Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Befragung der RUB-Arbeitswissenschaft: Viele Hörgeschädigte kennen Hilfsangebote nicht

28.11.2007
Nur zehn Prozent nutzen ihr Recht auf Arbeitsassistenz

Damit Hörgeschädigten der Arbeitsalltag reibungslos gelingt, haben sie seit 2001 ein Recht auf Arbeitsassistenz; Arbeitsassistenten fungieren zum Beispiel als Telefon- oder Gebärdensprachendolmetscher. Erschreckend: Fast die Hälfte der Hörgeschädigten kennt dieses Recht nicht, und nur zehn Prozent machen in Bochum und Umgebung davon Gebrauch.

Das ergab eine Umfrage der RUB-Arbeitswissenschaftler vom Lehrstuhl für Arbeitsorganisation und Arbeitsgestaltung (Prof. Dr. Heiner Minssen) bei 124 im Deutschen Schwerhörigenbund organisierten Mitgliedern der Region. Gründe könnten eine unzureichende Öffentlichkeitsarbeit und das Fehlen und Aus- und Weiterbildungskonzepten für Arbeitsassistenten sein.

Kernbereiche der Arbeit werden selbst erledigt

Um zu verhindern, dass Barrieren die Beschäftigung von schwerbehinderten Menschen beeinträchtigen, besteht seit 2001 ein Rechtsanspruch auf Arbeitsassistenz bei einem Grad der Behinderung über 50 % sowohl für erwerbstätige als auch für arbeitsuchende Menschen (SGB IX). Ein Arbeitsassistent unterstützt den Schwerbehinderten bei den Tätigkeiten, die er aufgrund seiner Behinderung nicht ausüben kann. Bei hörgeschädigten Menschen wird er etwa für das Gebärdensprach-, Telefon- und Schriftdolmetschen eingesetzt. Der Telefondolmetscher zum Beispiel wiederholt das Gesagte simultan, sodass der Hörgeschädigte mit minimaler Zeitversetzung antworten und reagieren kann. Den Kernbereich der Arbeit erledigt der Schwerbehinderte aber selbst.

Ein Drittel arbeitet in kommunikationsintensiven Berufen

Die befragten Hörgeschädigten haben alle eine Behinderung von über 50 % und somit ein Recht auf Arbeitsassistenz. Die Erwerbsquote unter den Befragten liegt bei knapp 70% und damit wesentlich höher als die Erwerbsquote schwerbehinderter Menschen in Nordrhein-Westfalen insgesamt von 26,5 % (2006). Auch der Bildungsgrad der hörgeschädigten Erwerbstätigen ist vergleichsweise hoch. Knapp 40 % haben Abitur, knapp 32 % einen Studienabschluss. Die Befragten sind überwiegend in einem Vollzeit-Beschäftigungsverhältnis tätig. Ein Drittel der Erwerbstätigen arbeiten in der Öffentlichen Verwaltung und im Gesundheits-/ Sozialwesen - in Bereichen also, in denen Kommunikation eine bedeutende Rolle einnimmt. Dennoch nutzen nur zehn Prozent von ihnen die Arbeitsassistenz, knapp die Hälfte kennt die Möglichkeit nicht.

Arbeitssuchende nutzen die Assistenz überhaupt nicht

Auch unter den befragten Arbeitsuchenden kennen nur etwas mehr als die Hälfte den Anspruch auf Arbeitsassistenz; kein einziger nutzt sie. "Es stellt sich die Frage, ob der Anspruch während der Suche nach einem Beschäftigungsverhältnis überhaupt bekannt ist", überlegt Prof. Minssen. "Auffällig ist, das Arbeitsassistenz in den Fällen, in denen sie eingesetzt wird bzw. wurde zur Beschäftigungserhaltung und -schaffung dient. Daher ist davon auszugehen, dass diese Form von Unterstützung sich bei den nun Erwerbstätigen positiv auf den Erhalt eines Arbeitsplatzes ausgewirkt hat."

