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Krankenhausreform weitgehend ausgereizt

02.05.2006


Neue Studie: Fallpauschalen bringen jede dritte Klinik in Bedrängnis - größte Herausforderung in der Nachkriegsgeschichte

Trotz intensiver Sanierungsanstrengungen, erfolgreicher Privatisierungen und einer deutlich verbesserten Wettbewerbsfähigkeit werden viele deutsche Krankenhäuser nicht kostendeckend arbeiten können. Dies betrifft nach neuen Berechnungen der Unternehmensberatung McKinsey & Company etwa ein Drittel der Kliniken. Sie sind selbst angesichts eines teils massiven Bettenabbaus, Umstrukturierung und verbesserter Abläufe auf absehbare Zeit nicht in der Lage, wirtschaftlich zu arbeiten. Damit steht der deutschen Krankenhauslandschaft ein weiterer drastischer Umbau bevor - mit zusätzlichen Schließungen oder neuen Zusammenschlüssen und zunehmender Spezialisierung.

Hintergrund ist die schrittweise Umstellung der Vergütung von der Einzelleistungserstattung auf einheitliche Honorare für Behandlungen zunächst auf Landesebene bis spätestens 2009. Mit 27 Prozent sind die Kliniken der größte Kostenblock im deutschen Gesundheitssystem. Deshalb sollen sie durch Fallpauschalen gezwungen werden, ihre Ausgaben erheblich zu senken und damit einen wirkungsvollen Beitrag zur Gesundheitsreform zu leisten. "Die deutschen Krankenhäuser stehen vor der größten Herausforderung der Nachkriegszeit", sagte McKinsey-Direktor Rainer Salfeld am Dienstag bei der Vorstellung der Studie "Perspektiven der Krankenhausversorgung in Deutschland". Die laufende flächendeckende Einführung von Fallpauschalen erfordert weitere Kostenreduktionen von schätzungsweise fünf Milliarden Euro. Viele Kliniken hätten bereits große Anstrengungen unternommen, ihre Kosten den neuen Umständen anzupassen. Ob es aber den weniger effizienten Krankenhäusern gelinge, Einsparpotenziale zu heben, sei fraglich.

Der McKinsey-Studie liegt eine Analyse von rund 1.600 Akutkrankenhäusern in Deutschland zu Grunde. Danach drohen knapp 600 zu Verlierern des neuen Preissystems zu werden. Sie repräsentieren zurzeit 41 Prozent aller Behandlungsfälle in deutschen Krankenhäusern und mehr als 45 Prozent der Gesamtkosten dieses Sektors.

Lean Management im Krankenhaus

In den vergangenen Jahren haben laut McKinsey viele deutsche Krankenhäuser bereits erhebliche Produktivitätsfortschritte erzielt. So kommen in den besten Kliniken rein rechnerisch auf jeden Angestellten 80 Patienten. In weniger leistungsfähigen Häusern liegt dieses Verhältnis bei 1 zu 21. Vorbilder für effizienteres Arbeiten haben Krankenhausmanager auch außerhalb ihrer Branche gefunden. So entwickelte McKinsey in Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Sportwagenhersteller Porsche einen Lean-Management-Ansatz für die Universitätsklinik Freiburg, der aus dem Automobilbau stammt. Im Mittelpunkt stehen dabei patientenzentrierte Abläufe statt eines starren Abteilungsdenkens. Klinische Behandlungspfade legen die Prozesse für den Ablauf des stationären Aufenthalts fest und erhöhen dadurch die Transparenz für alle Beteiligten. Dies führt in der Regel zu kürzeren Verweildauern, einer besseren Planung der Arbeitsabläufe auf den Stationen, weniger Bürokratie und dem Wegfall unnötiger und teurer Leistungen.

Größe ist keine Voraussetzung für Erfolg

Zunehmend beginnen die Krankenhäuser, ihre Strukturen zu verändern. Allein zwischen 2000 und 2004 sind in Deutschland rund 28.000 Krankenhausbetten abgebaut worden. Dies entspricht fünf Prozent der noch im Jahr 2000 vorhandenen Bettenkapazität. Kleine Häuser wirtschaften schon vielfach erfolgreicher als große Kliniken. Gründe dafür sind nach Angaben von McKinsey die geringere Komplexität und eine niedrige Zahl an Fachabteilungen. "Die Regel, wonach ein Krankenhaus besser arbeitet, je größer es ist, hat längst ausgedient", so Salfeld.

Beste Zukunftsaussichten haben nach Einschätzung von McKinsey heute spezialisierte Kliniken mit bis zu drei Fachrichtungen und rund 150 Betten, Allgemeinkrankenhäuser mit einem breiten Leistungsspektrum und 200 bis 400 Betten sowie Häuser der Schwerpunkt- und Maximalversorgung mit 500 bis 700 Betten. Diese versorgen inzwischen bis zu 40.000 Patienten im Jahr. In den 90er Jahren waren dazu mehr als 1.000 Betten nötig.

Moderne Kliniken benötigen heute immer weniger Raum. Sie kalkulieren mit 45 bis 50 Quadratmetern je Bett. Im Durchschnitt sind es in Deutschland jedoch noch 80 Quadratmeter. Immer mehr Häuser setzen außerdem auf Verbundstrukturen, um Synergien zu schaffen. Netzwerke stärken die Verhandlungsposition bei Vertragsverhandlungen und fördern den Wissenstransfer.

Wirtschaftlich erfolgreiche Krankenhäuser nutzen konsequent die gesetzlichen Möglichkeiten von integrierten Versorgungsverträgen. So vermeiden sie Mehrfachbehandlungen und unnötigen Leistungskonsum. Dennoch wird das Potenzial der integrierten Patientenversorgung nicht voll ausgeschöpft. Oft scheitert das Modell an einer unzureichenden Finanzierung sowie am erheblichen Verwaltungsaufwand.

Druck der Träger nimmt zu

Sogar im internationalen Vergleich stehen nach den Ergebnissen der McKinsey-Untersuchung die deutschen Kliniken inzwischen überraschend gut da. "Sie erweisen sich", so McKinsey-Experte Salfeld, "als überdurchschnittlich effizient und stehen für hohe Versorgungsqualität."

Die Umstellung auf das neue Abrechnungssystem hat den Übergang der Kostenverantwortung von Krankenkassen zu den Trägern zur Folge. Diese fordern verstärkt wirtschaftliches Arbeiten und Abbau von Produktivitätsrückständen. Allerdings warnt McKinsey vor übertriebenen Hoffnungen. "Selbst weitere Verbesserungen helfen nicht, die grundsätzliche Unterfinanzierung des deutschen Gesundheitssystems zu beseitigen", sagte Rainer Salfeld. Aus diesem Grund gelte es auch für andere Bereiche, einen Beitrag zu leisten, um das Gesundheitswesen als Ganzes zu stabilisieren.

Rolf Antrecht | presseportal
Weitere Informationen:
http://www.mckinsey.de

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