Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Warum halten Menschen ihre Versprechen?

08.07.2008
Diktatorspiel offenbart, ob es um Selbstverpflichtung oder Erwartungserfüllung geht

Menschen unterscheiden sich von Tieren u.a. durch ein außerordentliches Ausmaß an Kooperation. In ihren Bemühungen, kooperatives Handeln zu erklären, betonen Ökonomen stets die Rolle von (Tausch-) Verträgen. Oft handelt es sich dabei um rein informelle Versprechen. Auch formale Verträge sind meist "unvollständig", da es unmöglich ist, die Rechte und Pflichten der Parteien in jeder zukünftigen Situation ausdrücklich zu formulieren.

Aus diesem Grund kann ein gegebenes Versprechen oft nicht vor Gericht durchgesetzt werden. Dennoch verlassen wir uns im privaten und geschäftlichen Alltag wie selbstverständlich darauf, dass andere sich an ihre Versprechen halten. Christoph Vanberg vom Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena ist der Frage, warum sich Menschen an Versprechen halten, z. B. auch wenn dies für sie mit einem ökonomischen Verlust verbunden ist, im Rahmen eines sogenannten Mini-Diktatorspiels nachgegangen (Econometrica, 2008).

In der Literatur gibt es eine Reihe von Autoren, die davon ausgeht, dass Menschen eine Veranlagung haben, vertraglich festgelegte Rechte und Pflichten Wert zu schätzen. Indem sie eine Zusage machen, gehen sie eine Verpflichtung ein, deren Erfüllung für sie per se von Wert ist. Das entscheidende Merkmal dieses Erklärungsansatzes ist die Vorstellung, dass für die handelnde Person nicht allein die möglichen Konsequenzen ihres Verhaltens bedeutsam sind, sondern ebenso die Übereinstimmung zwischen ihrem Verhalten und den aus Verträgen und Absprachen resultierenden Verpflichtungen.

Ein anderer Erklärungsansatz geht davon aus, dass das menschliche Verhalten in vielen Zusammenhängen dadurch beeinflusst wird, dass man die Erwartungen anderer nicht enttäuschen möchte. Letztlich wäre es demnach nicht eine Wertschätzung vertraglich festgelegter Pflichten, sondern lediglich der Wunsch, die mit einem Versprechen geweckten Erwartungen zu erfüllen, der dazu führt, dass Versprechen eingehalten werden.

In seiner Studie hat Christoph Vanberg vom Jenaer Max-Planck-Institut für Ökonomik erstmals mit einem spieltheoretischen Experiment untersucht, ob sich ein Nachweis für einen dieser beiden Erklärungsansätze finden lässt. Das methodische Problem dabei: Sobald ein Versprechen gegeben wird, entsteht gleichzeitig eine Selbstverpflichtung im Sinne des zuerst genannten Erklärungsansatzes, während sich zugleich die Erwartungshaltung desjenigen verändert, der das Versprechen erhält. Aus diesem Grunde ist es schwer festzustellen, welches der beiden Motive - Selbstverpflichtung oder Erwartungserfüllung - dazu führt, dass das gegebene Versprechen eingehalten wird.

Vanberg berichtet über ein Experiment, dass es ihm erlaubt, dieses Problem zu umgehen. Das Experiment wurde als sogenanntes Mini-Diktatorspiel gestaltet. Dabei interagieren jeweils zwei Teilnehmer, von denen einer die Rolle des "Diktators", der andere die des "Empfängers" einnimmt. Der Diktator muss sich zwischen zwei möglichen Handlungen entscheiden, von der man zur Vereinfachung die eine als "Nehmen" und die andere als "Teilen" bezeichnen könnte. Im ersten Fall bekommt der Diktator eine hohe Auszahlung und der Empfänger erhält nichts. Im zweiten Fall bekommen beide eine Auszahlung, die für den Diktator etwas kleiner ist, als wenn er "Nehmen" wählt. Die Summe der Auszahlungen ist im zweiten Fall aber höher als im ersten.

Das Spiel hat zwei besondere Eigenschaften. Zum Einen hat ein Teilnehmer in der Rolle des Diktators einen klaren Anreiz, "Nehmen" zu wählen. Zum Zweiten ein Teilnehmer, der nicht weiß, welche Rolle er im Spiel einnehmen wird, würde sich wünschen, dass der Diktator verpflichtet wäre, "teilen" zu wählen. Aus diesem Grunde ist zu erwarten, dass Teilnehmer, die noch nicht wissen, welche Rolle sie einnehmen werden, ein entsprechendes Versprechen austauschen würden. Ziel des Experimentes war es, diese Versprechen und ihren Einfluss auf das Verhalten des Diktators zu beobachten, um zwischen der Selbstbindungs- und Erwartungserfüllungs- Theorie zu unterscheiden.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Experiments erhielten - bevor per Zufall die Zuweisung der Rollen erfolgte - die Gelegenheit, zu kommunizieren. Viele Teilnehmer nutzten diese Gelegenheit, um Versprechen auszutauschen, "teilen" zu wählen, falls sie die Rolle des Diktators einnehmen. Im Vergleich zu einer Situation ohne Kommunikation führte dies dazu, dass signifikant mehr Diktatoren "teilen" wählten. Um die Variablen "Selbstverpflichtung" und "Erwartungserfüllung" zu entkoppeln, wurde eine weitere Version des Experiments durchgeführt. In diesem Fall wurde die Hälfte der Teilnehmer-Paare nach der Kommunikationsphase neu zusammengestellt. D.h. die Hälfte der als Diktator ausgewählten Teilnehmer interagierten mit einem "Empfänger," der nicht mit ihnen, sondern einem anderen Diktator kommuniziert hatte. Allerdings wurden hierüber jeweils nur die Personen in der Rolle des Diktators informiert. Sie bekamen zudem die Gelegenheit, zu erfahren, ob ihr neuer Partner ein Versprechen erhalten hatte oder nicht.

