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Ein zerzaustes Galaxienpaar

20.04.2011
Bildveröffentlichung der Europäischen Südsternwarte - Dieses kosmische Galaxienpärchen wurde vom Wide Field Imager am MPG/ESO 2,2-Meter-Teleskop am La Silla Observatorium in Chile im Bild eingefangen.

Auffällige Strukturen der Galaxien zeigen, dass jede den Schwerkrafteinfluss des jeweils anderen Sternsystems zu spüren bekommt. Dieser Einfluss hat die Spiralstruktur der ersten Galaxie namens NGC 3169 verdrillt und die Staubbänder in ihrem Begleiter NGC 3166 an mehreren Stellen durchtrennt.


Das Galaxienpaar NGC 3169 und NGC 3166
Abbildung: ESO/Igor Chekalin

Die Galaxiengruppe befindet sich in einer Entfernung von etwa 70 Millionen Lichtjahren im Sternbild Sextans (lateinisch für “der Sextant”) und wurde 1783 von dem deutsch-englischen Astronomen Wilhelm Herschel entdeckt. Heutige Astronomen haben den Abstand zwischen NGC 3169 auf der linken Seite und NGC 3166 rechts davon auf nur 50.000 Lichtjahre abgeschätzt. Das entspricht gerade einmal der Hälfte des Durchmessers unserer eigenen Heimatgalaxie, der Milchstraße. Auf so – kosmisch gesehen – engem Raum ist der Schwerkrafteinfluss, den die beiden Galaxien aufeinander ausüben, kräftig genug, um ihre Strukturen merklich zu beeinflussen.

Das typische Aussehen von Spiralgalaxien wie NGC 3169 und NGC 3166 ist das gleichmäßig geformter Arme aus Sternen und Staub, die um ein leuchtendes Zentrum gewickelt sind. Kommt solch eine Spiralgalaxie einem anderen massereichen Objekt zu nahe, kann diese klassische Struktur durcheinandergeraten. Solche Annäherungen sind meist Auftakt für das Verschmelzen von mehreren Galaxien zu einer größeren Galaxie.

Bei NGC 3169 und NGC 3166 steht die Verschmelzung nicht unmittelbar bevor, doch es zeigen sich bereits deutliche Spuren der Annäherung: Die Spiralarme von NGC 3169, die aus hell leuchtenden, jungen, blauen Sternen bestehen, sind auseinander gerissen und große Mengen leuchtenden Gases sind aus der galaktischen Scheibe hinaus gezogen worden. Im Falle von NGC 3166 hat die Nähe der anderen Galaxie die Staubbänder, die sonst den Verlauf der Spiralarme nachzeichnen, in Unordnung gebracht. Im Gegensatz zu seinem bläulichen Gegenstück entstehen in NGC 3166 kaum noch neue Sterne.

NGC 3169 weist eine weitere Besonderheit auf: Die Aufnahme zeigt nahe des Zentrums der Galaxie, im Bild etwas links davon, einen unauffälligen gelblichen Punkt inmitten eines Schleiers von dunklem Staub [1]. Dieses Leuchten ist Überbleibsel einer Supernova aus dem Jahre 2003, die die Bezeichnung SN 2003cg erhalten hat. SN 2003cg wurde als Supernova vom Typ Ia klassifiziert. Supernovae dieser Art entstehen nach Vorstellung der Astronomen, wenn ein so genannter Weißer Zwerg – der Überrest eines mittelgroßen Sterns wie unserer Sonne – das Gas eines Begleitersterns absaugt. Der zusätzliche Brennstoff lässt den Weißen Zwerg schließlich in einer unkontrollierten Kettenreaktion explodieren.

Diese Aufnahme des Galaxienpaars basiert auf Daten, die Igor Chekalin für das Gewinnerbild des “Hidden Treasures 2010”-Wettbewerbs der ESO zusammengestellt hat. Chekalin gewann bei dem Wettbewerb insgesamt den ersten Preis. Seine Version dieses Bildes landete auf Platz zwei von nahezu 100 Einsendungen [2].

Endnoten

[1] Andere auffällige Lichtpunkte wie beispielsweise jener am linken Ende des Spiralarms, der unterhalb des Zentrums von NGC 3169 verläuft, sind Sterne in der Milchstraße, die von der Erde aus gesehen zufällig zwischen uns und den beiden Galaxien liegen.

[2] Der ESO-Wettbewerb „Hidden Treasures 2010“ eröffnete Amateurastronomen die Gelegenheit, die riesigen Datenarchive der ESO nach versteckten Schätzen zu durchforsten und diese zu heben. Mehr zum „Hidden Treasures“- Wettbewerb: http://www.eso.org/public/outreach/hiddentreasures/.

Zusatzinformationen

Das MPG/ESO 2,2-Meter-Teleskop wurde 1984 in Betrieb genommen und ist eine Leihgabe der Max-Planck-Gesellschaft an die ESO. Sein Wide Field Imager, eine astronomische Kamera mit besonders großem Blickfeld und einem Detektor mit 67 Millionen Pixeln, liefert Bilder, die nicht nur von wissenschaftlichem, sondern auch von ästhetischem Wert sind.

Die Europäische Südsternwarte ESO (European Southern Observatory) ist die führende europäische Organisation für astronomische Forschung und das wissenschaftlich produktivste Observatorium der Welt. Getragen wird die Organisation durch ihre 15 Mitgliedsländer: Belgien, Brasilien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Italien, die Niederlande, Österreich, Portugal, Spanien, Schweden, die Schweiz, die Tschechische Republik und das Vereinigte Königreich. Die ESO ermöglicht astronomische Spitzenforschung, indem sie leistungsfähige bodengebundene Teleskope entwirft, konstruiert und betreibt. Auch bei der Förderung internationaler Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Astronomie spielt die Organisation eine maßgebliche Rolle. Die ESO betreibt drei weltweit einzigartige Beobachtungsstandorte in Nordchile: La Silla, Paranal und Chajnantor. Auf Paranal betreibt die ESO mit dem Very Large Telescope (VLT) das weltweit leistungsfähigste Observatorium für Beobachtungen im Bereich des sichtbaren Lichts, sowie VISTA, das größte Durchmusterungsteleskop der Welt. Die ESO ist der europäische Partner für den Aufbau des Antennenfelds ALMA, das größte astronomische Projekt überhaupt. Derzeit entwickelt die ESO das European Extremely Large Telescope (E-ELT) für Beobachtungen im Bereich des sichtbaren und Infrarotlichts, mit 42 Metern Spiegeldurchmesser ein Großteleskop der Extraklasse.

Die Übersetzungen von englischsprachigen ESO-Pressemitteilungen sind ein Service des ESO Science Outreach Network (ESON), eines internationalen Netzwerks für astronomische Öffentlichkeitsarbeit, in dem Wissenschaftler und Wissenschaftskommunikatoren aus allen ESO-Mitgliedsstaaten (und einigen weiteren Ländern) vertreten sind. Deutscher Knoten des Netzwerks ist das Haus der Astronomie am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg.

Kontaktinformationen

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Carolin Liefke | ESO Science Outreach Network
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