Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Illegale Filmkopien verursachen zweistellige Umsatzverluste

10.10.2007
Forscherteam der Bauhaus-Universität Weimar und Universität Hamburg zeigt in der ersten wissenschaftlich begutachteten Studie die drastischen Auswirkungen des Filesharing von Spielfilmen - und nennt zugleich deren Ursachen.

Um die Wirkung von illegalen Filmkopien tobt seit Jahren ein erbitterter Streit zwischen der Filmindustrie und ihren Kritikern. Während die Industrie in ihren Studien regelmäßig auf exorbitante Schäden verweist und einen "War on Filesharing" erklärt hat, zweifeln kritische Konsumenten und Wissenschaftler die verwendeten Auswertungsmethoden an - und argumentieren ihrerseits, dass Raubkopien als "Probe-Produkt" fungieren und legalen Konsum sogar stimulieren, anstatt ihn zu verdrängen.

Deutsche Marketingwissenschaftler belegen nun erstmals mit einer wissenschaftlich referierten und hochrangig publizierten Studie, dass Raubkopien legalen Konsum verdrängen und zeigen, dass sie erhebliche Umsatzverluste für die Filmindustrie zur Folge haben. Die Studie "Consumer File Sharing of Motion Pictures"*, die von Prof. Dr. Thorsten Hennig-Thurau und Victor Henning, beide Professur für Marketing und Medien an der Bauhaus-Universität Weimar, gemeinsam mit Prof. Dr. Henrik Sattler, Lehrstuhl für Marketing an der Universität Hamburg, durchgeführt worden ist, erscheint als Lead-Article in der Oktober-Ausgabe des JOURNAL OF MARKETING, der weltweit meistzitierten wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschrift. Das Forscherteam hat knapp 1.100 Personen in Deutschland über einen Zeitraum von zehn Monaten mehrfach befragt und deren Kinobesuche, DVD-Käufe und -Ausleihvorgänge sowie den Konsum von illegalen Kopien bei 25 Spielfilmen gemessen, die im Frühjahr 2006 in deutschen Kinos gestartet waren. Dieses Vorgehen ermöglichte es den Forschern, für jeden der Befragten zu beobachten, ob geplantes oder tatsächlich ausgeführtes Filesharing sein Kaufverhalten in Bezug auf Spielfilme veränderte, und den gesamten Schaden für die deutsche Filmwirtschaft zu schätzen.

Die Ergebnisse der unabhängigen Studie belegen:

- Illegale Filmkopien schaden drei der für die Filmindustrie wichtigsten Vertriebskanäle für Spielfilme in Deutschland: den Kinos, dem DVD-Verleih und dem DVD-Verkauf.

- Illegale Kopien verdrängen im Kino 12,6% zusätzliche Kinobesuche - das entspricht, bezogen auf 2005, fast 94 Mio. Euro pro Jahr.

- Ohne illegales Filesharing würden die DVD-Verleihumsätze 10,5% höher ausfallen - bezogen auf die in 2005 mit neuen Spielfilmen realisierten Umsätze ein Verlust von rund 28 Mio. Euro pro Jahr.

- Insgesamt 14,7% zusätzliche DVDs mit neuen Spielfilmen würden gekauft werden, gäbe es kein illegales Filesharing - rund 71 Mio. Euro würden jedes Jahr mehr in die Kassen der Industrie fließen.

- Insgesamt gehen der Filmindustrie in Deutschland durch illegales Filesharing somit rund 193 Mio. Euro pro Jahr verloren.

Die Forscher zeigen dabei, dass weniger der Besitz und der Konsum einer illegalen Kopie für die Verdrängung von legalem Konsum verantwortlich sind, sondern vielmehr die Absicht des Konsumenten, sich eine illegale Kopie eines Films zu beschaffen. Professor Hennig-Thurau, Hauptautor der Studie: "Wenn jemand sich einmal vorgenommen hat, einen neuen Film als Raubkopie anzuschauen, dann ist es beinahe egal, ob er später die Kopie auch tatsächlich in die Hände bekommt - er ist für das Kino und für die DVD als Kunde oft schon verloren".