Da der "Empfänger" nicht unterscheiden konnte, ob sein Partner ausgetauscht wurde oder nicht, konnte sich seine Erwartungshaltung durch den Partnertausch nicht verändern. Der auf die "Erwartungserfüllung" aufbauende Erklärungsansatz würde demnach voraussagen, dass ein Diktator das Versprechen eines anderen ebenso einhalten sollte, wie sein eigenes. Der auf die "Selbstverpflichtung" aufbauende Ansatz, hingegen, sagt voraus, dass nur ein Versprechen des Diktators selbst wirksam ist.

Das Experiment wurde im institutseigenen Computerlabor an 32 visuell gegeneinander abgeschirmten Computerplätzen durchgefühlt An insgesamt sechs Durchgängen nahmen 192 Studierende der Friedrich-Schiller-Universität Jena teil. Pro Durchgang wurden acht Runden gespielt. Kein Paar spielte mehr als einmal zusammen.

73 Prozent derjenigen, die mit ihrem ursprünglichen Partner zusammenspielten und ein Versprechen abgegeben hatten, wählten "teilen". In allen anderen Konstellationen wählten jeweils etwas mehr als die Hälfte der Diktatoren die Option "teilen", zwischen 44 und 48 Prozent entschieden sich dafür, ihren Empfänger leer ausgehen zu lassen. Das heißt, weder sahen sich die Diktatoren verpflichtet, ein von einem anderen gegebenes Versprechen einzulösen, noch fühlten sie sich einem neuen Partner gegenüber an ein zuvor gegebenes Versprechen gebunden. Für die Entscheidung des Diktators war es nach einem Partnertausch offenbar ohne Belang, ob der neue Empfänger ein Versprechen erhalten hatte oder nicht.

Neben den Entscheidungen der Diktatoren misst Vanberg auch deren Vorstellungen darüber, was der jeweilige Empfänger erwartet. Hierbei zeigt sich, dass Diktatoren, deren Partner ausgetauscht wurden, sich durchaus über die Erwartungen Bewusst waren, die von den Versprechen anderer ausgelöst wurden. Dennoch fühlten sie sich offensichtlich nicht verpflichtet, diese von anderen geweckten Erwartungen zu erfüllen.

"Die Ergebnisse des Experiments sind nicht kompatibel mit der Vorstellung, dass es vor allem die Erwartungen des anderen sind, die dazu führen, dass Versprechen eingelöst werden", betont Vanberg. "Es ist vielmehr so, dass Menschen per se die Übereinstimmung zwischen ihrem Verhalten und ihren Versprechen wichtig ist."

Originalveröffentlichung:

Vanberg, Christoph
Why do People Keep Their Promises? An Experimental Test of Two Explanations
Econometrica 2008

Dr. Bernd Wirsing | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Studie zu sicherem Autofahren bis ins hohe Alter
19.06.2017 | Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorbild Delfinhaut: Elastisches Material vermindert Reibungswiderstand bei Schiffen

Für eine elegante und ökonomische Fortbewegung im Wasser geben Delfine den Wissenschaftlern ein exzellentes Vorbild. Die flinken Säuger erzielen erstaunliche Schwimmleistungen, deren Ursachen einerseits in der Körperform und andererseits in den elastischen Eigenschaften ihrer Haut zu finden sind. Letzteres Phänomen ist bereits seit Mitte des vorigen Jahrhunderts bekannt, konnte aber bislang nicht erfolgreich auf technische Anwendungen übertragen werden. Experten des Fraunhofer IFAM und der HSVA GmbH haben nun gemeinsam mit zwei weiteren Forschungspartnern eine Oberflächenbeschichtung entwickelt, die ähnlich wie die Delfinhaut den Strömungswiderstand im Wasser messbar verringert.

Delfine haben eine glatte Haut mit einer darunter liegenden dicken, nachgiebigen Speckschicht. Diese speziellen Hauteigenschaften führen zu einer signifikanten...

Im Focus: Kaltes Wasser: Und es bewegt sich doch!

Bei minus 150 Grad Celsius flüssiges Wasser beobachten, das beherrschen Chemiker der Universität Innsbruck. Nun haben sie gemeinsam mit Forschern in Schweden und Deutschland experimentell nachgewiesen, dass zwei unterschiedliche Formen von Wasser existieren, die sich in Struktur und Dichte stark unterscheiden.

Die Wissenschaft sucht seit langem nach dem Grund, warum ausgerechnet Wasser das Molekül des Lebens ist. Mit ausgefeilten Techniken gelingt es Forschern am...

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationale Fachkonferenz IEEE ICDCM - Lokale Gleichstromnetze bereichern die Energieversorgung

27.06.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zu aktuellen Fragen der Stammzellforschung

27.06.2017 | Veranstaltungen

Fraunhofer FKIE ist Gastgeber für internationale Experten Digitaler Mensch-Modelle

27.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Mainzer Physiker gewinnen neue Erkenntnisse über Nanosysteme mit kugelförmigen Einschränkungen

27.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wave Trophy 2017: Doppelsieg für die beiden Teams von Phoenix Contact

27.06.2017 | Unternehmensmeldung

Warnsystem KATWARN startet international vernetzten Betrieb

27.06.2017 | Informationstechnologie