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FiBS-Studien: Bildungsbedingte Gefahren für die deutsche Innovationsfähigkeit

11.04.2007
Für Deutschlands Innovationspotenzial zeichnet sich ein zentrales Problem ab: Die nachwachsenden Generationen in Deutschland zeigen im internationalen Vergleich wenig Dynamik, sich höher zu qualifizieren.

Dieses Problem gilt umso mehr, als diese Altersgruppen deutlich kleiner sind als ihre Vorgängergenerationen. Während die Frauen - wenn auch schwächer als im internationalen Vergleich - ihr Bildungsniveau erhöhen, zeigen sich bei den Männern deutliche Dequalifizierungstendenzen, auch und gerade im Bereich der Aufstiegsfortbildungen. Der Vergleich mit führenden Industrienationen zeigt, dass ein wichtiger Erfolgsfaktor in der besseren Durchlässigkeit zwischen beruflicher und hochschulischer Bildung liegt.

Neue Untersuchungen des Berliner Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) zeigen, dass die Innovationsfähigkeit Deutschlands gefährdet wird, wenn es kurzfristig nicht gelingt, die starren Bildungsstrukturen zu öffnen und der demografischen Entwicklung durch eine höhere Qualifizierung nachwachsender Generationen zu begegnen. Im Vergleich einer Gruppe von 20 OECD-Ländern sind Deutschlands Potenziale für wirtschaftliches Wachstum zunehmend begrenzt, da sich der Bildungsstand der Bevölkerung hier ungünstiger entwickelt als in anderen Ländern. Die Studien führte das FiBS im Rahmen der Berichterstattung zur technologischen Leistungsfähigkeit im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) durch.

Wie entscheidend ein qualitativ und quantitativ hoch entwickeltes Bildungssystem für die technologische und damit wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes ist, lässt sich leicht nachvollziehen. Je günstiger die Voraussetzungen in den Bereichen der oberen Sekundarbildung, der Meister- und Technikerausbildung sowie akademischer Aus- und Weiterbildung sind, desto höhere Kompetenzen stehen für wissensintensive Innovationsprozesse zur Verfügung. Höhere Qualifikationen wie Universitäts- und Fachhochschulabschlüsse oder auch Meister- und Techniker-Abschlüsse sind daher notwendig. Zudem müssen gering Qualifizierte im Bildungssystem stärker gefördert werden, wenn der demografisch bedingte Fachkräftemangel aufgefangen werden soll.

Vor diesem Hintergrund zeigen die Studien, dass Deutschland in allen relevanten Bildungsbereichen im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich abschneidet. Im Laufe der vergangenen Jahre hat sich seine relative Position sogar deutlich verschlechtert, weil die Dynamik in den anderen Ländern deutlich stärker ist. Angesichts des demografischen Wandels steht Deutschland daher vor enormen Herausforderungen, wie ein Blick auf Bildungsstand und Bildungsbeteiligung offenbaren.

Die Studien zeigen, dass die hohen Qualifikationen von Meistern und Technikern sowie Erwerbstätigen mit vergleichbaren Abschlüssen für die Entwicklung neuer Patente sehr wichtig sind. "Diese Qualifikationen sind aber offenbar in Deutschland kein Renner mehr, wie die Bildungsökonomen Dr. Dieter Dohmen, der Direktor des FiBS, und Dr. Rainer Voßkamp als wissenschaftlicher Mitarbeiter, feststellen. "Während in fast allen anderen Ländern der Anteil der Bevölkerung mit derartigen Abschlüssen zum Teil deutlich gestiegen ist, zeigt sich insbesondere bei jungen Männern ein deutlicher Rückgang. Um das Niveau älterer Altersgruppen wieder zu erreichen, müsste der Anteil von derzeit acht Prozent des Altersjahrgangs um fünf Prozentpunkte erhöht werden, damit der Anteil früherer Jahrgänge von 13 Prozent wieder erreicht wird. Der Verweis auf die schwächelnden Männer ist dabei von besonderer Bedeutung, da die ingenieurwissenschaftlichen und technischen Fächer immer noch eine männliche Domäne sind."

Der Anteil der Bevölkerung mit einem oberen Sekundarabschluss ist in den letzten Jahrzehnten kaum gestiegen. Die 55- bis 64-Jährigen, die in den nächsten Jahren ihr Erwerbsleben beenden, nehmen noch den zweiten Rang unter den 20 betrachteten OECD-Ländern ein: Knapp 80 Prozent von ihnen haben eine Berufsausbildung absolviert oder verfügen über die Hochschul- oder Fachhochschulreife. In der Gruppe der 25- bis 34-Jährigen ist der Anteil mit 85 Prozent zwar etwas höher, doch entspricht dies international nur noch Rang 11. Länder wie Korea, Japan und Norwegen haben Deutschland inzwischen deutlich überholt und weisen Anteile von weit über 90 Prozent auf.