Weiterhin untersuchten die Forscher auch die Gründe und Bedenken der Konsumenten, die die Entscheidung zwischen der Raubkopie eines Films oder dem Original im Kino bzw. auf DVD schwanken lassen. Das Resultat: Je mehr ein Konsument Raubkopien als Sammlerobjekte sieht, und je größer sein Wissen um die Möglichkeiten des Filesharing, desto stärker wird auch der Vorsatz, sich Kopien zu beschaffen. Der Wunsch, der Filmindustrie durch das Raubkopieren zu schaden, spielt ebenfalls eine signifikante - wenn auch geringere - Rolle. Dagegen schränken eventuell vorhandene moralische Bedenken den Kopienkonsum ein, die von der Filmindustrie stärker betonten rechtlichen Risiken interessanterweise jedoch nicht: Diese haben in der Studie von Hennig-Thurau und Kollegen keinen Einfluss auf das Schauen von Raubkopien. Hennig-Thurau dazu: "Offenbar sind die bisherigen Kampagnen gegen Raubkopien in Deutschland, die Konsumenten Angst vor Strafverfolgung machen wollen, falsch aufgestellt. Filmwirtschaftsverbände anderer Länder, etwa die Briten, zielen hingegen auf das schlechte Gewissen der Konsumenten und dürften damit deutlich wirkungsvoller sein".

Zuletzt zeigt das Forscherteam ebenfalls, dass das illegale Anschauen einer Raubkopie nicht zuletzt durch die hohen Nebenkosten, die mit dem Konsum des Originals im Kino verbunden sind, angetrieben wird. Noch einmal Hennig-Thurau, der auch das Weimarer Moviesuccess-Forschungscenter leitet: "Wenn das Kino Kunden aus der Illegalität zurückgewinnen will, muss es versuchen, die Begleitkosten des Kinobesuchs zu senken - Parkgebühren, Popkorn-Preise etc. summieren sich heute leicht zu astronomischen Beträgen auf. Da greift der Kunde schnell auf die Raubkopie zurück."

* Thorsten Hennig-Thurau, Victor Henning, und Henrik Sattler (2007): "Consumer File Sharing of Motion Pictures", in: JOURNAL OF MARKETING, Vol. 71, October, S. 1-18.

Kontakt:
Professor Dr. Thorsten Hennig-Thurau
Professur für Marketing und Medien
Fakultät Medien
Bauhaus-Universität Weimar
Helmholtzstr. 15
99425 Weimar
Tel.: +49 - (0) 3643 - 58 38 22
E-Mail: tht@medien.uni-weimar.de
http://www.uni-weimar.de/medien/marketing
http://www.moviesuccess.org
Kurzbiographie
Prof. Dr. Thorsten Hennig-Thurau ist Professor für Marketing und Medien an der Fakultät Medien der Bauhau Bauhaus-Universität Weimar sowie Research Professor in Movie Marketing an der Cass Business School, City University, London. Professor Hennig-Thurau ist Area Editor for Movie Marketing der American Marketing Association und leitet den MovieSuccess-Center an der Bauhaus-Universität, der u.a. die Guru*Talk Lecture Series veranstaltet. Er hat zahlreiche Artikel in führenden wissenschaftlichen Fachzeitschriften zur Medien- und Filmökonomie veröffentlicht, so u.a. im JOURNAL OF MARKETING, dem JOURNAL OF THE ACADEMY OF MARKETING SCIENCE, MARKETING LETTERS und der ZEITSCHRIFT FÜR BETRIEBSWIRTSCHAFTLICHE FORSCHUNG. Er ist Mitglied der Editorial Boards führender Zeitschriften und wurde für seine Forschungsarbeiten mit hochrangigen internationalen Preisen ausgezeichnet, so dem "Overall Best Paper Award" der AMA Summer Educators' Conference und dem "JSR Excellence in Service Research" Award. Professor Hennig-Thurau ist Verfasser und Herausgeber verschiedener Bücher. Seine Arbeiten werden regelmäßig in deutschen und internationalen Zeitungen und Zeitschriften zitiert.

Für Fragen steht Ihnen auch Dana Horch, Fakultät Medien, telefonisch unter 03643/583706 oder per E-Mail unter dana.horch@medien.uni-weimar.de jederzeit gerne zur Verfügung.

Claudia Weinreich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-weimar.de/medien/marketing
http://www.moviesuccess.org
http://www.cass.city.ac.uk/filmbusinessacademy/our-experts/thennig-thurau.html

Weitere Berichte zu: Filmindustrie Filmkopie Illegal JOURNAL Konsum Konsument Marketing Raubkopie Spielfilm

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave
02.12.2016 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT

nachricht Europaweite Studie zu Antibiotikaresistenzen in Krankenhäusern
18.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

08.12.2016 | Physik Astronomie

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungsnachrichten

Das Universum enthält weniger Materie als gedacht

07.12.2016 | Physik Astronomie