Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wohnkonzepte für Menschen mit Demenz: KDA befürchtet Rückschritt in die Ära der Mehrbettzimmer

21.12.2007
Aktuelle Länderumfrage zeigt: Großes Interesse an den umstrittenen Pflegeoasen

"Die stationäre Altenhilfe befindet sich im Hinblick auf Konzepte für die Versorgung von Menschen mit Demenz zur Zeit in einem bedenklichen Zwiespalt", stellt Klaus Großjohann, Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA), in der gerade erschienenen Ausgabe 4/2007 von PRO ALTER fest.

Das vom KDA herausgegebene Fachmagazin beschäftigt sich in seinem Schwerpunktthema mit der Frage, welches Wohnkonzept für Menschen mit fortgeschrittener Demenz das richtige ist und hat dafür die Einschätzung zahlreicher Fachleute eingeholt. "Die Fachwelt ist sich uneinig", ist in PRO ALTER zu lesen. "Während die einen nur im Einzelzimmer die Lebensqualität und Würde des Bewohners gewährleistet sehen, gehen andere davon aus, dass die Betroffenen darin Ängste und Einsamkeitsgefühle empfinden und sprechen sich daher für das Leben im Mehrbettzimmer oder gar in den sogenannten Pflegeoasen aus." Als Vorbild für diese dienen meist die Pflegeoasen im Haus Sonnweid in der Schweiz, in denen jeweils sieben schwerstpflegebedürftige Menschen mit Demenz in einem Raum leben und betreut werden, was in Deutschland ein unterschiedliches Echo hervorgerufen hat.

Eine aktuelle PRO ALTER-Umfrage bei den für Pflegefragen zuständigen Landesministerien verdeutlicht das: Fast die Hälfte der Ministerien steht dem Oase-Konzept äußerst kritisch bis ablehnend gegenüber. Weder in Brandenburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern noch im Saarland, in Sachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen existieren Oasen und sind auch nicht in der Planung. In den anderen Bundesländern sieht es dagegen schon anders aus: So ist in dem KDA-Fachmagazin zu lesen, dass "in Hamburg zwar zurzeit keine Pflegeoase nach dem Schweizer Modell existiert, dass aber dort eine rege Fachdiskussion darüber im Gange ist und Überlegungen zur Eröffnung bestehen." "Kritisches Abwarten beziehungsweise Interesse" an dem Modell besteht auch in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg.

... mehr zu:
»Demenz »KDA »PRO »Pflegeoasen

In Rheinland-Pfalz gibt es dagegen ganz klare Pläne in Richtung Oasen und in Niedersachen und Hessen bestehen bereits entsprechende Einrichtungen. Das Bayerische Sozialministerium ließ gegenüber PRO ALTER verlauten, dass man dem Konzept grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber stehe und dass Pflegeoasen geplant seien.

Das hält Klaus Großjohann grundsätzlich für "eine gefährliche Entwicklung", denn er befürchtet, dass damit quasi durch die Hintertür die Mehrbettzimmer wieder Einzug in Deutschlands Pflegeheime halten könnten. "Für uns hat das Oase-Konzept viel Ähnlichkeit mit den Anstaltselementen der ersten Pflegeheimgeneration. All das, wofür wir mühsam jahrzehntelang gekämpft haben, würde damit wieder zunichte gemacht. Es wäre ein Dammbruch und möglicherweise ein Rückschritt in Richtung Minimierung von Qualitätsstandards", befürchtet der KDA-Geschäftsführer. "Das Oase-Konzept kann nichts leisten, was nicht auch im Rahmen des Hausgemeinschaftskonzeptes geleistet werden könnte", so Großjohann weiter. Bei den vom KDA entwickelten Hausgemeinschaften handelt es sich um eine Wohnform, bei der acht bis zehn, maximal zwölf pflegebedürftige und vor allem auch demenzkranke ältere Menschen in einem familienähnlichen Umfeld zusammenleben. Jeder bewohnt dabei ein eigenes Zimmer, kann sich bei Bedarf aber auch jederzeit in die gemeinschaftlich genutzten Räume wie Wohnküche und Wohnzimmer begeben.

Für das Kuratorium Deutsche Altershilfe stellt sich die Frage nach Einzel-, Doppel- und Mehrbettzimmern ohnehin nicht: Nur im eigenen Zimmer sehen die Pflegeexperten und Architektinnen des KDA die Individualität und Würde der einzelnen Bewohner, die auch im Verlauf einer Demenz erhalten bleibt, gewahrt.

