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Urlaubslandschaft und Ressourcenvielfalt: das mochten schon die ersten Europäer

18.04.2012
Wissenschaftler der Senckenberg Forschungsstation für Quartärpaläontologie in Weimar haben anhand von Großsäugetierfossilien die Klima- und Umweltverhältnisse in Europa während der Zeit zwischen 2,6 Millionen bis 400.000 Jahren vor heute rekonstruiert.
Sie schließen aus ihren Ergebnissen, dass sich die Klimaschwankungen und die daraus resultierenden Landschaftentwicklungen maßgeblich auf die Ausbreitung der frühen Menschen auswirkten. Die Studie ist im Fachjournal „Quaternary Science Reviews“ erschienen und wird im Rahmen des ROCEEH-Workshops am 19. und 20. April in Weimar von internationalen Experten diskutiert.

Ausgeglichenes Wetter und gut gefüllte Supermärkte oder extreme Temperaturen und ein eintöniges Nahrungsangebot – vor diese Wahl gestellt, würde sich wohl kaum jemand für die zweite Alternative entscheiden. Ähnlich ging es wohl auch den frühen Menschen vor etwa 2,6 Millionen bis 400.000 Jahren, als sie ihre Entscheidungen für neue Lebensräume treffen mussten.

„Uns hat interessiert, welche Rahmenbedingungen zur Zeit der Ausbreitung der frühen Menschen in Europa vorlagen“, erklärt Prof. Ralf-Dietrich Kahlke, Leiter der Senckenberg Forschungsstation für Quartärpaläontologie in Weimar. „Da fossile Überreste von Menschen sehr selten sind, haben wir Fossilien von Landsäugetieren an über 200 Fundstellen in acht Regionen Europas untersucht. Wir konnten wichtige Erkenntnisse über die Umweltentwicklung während des Frühen und Mittleren Pleistozäns – der Zeit zwischen 2,6 und 0,4 Millionen Jahren vor heute – gewinnen.“

Das Frühe bis Mittlere Pleistozän ist durch vier Zeitspannen mit unterschiedlichen Mustern des Klimawandels geprägt. Das Wissenschaftlerteam aus Spanien, Griechenland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Bulgarien, Russland und Deutschland ist sich sicher, dass die Klimaschwankungen direkte Auswirkungen auf die Ausbreitung der frühen Menschen (Homininen) hatten.

Denn mit den klimatischen Änderungen ging auch ein Wandel des Landschaftscharakters einher. Während sich in der Zeit zwischen 2,6 und 1,8 Millionen Jahren vor heute verschiedene Savannentypen und Wälder abwechselten, wurde das Klima zwischen 1,8 - 1,2 Millionen Jahren tendenziell kälter und trockener, die Wälder zogen sich zurück und die Landschaft wurde zumeist von offenen Grasländern dominiert. Sehr unregelmäßige Klimaschwankungen führten während der Zeitspanne vor 1,2 bis 0,9 Millionen Jahren zu einer merklichen Zunahme der Landschaftsvielfalt. Während der folgenden Zeit bis 0,4 Millionen Jahren vor heute gestaltete sich das Klima deutlich stabiler, die Phasen überwiegend offener oder bewaldeter Landschaftstypen wurden länger.

„Uns interessiert besonders der Abschnitt zwischen 1,2 und 0,9 Millionen Jahren“, erläutert Kahlke. „Vergleicht man Studien zur Ausbreitung der frühen Menschen mit unseren Daten, ist zu erkennen, dass die Zunahme der Landschaftsvariabilität und Phasen ausgeglichenen Klimas den verschiedenen Landsäugetieren und auch den frühen Menschen Möglichkeiten zur weiteren Ausbreitung in Europa eröffneten.“

Hilfe bei der Auswertung Ihrer Ergebnisse bekamen die Weimarer Quartärpaläontologen von der Forschungsstelle „The role of cultural in early expansions of humans“ (ROCEEH) der Heidelberger Akademie am Senckenberg Forschungsinstitut und der Universität Tübingen. Bereits im fünften Jahr beschäftigt sich das Projekt mit den raumzeitlichen Wanderungsmustern der frühen Menschen. „Wir tragen dazu bei, die Interpretation der räumlich-zeitlichen Verbreitung von Fundstücken zu bewerkstelligen und konkrete und auch quantitativ abgesicherte Aussagen über Lebensräume zu erarbeiten.“, erklärt Dr. Christine Hertler, Paläobiologin an der Forschungsstelle ROCEEH.
Vor etwa 1,8 Millionen Jahren wanderten die ersten Menschen aus Afrika nach Eurasien ein und nutzen hier die natürliche Vielfalt entlang der Täler großer Flusssysteme. Ihre spätere westwärts gerichtete Ausbreitung war zunächst durch das mediterrane Klima bestimmt. Der darauf folgende Anstieg der landschaftlichen Vielfalt und das damit verbesserte Ressourcenangebot in der Zeitspanne ab 1,2 Millionen Jahre vor heute eröffnete den frühen Menschen weite Gebiete Europas als neuen Lebensraum.

„Übertragen auf die heutigen Menschen könnte man das Verhalten unserer europäischen Vorgänger so erklären: Wohltemperierte Feriendomizile mit gut gefüllten Supermärkten mag man am liebsten“, fasst Kahlke zusammen. Auf dem kommenden Workshop haben die Senckenberger Wissenschaftler nun Gelegenheit diese Thesen mit internationalen Experten der Tier- und Pflanzenwelt zu diskutieren und Möglichkeiten zur Quantifizierung entsprechender Umweltdaten auszuloten.
„Denn es gibt noch einige offene Fragen“, ergänzt Hertler. „Wir wissen beispielsweise noch nicht, ob tatsächlich nur zwei Mal Homininen von außereuropäischen Ursprungsgebieten nach Europa eingewandert sind, oder ob dies vielleicht öfter geschah.“

Mehr Informationen zu ROCCEH unter http://www.roceeh.net
Publikation:
Kahlke et al. (2010): Western Palaearctic palaeoenvironmental conditions during the Early and early Middle Pleistocene inferred from large mammal communities, and implications for hominin dispersal in Europe. Quaternary Science Reviews, Volume 30, Issues 11–12, June 2011, Pages 1368–1395.
DOI:10.1016/j.quascirev.2010.07.020

Kontakt:
Pressestelle
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Judith Jördens
Tel. 069- 7542 1434
Fax 069- 75421517
judith.joerdens@senckenberg.de

Die Erforschung von Lebensformen in ihrer Vielfalt und ihren Ökosystemen, Klimaforschung und Geologie, die Suche nach vergangenem Leben und letztlich das Verständnis des gesamten Systems Erde-Leben – dafür arbeitet die SENCKENBERG Gesellschaft für Naturforschung. Ausstellungen und Museen sind die Schaufenster der Naturforschung, durch die Senckenberg aktuelle wissenschaftliche Ergebnisse mit den Menschen teilt und Einblick in vergangene Zeitalter sowie die Vielfalt der Natur vermittelt.

Judith Jördens | Senckenberg
Weitere Informationen:
http://www.senckenberg.de

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