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Gehirn produziert antipsychotische Substanz

30.08.2004


Anandamid: Ursache oder Wirkung für Psychose?



Eine vom Gehirn produzierte, cannabisähnliche Substanz soll wahnhafte oder psychotische Zustände dämpfen, anstatt sie auszulösen. Das berichtet das Wissenschaftsmagazin New Scientist heute, Montag. In der Vergangenheit wurde häufiger Cannabis-Gebrauch mit Psychosen in Zusammenhang gebracht, weshalb Forscher eine Verbindung zwischen dem natürlichen Cannabinoid-System des Gehirns und Schizophrenie untersuchen wollten. Markus Leweke von der Universität Köln, Andrea Giuffrida und Danielle Piomelle von der Universität von Kalifornien in Irvine haben die Niveaus der natürlichen, cannabisähnlichen Substanz Anandamid untersucht, die bei Menschen mit Schizophrenie höher waren als bei der gesunden Kontrollgruppe.



Das Team hat die Levels von Anandamid in der Zerebrospinalflüssigkeit bei verschiedenen Gruppen gemessen. 47 Personen litten an einer ersten Attacke von Schizophrenie, waren aber noch nicht medikamentös behandelt worden, 26 Menschen hatten Symptome einer Psychose und wiesen ein hohes Schizophrenierisiko auf. Im Vergleich mit 84 gesunden Freiwilligen war das Niveau bei den Menschen mit Psychosesymptomen sechs mal so hoch und bei den Schizophreniepatienten acht mal so hoch. "Das ist ein massiver Anstieg des Anandamid-Niveaus", sagte Leweke bei der National Cannabis and Mental Illness Conference in Melbourne. Dabei handelt es sich lediglich um das Vorkommen in der Zerebrospinalflüssigkeit. Die Niveaus könnten in den Synapsen, wo die Nervensignale stattfinden, hundert mal so hoch sein.

Die entscheidende Frage aufgrund dieser Erkenntnis war, ob die hohen Anandamid-Niveaus die psychotischen Symptome auslösen oder als Antwort darauf auftreten. Zu ihrer Überraschung fanden Leweke und seine Kollegen heraus, dass mit zunehmender Schwere der Schizophrenie die Anandamid-Niveaus sanken. Daher kommt das Team zu der Theorie, dass die Substanz, anstatt eine Psychose auszulösen, vom Körper freigesetzt wird, um die psychotischen Symptome zu kontrollieren. Menschen mit den schlimmsten Symptomen sind demnach nicht in der Lage, genügend Anandamid zu produzieren, um diese zu verhindern. Zwischen fünf und 30 Prozent der gesunden Menschen haben zu einem bestimmten Zeitpunkt in ihrem Leben Symptome wie Wahnvorstellungen oder Halluzinationen, die von einem simplen Ereignis wie Schlafentzug ausgelöst werden können. "Jeder von uns ist potenziell psychotisch", so David Castle von der Universität von Melbourne. Also macht es durchaus Sinn, dass der Körper über ein System verfügt, das verhindert, dass diese Erfahrungen ausarten.

Die neuen Erkenntnisse können dazu dienen, neue antipsychotische Medikamente zu entwickeln, die auf das Anandamid-System abzielen, aber das wird nicht leicht sein. Der aktive Bestanteil in Cannabis, das THC, bindet die Anandamid-Rezeptoren. Menschen mit Schizophrenie, die Cannabis konsumieren, haben ernstere und häufigere psychotische Schübe als Schizophreniepatienten, die abstinent bleiben. Der Grund dafür könnte sein, dass das THC die Anandamid-Rezeptoren weniger sensibel macht. Lewekes Team hat auch erforscht, dass Schizophreniepatienten, die regelmäßig Cannabis konsumierten, die niedrigsten Anandamid-Niveaus hatten. Bis zu 60 Prozent der Schizophreniepatienten konsumieren Cannabis. Eine andere Studie hat ergeben, dass Menschen die Droge verwenden, um mit unliebsamen Emotionen wie Angst und Depression umzugehen, die in Zusammenhang mit der Krankheit entstehen.

Marietta Gross | pressetext.austria
Weitere Informationen:
http://www.newscientist.com
http://www.uni-koeln.de
http://www.uci.edu

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