Information muss verbessert werden

Der geringe Bekanntheitsgrad des Rechts auf Arbeitsassistenz deutet auf eine Intransparenz des Themas und somit auf eine zu kurz greifende Öffentlichkeitsarbeit hin, die differenziert die einzelnen Informationsbedarfe der unterschiedlichen Zielgruppen aufgreifen und umsetzen müsste. Zum anderen gibt es laut Auskunft des Integrationsamtes Rheinland derzeit in NRW nur zehn schwerbehinderte, hörgeschädigte Personen, die von ihrem Anspruch Gebrauch machen. Das bedeutet, dass derzeit auch nur zehn Personen als Arbeits- bzw. Kommunikationsassistenz arbeiten. Eine fehlende gesetzlich definierte Aus- und Weiterbildungskonzeption und eine damit einhergehende mangelnde Institutionalisierung der Arbeitsassistenz ist eine mögliche Erklärung für diesen geringen Anteil.

Weitere Informationen

Dipl. Soz.-Wiss. Kerstin Alms, Institut für Arbeitswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum, 44780 Bochum, NB1/31, Tel. 0234/32-24370, E-Mail: kerstin.alms@rub.de

Dr. Josef König | idw
Weitere Informationen:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Studie zu Bildungsangeboten für die Industrie 4.0 in Österreich
05.02.2018 | Fachhochschule St. Pölten

nachricht Schildkrötengehirne sind komplexer als gedacht
05.02.2018 | Eberhard Karls Universität Tübingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Im Focus: Developing reliable quantum computers

International research team makes important step on the path to solving certification problems

Quantum computers may one day solve algorithmic problems which even the biggest supercomputers today can’t manage. But how do you test a quantum computer to...

Im Focus: Innovation im Leichtbaubereich: Belastbares Sandwich aus Aramid und Carbon

Die Entwicklung von Leichtbaustrukturen ist eines der zentralen Zukunftsthemen unserer Gesellschaft. Besonders in der Luftfahrtindustrie und in anderen Transportbereichen sind Leichtbaustrukturen gefragt. Sie ermöglichen Energieeinsparungen und reduzieren den Ressourcenverbrauch bei Treibstoffen und Material. Zum Einsatz kommen dabei Verbundmaterialien in der so genannten Sandwich-Bauweise. Diese bestehen aus zwei dünnen, steifen und hochfesten Deckschichten mit einer dazwischen liegenden dicken, vergleichsweise leichten und weichen Mittelschicht, dem Sandwich-Kern.

Aramidpapier ist ein etabliertes Material für solche Sandwichkerne. Sein mechanisches Strukturversagen ist jedoch noch unzureichend erforscht: Bislang fehlten...

Im Focus: Die Brücke, die sich dehnen kann

Brücken verformen sich, daher baut man normalerweise Dehnfugen ein. An der TU Wien wurde eine Technik entwickelt, die ohne Fugen auskommt und dadurch viel Geld und Aufwand spart.

Wer im Auto mit flottem Tempo über eine Brücke fährt, spürt es sofort: Meist rumpelt man am Anfang und am Ende der Brücke über eine Dehnfuge, die dort...

Im Focus: Eine Frage der Dynamik

Die meisten Ionenkanäle lassen nur eine ganz bestimmte Sorte von Ionen passieren, zum Beispiel Natrium- oder Kaliumionen. Daneben gibt es jedoch eine Reihe von Kanälen, die für beide Ionensorten durchlässig sind. Wie den Eiweißmolekülen das gelingt, hat jetzt ein Team um die Wissenschaftlerin Han Sun (FMP) und die Arbeitsgruppe von Adam Lange (FMP) herausgefunden. Solche nicht-selektiven Kanäle besäßen anders als die selektiven eine dynamische Struktur ihres Selektivitätsfilters, berichten die FMP-Forscher im Fachblatt Nature Communications. Dieser Filter könne zwei unterschiedliche Formen ausbilden, die jeweils nur eine der beiden Ionensorten passieren lassen.

Ionenkanäle sind für den Organismus von herausragender Bedeutung. Wenn zum Beispiel Sinnesreize wahrgenommen, ans Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

Tag der Seltenen Erkrankungen – Deutsche Leberstiftung informiert über seltene Lebererkrankungen

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Von Hefe für Demenzerkrankungen lernen

22.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Sektorenkopplung: Die Energiesysteme wachsen zusammen

22.02.2018 | Seminare Workshops

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics