für Arbeitgeber bieten, in die Fortbildung ihrer Mitarbeiter zu investieren. Auch neue Formen der flexiblen Arbeitsgestaltung, z.B. durch Zeitarbeit, sowie die Inanspruchnahme von Personaldienstleistern werden zulässig.

"Am wichtigsten ist vielleicht, dass die chinesische Regierung die neuen Arbeitsgesetze quer durch alle Provinzen effektiver als bisher umsetzen will. Dies wäre eine der spektakulärsten vertrauensbildenden Reformen des neuen China", fügte Siderman hinzu.

Fachkräftemangel verlangsamt das Wachstum

Die Reformen sind auch als Antwort auf den wachsenden Fachkräftemangel und die demographischen Veränderungen zu sehen, insbesondere auf die Alterung der Erwerbsbevölkerung. Während die Arbeitslosigkeit unter ungelernten Arbeitskräften hoch ist, führt der Mangel an Fachkräften zu ernstzunehmenden Problemen. Dies trifft sowohl ausländische als auch chinesische Unternehmen. China leidet an einem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften in einer ganzen Reihe von Wirtschaftszweigen, von der verarbeitenden Industrie bis hin zu Dienstleistungen. Der Mangel im Bereich des mittleren und gehobenen Managements verlangsamt in einigen Branchen bereits das wirtschaftliche Wachstum.

Die Studie zeigt, dass der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften auf fünf Gebieten besonders ausgeprägt ist: mittleres und gehobenes Management, Mitarbeiter mit englischen Sprachkenntnissen, Personal für Forschung und Entwicklung, leitende Fachkräfte und Facharbeiter mit technischer Ausbildung. Trotz der jährlich fast 5 Millionen neuen Universitätsabsolventen in China (allein im Ingenieurswesen gibt es in China 600.000 Absolventen jährlich; in den USA sind es 70.000) finden ausländische Unternehmen nur schwer Bewerber mit ausreichenden Qualifikationen. Nur 10% der Absolventen verfügen über die für ausländische Unternehmen notwendigen Englischkenntnisse - obwohl 20% aller neuer Stellen durch ausländische Unternehmen geschaffen werden.

"Die Arbeitsmarktfähigkeit der Universitätsabsolventen würde sich verbessern, wenn sich China ebenso wie auf die Steigerung der Absolventenzahlen auch auf die Verbesserung der Ausbildungsqualität konzentrieren würde. Sowohl in Europa als auch in China müssen Staat, Schulen, Universitäten und Unternehmen beginnen, gemeinsam eine Brücke von der Schule oder Hochschule zur Arbeitswelt zu schlagen.

Die hermetische Trennung zwischen diesen beiden Welten ist ein Hauptgrund für den Fachkräftemangel - in China wie auch in Europa", kommentierte Wolfgang Clement.

Arbeitskräftealterung

Die Studie verweist ebenfalls auf den rasanten demographischen Wandel, der in China vor allem durch die Ein-Kind-Politik verursacht wird. Das Arbeitskräftepotential Chinas wird bis 2015 noch um knapp 5% anwachsen, dann wird ein Drittel der Bevölkerung über 50 Jahre alt sein (während in Indien 60% unter 30 Jahre alt sein werden). Die Zahl der Arbeitskräfte zwischen 20 und 24 wird in China nach 2020 sinken.

Wie auch in Europa, werden in China in den kommenden 10 bis 30 Jahren viele erfahrene Arbeitskräfte aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden, mit erheblichen Konsequenzen für den Fachkräftemarkt einerseits und die Sozialsysteme andererseits.

Die vollständige Studie finden Sie unter: www.adeccoinstitute.com

Über das Adecco Institut

Das Adecco Institut mit Sitz in London ist eine Wissensplattform zur Erforschung der Zukunft der Arbeit. Vorsitzender ist Wolfgang Clement, ehemaliger deutscher Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit (2002-2005). Geschäftsführer des Instituts ist Peter Siderman. Ziel des Adecco Instituts ist es, eine Führungsrolle in der Diskussion rund um das Thema Arbeit zu übernehmen. Mittels Primär- und Sekundärforschung sowie durch Weissbücher und Diskussionsforen erarbeitet das Adecco Institut zukunftsgerichtete Modellvorschläge, die Unternehmen und Volkswirtschaften helfen sollen, Arbeitsmarktfähigkeit, Produktivität und Mitarbeiterzufriedenheit zu steigern.

Axel Schafmeister | presseportal
Weitere Informationen:
http://www.adeccoinstitute.com

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