Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

NGC 3621, eine malerische Scheibengalaxie

02.02.2011
Auf den ersten Blick sieht die helle Galaxie NGC 3621 – hier mit dem Wide Field Imager am MPG/ESO 2,2-Meter-Teleskop am La Silla Observatorium in Chile eingefangen – wie ein Musterbeispiel für eine klassische Spiralgalaxie aus. In Wirklichkeit ist die Galaxie aber eher ungewöhnlich: Sie besitzt keine zentrale Verdickung (“Bulge”) und ist damit eine so genannte “Pure-Disc-Galaxie”.
ESO-Bildveröffentlichung

Die Spiralgalaxie NGC 3621 liegt von der Erde aus gesehen in einer Entfernung von etwa 22 Millionen Lichtjahren im Sternbild Hydra (die Wasserschlange). Sie ist vergleichsweise hell und kann schon mit Amateurfernrohren gut beobachtet werden. Die hier gezeigte Aufnahme entstand allerdings mit einem weit größeren Instrument, nämlich mit dem Wide Field Imager am MPG/ESO 2,2-Meter-Teleskop am La Silla-Observatorium in Chile.


Ansicht von NGC 3621 mit dem Wide Field Imager
Abbildung: ESO und Joe DePasquale

Die zugrundeliegenden Daten suchte Joe DePasquale im Rahmen des Bilderwettbewerbs “ESO's Hidden Treasures” [1] aus dem umfangreichen Datenarchiv der ESO heraus. DePasquales aus diesen Rohdaten erstellte Bild von NGC 3621 erreichte damit bei dem Wettbewerb den vierten Platz.

NGC 3621 hat eine platte, pfannkuchenartige Form. Das deutet darauf hin, dass diese Galaxie bislang ein eher ruhiges Leben geführt hat: Ein Zusammenstoß mit einer anderen Galaxie hätte die dünne Scheibe aus Sternen durcheinander gebracht und eine kleine Verdickung in der Scheibenmitte erzeugt, einen so genannten Bulge. Die meisten Astronomen gehen davon aus, dass Verschmelzungen mit anderen Galaxien der natürliche Mechanismus sind, durch den Galaxien im Laufe der Jahrmilliarden immer größer werden. Im Laufe solchen so genannten „hierarchischen Wachstums“ sollten sich insbesondere große Bulges in den Zentren von Spiralgalaxien ausgebildet haben. Neuere Forschungsergebnisse deuten aber darauf hin, dass Pure-Disc-Galaxien wie NGC 3621, die keinen Bulge aufweisen, alles andere als selten sind.

NGC 3621 ist für die Astronomen auch deshalb so interessant, weil sie uns verglichen mit anderen Galaxien relativ nahe ist – so nahe, dass man eine Vielzahl von astronomischen Objekten innerhalb der Galaxie im Detail untersuchen kann, etwa Sternentstehungsgebiete, Staubwolken und so genannte Cepheiden, eine bestimmte Klasse von pulsierenden Sternen. Cepheidensterne haben in der Astronomie große Bedeutung, da sie Entfernungsbestimmungen ermöglichen [2]. Ende der 90er Jahre wurde NGC 3621 daher zusammen mit 17 anderen Galaxien für ein Kernprojekt des Hubble-Weltraumteleskopes ausgewählt, bei dem Cepheiden in diesen Galaxien beobachtet wurden. Durch die Kalibration der Entfernungsskala mit Hilfe dieser Messungen konnte die Expansionrate des Universums genauer bestimmt werden als je zuvor. In NGC 3621 konnten die Astronomen 69 Cepheiden erfolgreich vermessen.

Um das Bild von NGC 3621 zu erstellen, wurden mehrere Schwarzweißaufnahmen miteinander kombiniert, die mit vier verschiedenen Farbfiltern aufgenommen wurden. Einzelbilder, die mit einem Blaufilter entstanden, wurden farblich blau kodiert, Aufnahmen durch einen gelb-grünen Filter grün und die durch einen Rotfilter in dunklem orange. Hinzu kamen Aufnahmen, die nur das charakteristische Licht von leuchtendem Wasserstoffgas zeigen. Die Belichtungszeiten mit den verschiedenen Filtern betrugen insgesamt jeweils 30, 40, 40 und 40 Minuten.

