Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

18 Minuten zum Überleben?

22.03.2011
Wie lange kann ein Verschütteter unter einer Lawine überleben?

Laut einer Studie mit Schweizer Daten bleiben einem Rettungsteam im Durchschnitt 18 Minuten, um ein Lawinenopfer mit hoher Wahrscheinlichkeit noch lebend zu bergen. Ist diese Erkenntnis jedoch weltweit gültig oder gibt es regionale Unterschiede?

Ein Forscherteam aus Südtirol, der Schweiz und Kanada hat in einer gemeinsamen Studie Daten zu Lawinenunfällen aus der Schweiz und Kanada neu erhoben und miteinander verglichen - mit überraschenden Ergebnissen. Das hochdotierte Magazin „Canadian Medical Association Journal“ hat die Studie in seiner aktuellen Ausgabe publiziert.

Vor rund zehn Jahren veröffentlichte der Südtiroler Lawinenexperte Hermann Brugger – heute Leiter des weltweit ersten Instituts für Alpine Notfallmedizin an der Europäischen Akademie Bozen – gemeinsam mit seinem Schweizer Kollegen Hans-Jürg Etter und dem Südtiroler Biostatistiker Markus Falk eine Studie zur Überlebenschance bei Lawinenverschüttung. Sie hatten Schweizer Daten zu Lawinenunfällen gesammelt und herausgefunden, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit von Verschütteten bis rund 18 Minuten über 90 Prozent beträgt.

Die Ergebnisse der Studie hatten damals große Auswirkungen auf das Verhalten von Skitourengehern, auf das alpine Rettungswesen, auf die Herstellung von Rettungsgeräten und auf die Logistik bei der Bergung und Behandlung von Lawinenopfern. Doch inwieweit gelten diese Erkenntnisse auch für Bergregionen außerhalb der Alpen? In den vergangenen Jahren aktualisierten die Lawinenforscher die Daten der Schweizer Studie und verglichen zusammen mit den Kanadiern Pascal Haegeli und Jeff Boyd die Schweizer Daten mit Daten aus Kanada. Das überraschende Ergebnis: Die so genannte Überlebensphase ist in Kanada mit rund zehn Minuten nur etwa halb so lang wie in der Schweiz.

Wie lassen sich diese großen Unterschiede erklären? Das weitere Vorgehen des Forscherteams gelang nicht zuletzt aufgrund einer rechnerischen Leistung, die Markus Falk mit eigens neu entwickelten statistischen Methoden beisteuerte. Nach Ausschluss mehrerer Vermutungen zeigte es sich, dass, abgesehen von einer höheren Verletzungsrate in Kanada, vor allem das Klima ein ausschlaggebender Faktor ist für die Überlebenswahrscheinlichkeit unter Lawinen: Im maritimen Klima am pazifischen Küstenstreifen östlich von Vancouver beeinflusst die feuchte Meeresluft die Konsistenz und Dichte des Schnees derart, dass Verschüttete dort schneller ersticken als unter dem Schnee im trockenen, kalten und kontinentalen kanadischen Klima, das auch dem Klima der europäischen Alpen ähnlich ist.

Eine weitere Erkenntnis der Studie betrifft die Anzahl der Langzeitüberlebenden, also jener Lawinenopfer, die trotz ihrer vollständigen Verschüttung keine lebensgefährlichen Verletzungen davontragen und überleben. Ihre Anzahl ist in Kanada im Vergleich deutlich niedriger. Zurückzuführen ist dies auf die großen Entfernungen, die Unzugänglichkeit der kanadischen Bergregionen und die damit verbundenen Schwierigkeiten in der medizinischen Versorgung von Lawinenopfern. „Die Studie hat deutlich gemacht, dass den kanadischen Rettungsteams im Vergleich viel weniger Zeit bleibt, um Lawinenverschüttete lebend zu bergen und sie daher in punkto Schnelligkeit und Effizienz extrem gefordert sind“, fasst Hermann Brugger zusammen.

Laura Defranceschi | idw
Weitere Informationen:
http://www.eurac.edu
http://www.cmaj.ca/cgi/content/abstract/cmaj.101435v3

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Neue Studie „Education first! Bildung entscheidet über die Zukunft Sahel-Afrikas“
29.11.2017 | Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

nachricht Zukunftsstudie zum Autoland Saarland veröffentlicht
29.11.2017 | Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Stabile Quantenbits

Physiker aus Konstanz, Princeton und Maryland schaffen ein stabiles Quantengatter als Grundelement für den Quantencomputer

Meilenstein auf dem Weg zum Quantencomputer: Wissenschaftler der Universität Konstanz, der Princeton University sowie der University of Maryland entwickeln ein...

Im Focus: Realer Versuch statt virtuellem Experiment: Erfolgreiche Prüfung von Nanodrähten

Mit neuartigen Experimenten enträtseln Forscher des Helmholtz-Zentrums Geesthacht und der Technischen Universität Hamburg, warum winzige Metallstrukturen extrem fest sind

Ultraleichte und zugleich extrem feste Werkstoffe – poröse Nanomaterialien aus Metall versprechen hochinteressante Anwendungen unter anderem für künftige...

Im Focus: Geburtshelfer und Wegweiser für Photonen

Gezielt Photonen erzeugen und ihren Weg kontrollieren: Das sollte mit einem neuen Design gelingen, das Würzburger Physiker für optische Antennen erarbeitet haben.

Atome und Moleküle können dazu gebracht werden, Lichtteilchen (Photonen) auszusenden. Dieser Vorgang verläuft aber ohne äußeren Eingriff ineffizient und...

Im Focus: Towards data storage at the single molecule level

The miniaturization of the current technology of storage media is hindered by fundamental limits of quantum mechanics. A new approach consists in using so-called spin-crossover molecules as the smallest possible storage unit. Similar to normal hard drives, these special molecules can save information via their magnetic state. A research team from Kiel University has now managed to successfully place a new class of spin-crossover molecules onto a surface and to improve the molecule’s storage capacity. The storage density of conventional hard drives could therefore theoretically be increased by more than one hundred fold. The study has been published in the scientific journal Nano Letters.

Over the past few years, the building blocks of storage media have gotten ever smaller. But further miniaturization of the current technology is hindered by...

Im Focus: Successful Mechanical Testing of Nanowires

With innovative experiments, researchers at the Helmholtz-Zentrums Geesthacht and the Technical University Hamburg unravel why tiny metallic structures are extremely strong

Light-weight and simultaneously strong – porous metallic nanomaterials promise interesting applications as, for instance, for future aeroplanes with enhanced...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Innovative Strategien zur Bekämpfung von parasitären Würmern

08.12.2017 | Veranstaltungen

Hohe Heilungschancen bei Lymphomen im Kindesalter

07.12.2017 | Veranstaltungen

Der Roboter im Pflegeheim – bald Wirklichkeit?

05.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Papstar entscheidet sich für tisoware

08.12.2017 | Unternehmensmeldung

Natürliches Radongas – zweithäufigste Ursache für Lungenkrebs

08.12.2017 | Unternehmensmeldung

„Spionieren“ der versteckten Geometrie komplexer Netzwerke mit Hilfe von Maschinenintelligenz

08.12.2017 | Biowissenschaften Chemie