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Überlebenschancen nach schwerem Schlaganfall fast verdreifacht

27.03.2007
Klinische Studie unter Federführung der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg weist erstmals nach: Entfernung der Schädeldecke rettet Leben und bewahrt vor schweren Behinderungen / Veröffentlichung in "Lancet Neurology"

Patienten, die einen großen Schlaganfall erlitten haben, profitieren von einer halbseitigen Entfernung der Schädeldecke in den ersten 48 Stunden nach dem Infarkt, die das Gehirn entlastet.

Die Analyse von drei Studien hat ergeben, dass sich die Überlebenschancen der operierten Patienten dadurch fast verdreifachen lassen. Außerdem tragen nur wenige Patienten schwerwiegende Behinderungen davon. Diese Erkenntnisse, die unter Federführung der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg gewonnen wurden, sind in der Märzausgabe der renommierten Fachzeitschrift "Lancet Neurology" veröffentlicht worden.

"Erstmals ist damit wissenschaftlich belegt, dass die so genannte Hemikranektomie Leben retten und vor schweren Behinderungen bewahren kann", erklärt Professor Dr. Werner Hacke, Ärztlicher Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg.

Patienten mit sehr großen Schlaganfällen haben eine sehr schlechte Prognose. Der Verschluss einer Hauptversorgungsadern, der mittleren Hirnarterie, führt bei nahezu 80 Prozent der Patienten zum Tode - trotz intensivmedizinischer Behandlung. Das abgestorbene Hirngewebe und seine Umgebung schwellen durch die Einlagerung von Wasser (Hirnödem) an und der Hirndruck steigt massiv. Diese Schlaganfälle werden daher auch als "maligne Infarkte" bezeichnet.

"Hemikranektomie" ist eine einfache Operation, aber umstritten

Seit Jahren wird in einigen Zentren die "dekompressive Hemikraniektomie", durchgeführt, die dem geschwollenen Hirngewebe in der kritischen Phase Raum verschafft. Nach Rückgang der Hirnschwellung wird der Knochen wieder eingesetzt. Die Operation ist relativ einfach, rasch und komplikationslos durchführbar. Allerdings ist der Eingriff umstritten. Kritiker verweisen auf mögliche bleibende, schwere Behinderungen, vor allem wenn die dominante Gehirnhälfte betroffen ist, in der das Sprachvermögen lokalisiert ist. Deshalb wird die Hemikraniektomie in manchen Zentren als Standardmethode praktiziert, in anderen dagegen allenfalls bei sehr jungen Patienten mit Schlaganfällen in der nicht-dominanten Gehrinhälfte. Manche Kliniken lehnen jegliche intensivmedizinische Behandlung wegen des schlechten Ergebnis ab.

Um dieses Dilemma zu lösen, wurden mehreren Studien initiiert, die die Hemikraniektomie vorausschauend mit einer maximalen intensivmedizinischen Behandlung vergleichen. Die deutsche DESTINY-Studie, federführend in der Neurologischen Klinik Heidelberg konzipiert und durchgeführt, war die erste Studie, die ein statistisch signifikantes Ergebnis zugunsten der Hemikraniektomie gezeigt hatte. Dies wurde von der gemeinsam Analyse mit den beiden Schwesternstudien DECIMAL und HAMLET unterstützt, die erstmals im Februar 2007 von Professor Hacke auf der "International Stroke Conference" in San Francisco vorgestellt und jetzt in der Märzausgabe von Lancet Neurology veröffentlicht wurde.

Nur wenige Patienten bleiben bettlägerig und pflegebedürftig

Die Analyse, die 95 Patienten nach schwerem Schlaganfall einschließt, zeigt einen hochsignifikanten Effekt der Überlebensrate zugunsten der Hemikraniektomie (78 Prozent) gegenüber 29 Prozent nach intensivmedizinischer Behandlung. Die Zahl der schwerst behinderten Patienten ist gering; lediglich 4 Prozent sind nach Hemikraniektomie bettlägerig und dauerhaft pflegebedürftig, in der intensivmedizinischen Behandlungsgruppe sind es 5 Prozent. 43 Prozent der Patienten sind ein Jahr nach der Operation ohne Hilfe gehfähig und entweder nur teilweise auf fremde Hilfe angewiesen oder sogar ganz selbständig. Nach maximaler intensivmedizinischer Behandlung sind es nur 21 Prozent.

"Diese Ergebnisse stellen einen Meilenstein in der Behandlung des Schlaganfalles", erklärt Professor Hacke. Von den Experten auf diesem Gebiet wurden sie in der Zeitschrift "Stroke" zu den wichtigsten Fortschritten gerechnet, die im Jahr 2006 auf diesem Gebiet erzielt werden konnten.

Kontakt:
Professor Dr. Werner Hacke
Ärztlicher Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 8211 (Sekretariat)
E-Mail: werner.hacke@med.uni-heidelberg.de
Literatur:
Vahedi K, Hofmeijer J, Juettler E, Vicaut E, George B, Algra A, Amelink GJ, Schmiedeck P, Schwab S, Rothwell PM, Bousser MG, van der Worp HB, Hacke W; DECIMAL, DESTINY, and HAMLET investigators: Early decompressive surgery in malignant infarction of the middle cerebral artery: a pooled analysis of three randomised controlled trials. Lancet Neurol. 2007 Mar;6(3):215-22.
(Der Originalartikel kann bei der Pressestelle des Universitätsklinikums
Heidelberg unter contact@med.uni-heidelberg.de angefordert werden)
Bei Rückfragen von Journalisten:
Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Universitätsklinikums Heidelberg
und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 45 36
Fax: 06221 / 56 45 44
E-Mail: Annette_Tuffs@med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/presse

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