Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie arbeitet das Gehirn von auffälligen Kindern und Jugendlichen?

29.04.2008
Die Forschungsallianz JARA zwischen FZ Jülich und RWTH Aachen ermöglicht Studien zu neurobiologischen Faktoren bei gestörtem Sozialverhalten

"Rentner in U-Bahn bedroht" oder "Jugendliche drangsalieren Mitschüler": Solche Schlagzeilen spiegeln in den letzten Jahren einen drastischen Anstieg der Zahl tatverdächtiger Kinder und Jugendlicher in Deutschland wider.

"Die Ursachen für solches Fehlverhalten bei Heranwachsenden sind sehr komplex", erläutert Dr. med. Timo Vloet, Oberarzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Aachen. "Zu den Einflussfaktoren gehören unter anderem das soziale Umfeld, geringe elterliche Aufsicht und ein Erziehungsstil, der entweder übermäßig viele oder zu wenig Regeln für die Kinder aufstellt und diese dann nur inkonsequent durchsetzt." Hinzu kommen beispielsweise auch neurofunktionelle und neuroanatomische Auffälligkeiten, ein Forschungsschwerpunkt von Vloet. Der Wissenschaftler und sein Team konnten unlängst in einer Studie nachweisen, dass Kinder mit Störungen des Sozialverhaltens Veränderungen in bestimmten Gehirnbereichen haben und außerdem Ängste körperlich weniger intensiv erleben.

So untersuchten die Wissenschaftler der RWTH Aachen das Gehirnvolumen und die Aktivität in bestimmten Gehirnbereichen sowie die emotionale Reagibilität von sozial auffälligen Jungen zwischen acht und 15 Jahren. Hierzu fanden im Magnetresonanztomographen - kurz MRT genannt - strukturelle und funktionelle Messreihen mit einer Vergleichsgruppe gesunder Kinder statt. Dabei wurde das Volumen bestimmter Gehirnbereiche der Studienteilnehmer errechnet und die Gehirnaktivität beim Anschauen von Bildern mit traurigem, neutralem oder positiven Inhalt gemessen. "Interessanterweise fanden wir vor allem strukturelle Auffälligkeiten sowohl in der Amygdala - einer Art Schaltzentrale für Emotionen - als auch im Frontalkortex, der im Gehirn für die Impulskontrolle des Menschen bedeutsam ist", berichtet Dr. Timo Vloet. Diese Veränderungen seien ebenfalls bei erwachsenen Straffälligen nachzuweisen. Unterstützt wurden die Ergebnisse durch vorherige Messungen der autonomen Reagibilität. "Darunter verstehen wir Fachleute körperliche Reaktionen des peripheren Nervensystems, die nicht willentlich zu steuern sind." Bei der Betrachtung von Bildern mehr eher erschreckenden Inhalts wurden die Herzfrequenz, die Feuchtigkeit der Hände und das Augenblinzeln gemessen. Die Kinder und Jugendlichen, die eine Störung des Sozialverhaltens aufwiesen, zeigten eine verminderte Angstreaktion.

"Offensichtlich haben manche Kinder ein biologisches Handicap", folgert Vloet. "Wir wollen solche Störungen möglichst früh erkennen, um eine individuelle Therapie einzuleiten." Neben einer psychotherapeutischen Behandlung lernen die Betroffenen unter anderem in einem sozialen Kompetenztraining adäquates Verhalten. Hinzu kommen Elterngespräche und eine enge Kooperation mit dem Jugendamt, das pädagogisch Unterstützung leistet. Allerdings verweist der Mediziner auf eine mangelhafte Grundversorgung: "Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist in Deutschland finanziell und personell völlig unterversorgt. Betroffene müssen mancherorts für Therapien Wartezeiten bis zu einem halben Jahr in Kauf nehmen." Er appelliert an die Verantwortung der Bildungseinrichtungen und damit der Politik: "Kinder brauchen eine wertevermittelnde Erziehung, die durch verlässliche Bezugspersonen die Kinder auch emotional fördert. Bestens ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher müssen schon in den Kindergärten tätig sein und entsprechend bezahlt werden."

Im Rahmen von JARA-BRAIN, dem neuronalen Forschungsverbund der RWTH Aachen und dem Forschungszentrum Jülich, möchte Dr. Vloet mit seinem Team die wissenschaftlichen Aktivitäten zur Untersuchung von Gehirnstruktur und -funktion weiter intensivieren. "Uns interessiert bei Kindern und Jugendlichen, wie das Gehirn wie arbeitet. Dies ist bedeutend für kinder- und jugendpsychiatrische Störungsbilder, aber auch für vergleichbare Erkrankungen Erwachsener." Dabei ist die herausragende technische Infrastruktur in Jülich äußerst hilfreich: "Nur durch die enge Zusammenarbeit verschiedener Gruppen und Disziplinen ist es möglich, die hohen methodischen Anforderungen an solche Untersuchungen im Kindes- und Jugendalter zu gewährleisten. Die Jülich-Aachen Research Alliance (JARA) von Forschungszentrum Jülich und RWTH Aachen, gefördert durch die Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder, erweitert grundlegend unsere künftigen Studienmöglichkeiten."

von Ilse Trautwein

Infos: Dr. Timo Vloet, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, UK Aachen, Tel. 0241/8089171, E-Mail: tvloet@ukaachen.de

Thomas von Salzen | idw
Weitere Informationen:
http://www.rwth-aachen.de

Weitere Berichte zu: Jugendpsychiatrie RWTH Sozialverhalten

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Ab ins Ungewisse: Über das Risikoverhalten von Jugendlichen
19.01.2017 | Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

nachricht Der Klang des Ozeans
12.01.2017 | Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Forscher spinnen künstliche Seide aus Kuhmolke

Ein schwedisch-deutsches Forscherteam hat bei DESY einen zentralen Prozess für die künstliche Produktion von Seide entschlüsselt. Mit Hilfe von intensivem Röntgenlicht konnten die Wissenschaftler beobachten, wie sich kleine Proteinstückchen – sogenannte Fibrillen – zu einem Faden verhaken. Dabei zeigte sich, dass die längsten Proteinfibrillen überraschenderweise als Ausgangsmaterial schlechter geeignet sind als Proteinfibrillen minderer Qualität. Das Team um Dr. Christofer Lendel und Dr. Fredrik Lundell von der Königlich-Technischen Hochschule (KTH) Stockholm stellt seine Ergebnisse in den „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften vor.

Seide ist ein begehrtes Material mit vielen erstaunlichen Eigenschaften: Sie ist ultraleicht, belastbarer als manches Metall und kann extrem elastisch sein....

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Gehirn und Immunsystem beim Schlaganfall – Neueste Erkenntnisse zur Interaktion zweier Supersysteme

24.01.2017 | Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Mikro-U-Boote für den Magen

24.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Echoortung - Lernen, den Raum zu hören

24.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

RWI/ISL-Containerumschlag-Index beendet das Jahr 2016 mit Rekordwert

24.01.2017 | Wirtschaft Finanzen