Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kein Fair Play bei Schimpansen

05.10.2007
Im Gegensatz zum Menschen sind Schimpansen nicht bereit, faire Angebote zu unterbreiten und unfaire abzulehnen

Neue Forschungsergebnisse des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zeigen, dass Schimpansen - im Gegensatz zum Menschen - so handeln, wie es traditionelle ökonomische Modelle vorhersagen. In ihrem aktuellen Forschungsprojekt verwendeten Keith Jensen, Josep Call und Michael Tomasello eine modifizierte Version des Ultimatum-Spiels, eines der am meisten genutzten und anerkannten Werkzeuge der modernen Wirtschaftswissenschaften (Science, 5. Oktober 2007).


Frodo hat vielleicht kein Gespür für Fairness, aber er weiß, was gut für ihn ist. Hier wartet er darauf, dass die Tierpfleger im Wolfgang-Köhler-Zentrum für Primatenforschung das Futter verteilen. Bild: Katrin Riedl


Akteur 1 (links) zieht die Lade mit den Rosinen-Schälchen mittels eines Seils so nah heran, wie es geht (Teilbild1). Akteur 2 (rechts) kann das Angebot annehmen, in dem er ebenfalls am Seil zieht und die Lade dadurch noch näher heranzieht, oder ablehnen, indem er nichts tut (Teilbild 2). Wenn Akteur 2 das Angebot annimmt, können beide die Rosinen, die sich in ihrem jeweiligen Schälchen befinden, verspeisen. Im anderen Fall gehen beide leer aus. Bild: Jensen/Call/Tomasello

Das Ultimatum-Spiel wurde ursprünglich von dem Wirtschaftswissenschaftler Werner Güth vom Max-Planck-Institut für Ökonomie in Jena entwickelt. In diesem Spiel erhält eine Person (Akteur 1) vom Spielleiter eine bestimmte Menge Geld. Akteur 1 kann dieses Geld mit einer anderen Person, dem Akteur 2, teilen. Über den Anteil, den er abgeben möchte, entscheidet Akteur 1 alleine. Allerdings sehen die Regeln für den weiteren Verlauf des Spiels wie folgt aus: Nimmt Akteur 2 das Angebot von Akteur 1 an, dürfen beide den entsprechenden Geldbetrag mit nach Hause nehmen; lehnt er das Angebot jedoch ab, bekommt keiner von beiden etwas.

Die Angst, dass ein unfaires Angebot abgelehnt wird, veranlasst Akteur 1, ein faires Angebot zu unterbreiten. Gewöhnlich bieten Menschen einen Anteil von knapp unter 50 % an, denn schlechtere Angebote werden häufig abgelehnt. Das Gespür für unfaire Angebote und die Bereitschaft, Kosten in Kauf zu nehmen (also auf das angebotene Geld ganz zu verzichten), um ein unfaires Angebot abzustrafen, sind vermutlich ausschließlich dem Menschen eigen. Die Erkenntnisse, die die Wirtschaftswissenschaftler aus dem Ultimatumspiel ableiten konnten, widersprachen damit den bisherigen Vorstellungen vom Homo oeconomicus, dem reines Selbstinteresse unterstellt wurde.

... mehr zu:
»Akteur »Schimpanse »Ultimatum-Spiel

In der in der Zeitschrift Science publizierten Studie hat das Forscherteam um Keith Jensen mit Schimpansen, unserem nächsten lebenden Verwandten, eine vereinfachte Version des Ultimatum-Spiels gespielt. Akteur 1 kann hierbei Akteur 2 eine bestimmte Anzahl Rosinen anbieten, indem er eine herausziehbare Lade, auf der sich zwei Schälchen befinden, so nah wie möglich heranzieht (Abb. 2). Ein Zugriff auf die Schälchen ist aber erst möglich, wenn Akteur 2 das Angebot annimmt und die Lade so weit heranzieht, dass beide die Rosinen entnehmen können. Wenn Akteur 2 das, was ihm angeboten wurde, nicht mag, zieht er die Lade nicht heran und beide gehen leer aus. Aufgrund vorangegangener Arbeiten wussten die Forscher, dass Schimpansen zwar nicht zählen können, aber sehr wohl in der Lage sind, Quantitäten zu unterscheiden.

In verschiedenen Versionen dieses Mini-Ultimatum-Spiels konnte Akteur 1 eine Lade mit 8 Rosinen für sich und 2 Rosinen für Akteur 2 heranziehen. Menschen würden eine solche Aufteilung als unfair empfinden und normalerweise ablehnen. Akteur 1 hatte dann die Wahl: In der ersten Spielrunde konnte er sich entscheiden, ob er das unfaire oder ein faires Angebot unterbreitet (jeder erhält 5 Rosinen). In der nächsten Spielrunde konnte er ein übermäßig faires Angebot wählen (2 Rosinen für sich selbst, 8 für Akteur 2). In der dritten Spielrunde hatte Akteur 1 keine Wahl - er konnte nur ein unfaires Angebot unterbreiten (8 Rosinen für sich, 2 für Akteur 2). Im vierten Spiel konnte Akteur 1 dann Akteur 2 ein äußerst unfaires Angebot unterbreiten: 10 für sich selbst, 0 für Akteur 2.

Im Gegensatz zu Menschen akzeptierten Schimpansen jedes Angebot - ob unfair oder nicht. Allerdings mit einer Ausnahme: Das einzige Angebot, das sicher abgelehnt wurde, war die Option 10/0, bei der Akteur 2 leer ausgehen würde. Die Forscher schlussfolgern daraus, dass Schimpansen nicht bereit sind, faire Angebote zu unterbreiten und unfaire Angebote abzulehnen. Sie verhalten sich also eher wie eigennützige Ökonomen und weniger wie soziale Reziprokatoren - letztere beziehen sowohl sich selbst als auch den anderen in ihre Handlungsentscheidung mit ein.

Originalveröffentlichung:

Keith Jensen, Josep Call, Michael Tomasello
Chimpanzees are rational maximizers in an ultimatum game
Science, 5. Oktober 2007

Dr. Bernd Wirsing | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Berichte zu: Akteur Schimpanse Ultimatum-Spiel

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave
02.12.2016 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT

nachricht Europaweite Studie zu Antibiotikaresistenzen in Krankenhäusern
18.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher entwickeln Unterwasser-Observatorium

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

HIV: Spur führt ins Recycling-System der Zelle

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Mehrkernprozessoren für Mobilität und Industrie 4.0

07.12.2016 | Informationstechnologie