Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Schwarzes Loch in einer einsamen Galaxie

08.04.2016

Astronomen finden den ungewöhnlichen Nachfahren eines Quasars

Massereiche schwarze Löcher können nicht nur in großen Galaxienhaufen wachsen. Ein internationales Team von Forschern des Max-Planck-Instituts für extraterrestrische Physik, aus den USA und Kanada fand im Innern der relativ einsamen Galaxie NGC 1600 ein schwarzes Loch mit der Masse von rund 17 Milliarden Sonnen – eines der massivsten schwarzen Löcher, das bisher aufgespürt wurde.


Die elliptische Galaxie NGC 1600 (links) beherbergt ein sehr massereiches schwarzes Loch mit 17 Milliardenfacher Sonnenmasse. Im Gegensatz zu anderen Galaxien, in denen sehr massereiche schwarze Löcher gefunden wurden (wie in NGC 4889, rechts), ist sie die größte einer relativ kleinen Gruppe von Galaxien und befindet sich nicht in einem großen Galaxienhaufen.

© MPE/Gemini Observatory


Vergrößerte Ansicht der zentralen Region von NGC 1600: Der Kern ist recht diffus, viele Sterne fehlen – wahrscheinlich als Folge einer früheren Galaxienverschmelzung.

© Gemini Observatory/AURA & HST/NASA/ESA

Außerdem stellte sich heraus, dass die Verteilung der Sterne nahe dem Galaxienzentrum recht diffus ist und sich diese Region über denselben Radius erstreckt wie die Einflusssphäre der Schwerkraft des schwarzen Lochs Fast jede Galaxie beherbergt in ihrem Zentrum ein massereiches schwarzes Loch – im Herzen unserer Milchstraße befindet sich ein eher kleineres; es ist lediglich vier Millionen Mal so schwer wie unsere Sonne. Tausendfach massereichere schwarze Löcher brachten einst die Quasare im frühen Universum zum Leuchten.

Diese Strahlungsgiganten leben von der Energie, die frei wird, wenn Gas auf ein massereiches schwarzes Loch einstürzt. Bisher ließen sich die heute nicht mehr aktiven Nachfahren dieser sehr großen schwarzen Löcher nur innerhalb riesiger Galaxien in den Zentren gewaltiger Galaxienhaufen mit Hunderten von anderen Sternsystemen nachweisen. Aber sie scheinen nicht nur dort zu existieren.

Das nun entdeckte schwarze Loch hat die 17 Milliardenfache Masse unserer Sonne – und sitzt im Herzen der mehr oder weniger einsam durchs All treibenden Galaxie NGC 1600. Für dieses Ergebnis hatten die Forscher Beobachtungen aus dem MASSIVE-Survey ausgewertet. Der Katalog dient der Untersuchung von Struktur, Dynamik und Entstehungsgeschichte der 100 massereichsten elliptischen Galaxien in einer Distanz von bis zu 350 Millionen Lichtjahren von unserer Milchstraße.

Die Wissenschaftler analysierten die Geschwindigkeiten der Sterne nahe dem zentralen schwarzen Loch. Um seine Masse zu bestimmen, verglichen sie diese Geschwindigkeiten mit theoretisch berechneten Modellen von Sternorbits. Erstaunlich ist – neben der großen Masse des Schwerkraftmonsters – die Tatsache, dass NGC 1600 Teil einer kleinen Gruppe von nur wenigen Galaxien ist.

„Zum ersten Mal haben wir ein derart massereiches schwarzes Loch in einer relativ isolierten Galaxie gefunden und nicht in einem großen Galaxienhaufen“, sagt Jens Thomas vom Garchinger Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik, Hauptautor des in der Zeitschrift Nature veröffentlichten Artikels. Und: „Andere Galaxien mit sehr massereichen schwarzen Löchern befinden sich in der Regel in Regionen des Universums mit einer hohen Massendichte, also in Haufen mit vielen anderen Galaxien.“

„Auch der Zentralbereich der Galaxie NGC 1600 ist interessant. Er erscheint sehr diffus – so, als ob Milliarden von Sternen fehlen“, sagt Chung-Pei Ma von der University California Berkeley (USA), die den MASSIVE-Survey leitet. Wie aber ist es zu einem solchen Verlust an Sternen gekommen?NGC 1600 ist mit Abstand die hellste Galaxie in ihrer kleinen Gruppe und überstrahlt die anderen Mitglieder um mindestens das Dreifache.

Um so groß zu werden, könnte diese Galaxie bereits früh mit anderen, nahen Milchstraßensystemen und deren schwarzen Löchern verschmolzen sein. Im Fall einer Kollision von zwei Galaxien haben deren schwarze Löcher zunächst ein Binärsystem gebildet. Sterne, die diesem zu nahe kamen, wurden – wie bei einer „Schwerkraftschleuder“ – zu größeren Radien gestreut.

„Bei weniger massereichen elliptischen Galaxien nimmt die Helligkeit typischerweise immer mehr zu, je weiter man sich dem Zentrum nähert. Bei NGC 1600 ist es aber so, als wären so viele Sterne wie in der Scheibe unserer Milchstraße aus dem Zentrum herausgeschleudert worden“, sagt Jens Thomas.

Durch den Vergleich ihrer Ergebnisse mit Massenbestimmungen in einer Reihe von ähnlichen Galaxien fanden die Astronomen, dass die Sterne genau in jener Region zu fehlen scheinen, in welche die Einflusssphäre der Gravitation des schwarzen Lochs reicht. „Das schwarze Loch in NGC 1600 zeigt, wie der Nachfahre eines leuchtenden Quasars in einer relativ isolierten Galaxie heute aussehen könnte“, sagt Chung-Pei Ma. „Mit unseren Beobachtungen werden wir in Kürze herausfinden, ob wir einfach eine ungewöhnliche Galaxie entdeckt haben, oder ob das die Spitze eines Eisbergs ist.“

Ansprechpartner

Dr. Hannelore Hämmerle

Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik, Garching

E-Mail: pr@mpe.mpg.de

Dr. Jens Thomas

Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik, Garching

E-Mail: jthomas@mpe.mpg.de

Originalpublikation

Jens Thomas, Chung-Pei Ma, Nicholas J. McConnell et al. A 17-billion-solar-mass black hole in a group galaxy with a diffuse core Nature, online 6 April 2016

Dr. Hannelore Hämmerle | Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik, Garching
Weitere Informationen:
https://www.mpg.de/10430946/schwarzes-loch-galaxie-ngc-1600

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Flashmob der Moleküle
19.01.2017 | Technische Universität Wien

nachricht Verkehrsstau im Nichts
19.01.2017 | Universität Konstanz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Event News

Sustainable Water use in Agriculture in Eastern Europe and Central Asia

19.01.2017 | Event News

12V, 48V, high-voltage – trends in E/E automotive architecture

10.01.2017 | Event News

2nd Conference on Non-Textual Information on 10 and 11 May 2017 in Hannover

09.01.2017 | Event News

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

21.500 Euro für eine grüne Zukunft – Unserer Umwelt zuliebe

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

innovations-report im Interview mit Rolf-Dieter Lafrenz, Gründer und Geschäftsführer der Hamburger Start ups Cargonexx

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

Niederlande: Intelligente Lösungen für Bahn und Stahlindustrie werden gefördert

20.01.2017 | Förderungen Preise