Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist schlechter: Misstrauen schadet der Arbeitsmotivation

18.04.2005


"Jeder tut nur soviel, wie er unbedingt muss", lautet eine zentrale wirtschaftswissenschaftliche Theorie. Eine aktuelle Studie der Universität Bonn belegt jedoch das genaue Gegenteil: Die meisten Menschen tun mehr, als sie müssten - es sei denn, sie werden bei ihrer Arbeit kontrolliert. Dann gehen Motivation und Leistung in den Keller.


Der "Homo oeconomicus" ist stinkefaul: Er lässt die Arbeit einfach liegen, wenn er dadurch keine Unannehmlichkeiten oder finanziellen Einbußen befürchten muss. Vorgesetzte sollten ihren Mitarbeitern darum tunlichst auf die Finger schauen, wenn sie Resultate sehen wollen. So weiß es zumindest eine zentrale Theorie in den Wirtschaftswissenschaften.

Die Praxis sieht jedoch anders aus - und zwar völlig, wenn man einer aktuellen Studie Glauben schenken darf: Darin kommt die Arbeitsgruppe um den Bonner Wirtschaftswissenschaftler Professor Dr. Armin Falk zu dem Schluss, dass Kontrolle verheerende Auswirkungen auf Motivation und Leistung haben kann.


Falk ist Professor an der Universität Bonn und Forschungsdirektor am Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA); die WirtschaftsWoche zählt ihn zu den einflussreichsten Nachwuchsökonomen Deutschlands. Er hat zusammen mit seinem Kollegen Dr. Michael Kosfeld von der Universität Zürich in einem einfachen Experiment untersucht, wie Menschen auf Kontrolle reagieren. An dem Versuch nahmen 144 Schweizer Studenten teil. Die Forscher bestimmten nun Spielpaarungen aus je zwei Teilnehmern, einem "Mitarbeiter" und einem "Vorgesetzten". Der Mitarbeiter bekam zu Spielbeginn 120 Punkte auf einem virtuellen Konto gutgeschrieben, der Chef musste mit 0 Punkten Vorlieb nehmen.

Der Mitarbeiter konnte nun einen Teil seiner Punkte investieren - dieser Betrag entsprach gewissermaßen seinem Arbeitseinsatz. Der Chef bekam das doppelte Mitarbeiter-Investment als "Arbeits-Erlös" gutgeschrieben. Zuvor konnte er aber entscheiden, ob er dem Mitarbeiter bei seiner Entscheidung völlig freie Hand lassen wollte oder ob er ihm einen Mindest-Arbeitseinsatz von 10 Punkten "diktieren" wollte, um nicht Gefahr zu laufen, ganz leer auszugehen. Danach wurde der Kontostand in harter Währung ausbezahlt; pro Punkt erhielten die Teilnehmer 20 Rappen.

Der eigennützige "Homo oeconomicus" sollte nach der gängigen Theorie immer das Minimum bezahlen - also 0 Punkte, wenn der "Chef" ihm freie Hand ließ, andernfalls den Mindest-Einsatz von 10 Punkten. Der Chef sollte also in jedem Fall besser fahren, wenn er seinen Mitarbeiter kontrolliert. "Erstaunlicherweise sanken aber die Beträge, die die Mitarbeiter investierten, sobald der Vorgesetzte Kontrolle ausübte", erklärt Professor Falk. Und zwar ganz erheblich: Nur 32 Prozent aller Teilnehmer gaben 10 Punkte oder weniger, wenn sie nicht kontrolliert wurden. Wenn der Chef aber 10 Punkte als Mindestsumme festlegte, gaben mehr als die Hälfte exakt diesen Mindestbetrag. Im Durchschnitt gaben die "kontrollierten" Mitarbeiter nur 17,5 Punkte. Hatten sie freie Wahl, lag dieser Betrag um ein Drittel höher, obwohl jeder Punkt sie bares Geld kostete.

Misstrauen wird bestraft

"Nach dem Spiel gaben viele Teilnehmer an, sie hätten die Festlegung des Mindestbetrags durch ihren Chef als Misstrauen interpretiert", erklärt Professor Falk weiter. "Und wieso soll ich für jemandem mehr Einsatz zeigen als ich unbedingt muss, wenn man mir nicht traut?" Umgekehrt gaben die "Kontroll-Chefs" zu, sie hätten den Mindestbetrag aus Furcht festgelegt, sonst leer auszugehen. "Das Spiel zeigt Züge einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung", resümiert Falk: "Wer der Leistung seiner Mitarbeiter misstraut, den bestrafen sie tatsächlich mit schlechten Leistungen; wer optimistisch ist und ihnen freie Hand lässt, wird dagegen belohnt."

Bei starken Kontrollmöglichkeiten kann die Arbeitsleistung übrigens wieder steigen - auch das zeigte die Studie: Wenn der Chef beispielsweise die Mindestsumme auf 20 festlegte, erhielt er im Schnitt genauso viele Punkte, wie wenn er dem Mitarbeiter völlig freie Hand ließ. "Wenn schon Kontrolle, dann richtig", schließt Professor Falk, "sonst überwiegen die negativen Effekte."

Wie realitätsnah die Spielergebnisse sind, zeigt eine Beobachtung von David Packard, Mitgründer der Computerfirma HP. In den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts arbeitete Packard für den US-Konzern General Electric. Dort wurden Werkzeuge und Ersatzteile gut bewacht, aus Furcht, die Mitarbeiter könnten etwas stehlen. Über den Erfolg schreibt Packard in seinen Memoiren: "Angesichts dieses offenen Misstrauens legten es viele Mitarbeiter darauf an zu zeigen, dass es berechtigt war: Sie stahlen Werkzeuge und Ersatzteile, wann immer sie konnten."

Der Originalartikel findet sich im Internet unter ftp://ftp.iza.org/dps/dp1203.pdf

Kontakt:
Professor Dr. Armin Falk
Universität Bonn / Institut zur Zukunft der Arbeit
Telefon: 0228/3894-112
E-Mail: Falk@iza.org

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de/
http://ftp.iza.org/dps/dp1203.pdf

Weitere Berichte zu: Ersatzteil Mindestbetrag Mindestsumme

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Ab ins Ungewisse: Über das Risikoverhalten von Jugendlichen
19.01.2017 | Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

nachricht Der Klang des Ozeans
12.01.2017 | Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

21.500 Euro für eine grüne Zukunft – Unserer Umwelt zuliebe

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

innovations-report im Interview mit Rolf-Dieter Lafrenz, Gründer und Geschäftsführer der Hamburger Start ups Cargonexx

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

Niederlande: Intelligente Lösungen für Bahn und Stahlindustrie werden gefördert

20.01.2017 | Förderungen Preise