Unterstützt wird das KDA dabei beispielsweise von Altenhilfe- und Demenz-Experten wie Sibylle Heeg von Demenz Support in Stuttgart und Dr. Peter Meßmer vom Sozialministerium in Baden-Württemberg. "Das Einzelzimmer ist so etwas wie ein Menschenrecht", werden sie in PRO ALTER zitiert. Wobei, und auch das deckt sich mit der KDA-Meinung, Menschen, die zum Ausdruck bringen, dass sie sich in einem Doppelzimmer wohler fühlen, dies auch bekommen sollten. "Ich finde es nur schlimm, wenn Pflegebedürftige gezwungen sind, in einem Doppel- oder gar Mehrbettzimmer zu leben, weil nicht genügend Einzelzimmer vorhanden sind", so Meßmer weiter.

PRO ALTER verweist im Zusammenhang mit dieser Diskussion auch auf eine Studie des Institutes für Medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, bei der herausgefunden wurde, dass "die Bewohner von Doppelzimmern gegenüber Menschen in Einzelzimmern doppelt so oft Antipsychotika verordnet bekommen".

Weitere Themen dieser PRO ALTER-Ausgabe sind unter anderem:

* Kritische Ereignisse: Berichts- und Lernsysteme im Internet
* KDA gründet Stiftung
* Tiergestützte Therapie
* Kultursensible Altenhilfe
Das Einzelheft kann für 4,80 Euro (zzgl. Porto- und Versandkosten) beim KDA, An der Pauluskirche 3, 50677 Köln, E-Mail: versand@kda.de, bestellt werden.

Weitere Informationen bei: KDA-Öffentlichkeitsarbeit, E-Mail: publicrelations@kda.de

Klaus Großjohann | idw
Weitere Informationen:
http://www.kda.de

Weitere Berichte zu: Demenz KDA PRO Pflegeoasen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

nachricht Klimawandel: ungeahnte Rolle der Bodenerosion
11.04.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Im Focus: Turmoil in sluggish electrons’ existence

An international team of physicists has monitored the scattering behaviour of electrons in a non-conducting material in real-time. Their insights could be beneficial for radiotherapy.

We can refer to electrons in non-conducting materials as ‘sluggish’. Typically, they remain fixed in a location, deep inside an atomic composite. It is hence...

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Im Focus: Neuer Ionisationsweg in molekularem Wasserstoff identifiziert

„Wackelndes“ Molekül schüttelt Elektron ab

Wie reagiert molekularer Wasserstoff auf Beschuss mit intensiven ultrakurzen Laserpulsen? Forscher am Heidelberger MPI für Kernphysik haben neben bekannten...

Im Focus: Wafer-thin Magnetic Materials Developed for Future Quantum Technologies

Two-dimensional magnetic structures are regarded as a promising material for new types of data storage, since the magnetic properties of individual molecular building blocks can be investigated and modified. For the first time, researchers have now produced a wafer-thin ferrimagnet, in which molecules with different magnetic centers arrange themselves on a gold surface to form a checkerboard pattern. Scientists at the Swiss Nanoscience Institute at the University of Basel and the Paul Scherrer Institute published their findings in the journal Nature Communications.

Ferrimagnets are composed of two centers which are magnetized at different strengths and point in opposing directions. Two-dimensional, quasi-flat ferrimagnets...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Diabetes Kongress 2017:„Closed Loop“-Systeme als künstliche Bauchspeicheldrüse ab 2018 Realität

23.05.2017 | Veranstaltungen

Aachener Werkzeugmaschinen-Kolloquium 2017: Internet of Production für agile Unternehmen

23.05.2017 | Veranstaltungen

14. Dortmunder MST-Konferenz zeigt individualisierte Gesundheitslösungen mit Mikro- und Nanotechnik

22.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Medikamente aus der CLOUD: Neuer Standard für die Suche nach Wirkstoffkombinationen

23.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Diabetes Kongress 2017:„Closed Loop“-Systeme als künstliche Bauchspeicheldrüse ab 2018 Realität

23.05.2017 | Veranstaltungsnachrichten

CAST-Projekt setzt Dunkler Materie neue Grenzen

23.05.2017 | Physik Astronomie