Außerdem ist Deutschlands Akademikerquote, die schon seit einigen Jahrzehnten im Vergleich eher niedrig ist, in der Gruppe der 25- bis 34-Jährigen kaum höher als in der Gruppe der 55- bis 64-Jährigen. In fast alle anderen Ländern hat sich diese Quote in den letzten Jahren hingegen deutlich erhöht. Dadurch nimmt Deutschland unter den Ländern nur noch den vorletzten Platz ein. Eine grundlegende Trendwende ist nicht zu erkennen. Vielmehr ist die Studienanfängerquote in den vergangenen Jahren sogar leicht gesunken.

Auch die Weiterbildungsbeteiligung, deren Bedeutung im demografischen Wandel steigt, ist in Deutschland relativ gering. Hier liegen die nordischen Länder und die USA deutlich vor Deutschland.

Für das problematische Bild lassen sich vielfältige Gründe erkennen. Fallstudien, die im Rahmen der Untersuchungen durchgeführt wurden, zeigen, dass Länder wie Finnland und Korea schon vor Jahrzehnten ihre Bildungssysteme reformiert haben, um möglichst vielen jungen Menschen den Zugang zu einer höheren Ausbildung zu ermöglichen. Die meisten der betrachteten Bildungssysteme sind durchlässiger als das deutsche, das durch seine Mehrgliedrigkeit, angefangen im Schulsystem, für einen großen Teil junger Menschen zur Sackgasse wird, weil es sehr frühzeitig Bildungswege festlegt und Aufstiege erschwert. Kulturelle Einflüsse zeigen sich etwa in Korea, dessen hohe Bildungsnachfrage auf einen hohen Stellenwert von Bildung in der Gesellschaft zurückgeführt werden kann, obwohl die Erträge eher gering sind. Dagegen ist die Bildungsnachfrage in Deutschland gering, obwohl die individuellen Erträge von Bildung relativ hoch sind, weil sie ein höheres Einkommen ermöglichen und das Arbeitslosigkeitsrisiko deutlich senken. Zudem ist die Bildungsbeteiligung junger Frauen zwar auch in Deutschland beträchtlich gestiegen, allerdings ist dies in anderen Ländern noch wesentlich stärker der Fall.

"Deshalb ist die Bildungspolitik an mehreren Fronten gefordert", so die Autoren des FiBS. Konkret fordern sie: "Das deutsche Bildungssystem muss durchlässiger werden. Zudem sollten den jungen Menschen die Vorteile von höherer Bildung und Weiterqualifizierung verdeutlicht werden; sie sind das Fundament für eine gute Zukunftsperspektive. Während früher mit der Berufsausbildung oder dem Studium der Bildungsprozess abgeschlossen war, wird dies in Zukunft erst mit dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben der Fall sein. Will man mit Blick auf die technologische Leistungsfähigkeit nicht mehr nur von Jungen abhängig sein, dann müssen die Mädchen viel besser angesprochen werden. Hier sind zwar vor allem die Schulen gefordert, aber auch die Unternehmen und Hochschulen müssen diese Chance erkennen und nutzen. Es muss nicht zuletzt auch mehr Geld bereit gestellt werden, schließlich stehen die geburtenstarken Jahrgänge jetzt und in den nächsten Jahren vor den Toren der Hochschulen und Unternehmen. Wer glaubt, aus demografischen Gründen sparen zu können, wird die Quittung durch einen verschärften Fachkräftemangel bekommen."

Die Studien, die in der Reihe FiBS-Forum Nr. 36 und 37 erscheinen und unter www.fibs.eu erhältlich sind, können ebenso kostenlos im Internet auf der Seite des Bundesbildungsministeriums www.technologische-leistungsfaehigkeit.de bezogen werden (Studien zum deutschen Innovationssystem Nr. 4-2007 und 5-2007).

Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS)
Das FiBS ist eine unabhängige Forschungs- und Beratungseinrichtung für Ministerien auf Bundes- und Länderebene, Bildungs- und Sozialeinrichtungen, Unternehmen, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände, Stiftungen, Fachverbände und internationale Organisationen. Die Analysen, übergreifenden Studien, konkreten Modelle und Strategiekonzepte behandeln alle ökonomischen Aspekte von Bildung, sozialen Fragen, Arbeitsmarkt und Innovation. Das Bildungssystem im demografischen Wandel und Lebenslanges Lernen spielen dabei eine zentrale Rolle.

Kontakt: Birgitt A. Cleuvers (FiBS), Tel. 0 30 - 84 71 22 3-20

Birgitt A. Cleuvers | idw
Weitere Informationen:
http://www.fibs.eu

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