Endnoten

[1] Der Wettbewerb “ESO’s Hidden Treasures 2010” bot Amateurastronomen die Möglichkeit, das große Archiv astronomischer Daten der ESO nach einem sprichwörtlichen Rohdiamanten zu durchsuchen, der zu einem Schmuckstück geschliffen werden musste. Die Teilnehmer reichten nahezu 100 Bilder bei der ESO ein. Die zehn talentiertesten Bildkünstler gewannen wertvolle Preise. Hauptgewinn war eine Reise zum Very Large Telescope (VLT) der ESO auf dem Cerro Paranal in Chile. Die insgesamt zehn Gewinner reichten bei dem Wettbewerb die 20 höchstbewerteten Bilder ein.

[2] Cepheiden sind leuchtkräftige Sterne, die bis zu 30.000 Mal heller werden können als die Sonne. Ihre Helligkeit variiert periodisch in einem Zeitraum von mehreren Tagen, Wochen oder Monaten. Die Zeitdauer dieser Helligkeitsänderungen ist abhängig von der absoluten Helligkeit des Sterns, die unabhängig von der Entfernung ist. Kennt man die absolute Helligkeit eines Sterns und misst seine scheinbare Helligkeit, lässt sich daraus seine Entfernung zur Erde bestimmen. Die Cepheiden legen daher einen wichtigen Maßstab für die Entfernungsskala des Universums fest.

Weitere Informationen

Das MPG/ESO 2,2-Meter-Teleskop wurde 1984 in Betrieb genommen und ist eine Leihgabe der Max-Planck-Gesellschaft an die ESO. Sein Wide Field Imager, eine astronomische Kamera mit besonders großem Blickfeld und einem Detektor mit 67 Millionen Pixeln, liefert Bilder, die nicht nur von wissenschaftlichem, sondern auch von ästhetischem Wert sind.

Die Europäische Südsternwarte ESO (European Southern Observatory) ist die führende europäische Organisation für astronomische Forschung und das wissenschaftlich produktivste Observatorium der Welt. Getragen wird die Organisation durch ihre 15 Mitgliedsländer: Belgien, Brasilien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Italien, die Niederlande, Österreich, Portugal, Spanien, Schweden, die Schweiz, die Tschechische Republik und das Vereinigte Königreich. Die ESO ermöglicht astronomische Spitzenforschung, indem sie leistungsfähige bodengebundene Teleskope entwirft, konstruiert und betreibt. Auch bei der Förderung internationaler Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Astronomie spielt die Organisation eine maßgebliche Rolle. Die ESO betreibt drei weltweit einzigartige Beobachtungsstandorte in Nordchile: La Silla, Paranal und Chajnantor. Auf Paranal betreibt die ESO mit dem Very Large Telescope (VLT) das weltweit leistungsfähigste Observatorium für Beobachtungen im Bereich des sichtbaren Lichts, sowie VISTA, das größte Durchmusterungsteleskop der Welt. Die ESO ist der europäische Partner für den Aufbau des Antennenfelds ALMA, das größte astronomische Projekt überhaupt. Derzeit entwickelt die ESO das European Extremely Large Telescope (E-ELT) für Beobachtungen im Bereich des sichtbaren und Infrarotlichts, mit 42 Metern Spiegeldurchmesser ein Großteleskop der Extraklasse.

Die Übersetzungen von englischsprachigen ESO-Pressemitteilungen sind ein Service des ESO Science Outreach Network (ESON), eines internationalen Netzwerks für astronomische Öffentlichkeitsarbeit, in dem Wissenschaftler und Wissenschaftskommunikatoren aus allen ESO-Mitgliedsstaaten (und einigen weiteren Ländern) vertreten sind. Deutscher Knoten des Netzwerks ist das Haus der Astronomie am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg.

Kontaktinformationen

Carolin Liefke
ESO Science Outreach Network - Haus der Astronomie
Deutschland
Tel: 06221 528226
E-Mail: eson@mpia.de
Richard Hook
ESO, La Silla, Paranal, E-ELT and Survey Telescopes Press Officer
Garching bei München, Germany
Tel: +49 89 3200 6655
E-Mail: rhook@eso.org

Carolin Liefke | ESO Science Outreach Network
Weitere Informationen:
http://www.eso.org/public/germany/news/eso1104/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Kleinste Teilchen aus fernen Galaxien!
22.09.2017 | Bergische Universität Wuppertal

nachricht Tanzende Elektronen verlieren das Rennen
22.09.2017 | Universität Bielefeld

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zum Biomining ab Sonntag in Freiberg

22.09.2017 | Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

DFG bewilligt drei neue Forschergruppen und eine neue Klinische Forschergruppe

22.09.2017 | Förderungen Preise

Lebendiges Gewebe aus dem Drucker

22.09.2017 | Biowissenschaften Chemie