Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Drohende Strafe bremst egoistisches Handeln

04.10.2007
Wenn Strafe droht, unterdrückt der Mensch egoistische Impulse. Zu diesem Schluss kommen die Forschungsgruppen von Manfred Spitzer und Ernst Fehr der Universitäten Ulm und Zürich in einer Studie, die am 4. Oktober 2007 in "Neuron" (Volume 55, issue 7) publiziert wird.
Die Untersuchung liefert Hinweise für neurobiologische Ursachen antisozialer Persönlichkeitsstörungen und könnte erklären, weshalb Jugendliche sich in geringerem Masse als Erwachsene von drohenden Strafen abschrecken lassen.

Für das Funktionieren menschlicher Gesellschaften sind soziale Normen - wie Fairness, Kooperation oder Ehrlichkeit und Vertrauen - von zentraler Bedeutung.

Die Einhaltung von Normen wird durch unterschiedliche Mechanismen sichergestellt: Zum einen sind die meisten Menschen bereit, Normen einzuhalten, wenn dies die anderen ebenfalls tun. Daneben gibt es aber auch Menschen, die Normen nur einhalten, wenn sie durch Androhung einer Strafe von einer Normverletzung abgehalten werden. Könnten solche Menschen ungestraft Normen verletzen, könnte auch die freiwillige Bereitschaft der anderen, Normen einzuhalten zusammenbrechen, weil diese Bereitschaft darauf beruht, dass sich jeder an die Norm hält. Es ist daher wichtig zu verstehen, wie sich die Strafandrohung auf soziales Verhalten auswirkt. Forscher um den Psychiater Manfred Spitzer von der Universität Ulm und um den Wirtschaftswissenschaftler Ernst Fehr von der Universität Zürich untersuchten deshalb, was sich im Gehirn der Menschen abspielt, wenn sie eine soziale Norm verletzen können, aber darauf gefasst sein müssen, dafür bestraft zu werden.

... mehr zu:
»Fairness »Strafandrohung »Strafe

Untersucht wurde in dieser Studie die Bereitschaft, eine Fairnessnorm einzuhalten. Konkret ging es um die faire Aufteilung eines Geldbetrages zwischen zwei Teilnehmern - Person A konnte 100 Geldeinheiten zwischen sich und Person B aufteilen. Die Fairness verlangt hier, dass beide etwa gleich viel erhalten. In manchen Situationen konnte nun Person A den Geldbetrag aufteilen, ohne dass damit eine Strafe für unfaires Aufteilen verbunden war. In anderen Situationen musste Person A davon ausgehen, einen finanziellen Abzug im Falle unfairen Verhaltens zu bekommen.

Droht der aufteilenden Person für unfaires Verhalten eine Strafe, wurden bei ihm Aktivierungen im Frontalhirn (lateraler orbitofrontaler Kortex) festgestellt. Ähnliche Aktivierungen wurden auch in anderen Studien zur Verarbeitung von Strafen gefunden. Ausserdem wurde jene Hirnregion während der Strafandrohung aktiver, die wahrscheinlich auch daran beteiligt ist, egoistische Impulse zu unterdrücken (rechter dorsolateraler präfrontaler Kortex). Am aktivsten wurden diese Hirnregionen bei jenen Personen, die sich ohne Strafandrohung besonders unfair verhielten, sich bei einer Strafandrohung aber eines Besseren besonnen haben.

Der Zürcher Wirtschaftwissenschaftler Ernst Fehr erklärt dazu: "Menschen, die vor allem wegen der Strafandrohung die Fairnessnorm einhalten, müssen vermutlich ihre egoistischen Impulse stärker unterdrücken, was dann diese Region des Frontalhirns stärker aktiviert. Dieses Resultat erweitert und bestätigt frühere Befunde von uns, die zeigen, dass eher egoistische Entscheidungen gefällt werden, wenn diese Gehirnregion in ihrer Aktivität gehemmt wird."

Gehirn Jugendlicher noch zu wenig entwickelt?

Es ist in diesem Zusammenhang von Interesse, dass bei vielen Formen pathologischen Sozialver-haltens die in der Studie besonders aktiven Hirnregionen weniger stark entwickelt bzw. geschädigt sind. Auch weiss man, dass sich diese frontalen Hirnregionen erst in der Adoleszenz voll entwickeln. Dies könnte erklären, weshalb Jugendliche sich durch drohende Strafen oft erstaunlich wenig abschrecken lassen. Manfred Spitzer sieht denn auch in diesem Punkt eine gesellschaftlich hoch relevante, weiterführende Fragestellung: "Es wäre spannend, mit diesem Experiment der Frage nachzugehen, ob Jugendliche auf Grund der Hirnentwicklung weniger gut in der Lage sind, auf Strafen adäquat zu reagieren."

Kontakte:

Prof. Manfred Spitzer, Ärztlicher Direktor, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie III, Universität Ulm
Tel. 0049 731 500-61401
manfred.spitzer@uni-ulm.de
Prof. Ernst Fehr, Direktor den universitären Forschungsschwerpunktes Grundlagen des menschlichen Sozialverhaltens, Universität Zürich
Tel: 001 617 324 1898 (Mittwoch ab 15 Uhr)
Tel: 0041 044 634 37 09
efehr@iew.uzh.ch

Beat Müller | idw
Weitere Informationen:
http://www.uzh.ch/

Weitere Berichte zu: Fairness Strafandrohung Strafe

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Der Klang des Ozeans
12.01.2017 | Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

nachricht Verstädterung wird 300.000 km2 fruchtbarsten Ackerlands verschlingen
27.12.2016 | Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) gGmbH

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Im Focus: How gut bacteria can make us ill

HZI researchers decipher infection mechanisms of Yersinia and immune responses of the host

Yersiniae cause severe intestinal infections. Studies using Yersinia pseudotuberculosis as a model organism aim to elucidate the infection mechanisms of these...

Im Focus: Interfacial Superconductivity: Magnetic and superconducting order revealed simultaneously

Researchers from the University of Hamburg in Germany, in collaboration with colleagues from the University of Aarhus in Denmark, have synthesized a new superconducting material by growing a few layers of an antiferromagnetic transition-metal chalcogenide on a bismuth-based topological insulator, both being non-superconducting materials.

While superconductivity and magnetism are generally believed to be mutually exclusive, surprisingly, in this new material, superconducting correlations...

Im Focus: Erforschung von Elementarteilchen in Materialien

Laseranregung von Semimetallen ermöglicht die Erzeugung neuartiger Quasiteilchen in Festkörpersystemen sowie ultraschnelle Schaltung zwischen verschiedenen Zuständen.

Die Untersuchung der Eigenschaften fundamentaler Teilchen in Festkörpersystemen ist ein vielversprechender Ansatz für die Quantenfeldtheorie. Quasiteilchen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungen

Über intelligente IT-Systeme und große Datenberge

17.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Der erste Blick auf ein einzelnes Protein

18.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Das menschliche Hirn wächst länger und funktionsspezifischer als gedacht

18.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Zur Sicherheit: Rettungsautos unterbrechen Radio

18.01.2017 | Verkehr Logistik