Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Methylchlorid im Weltall ist kein Hinweis auf Leben

04.10.2017

Ein internationales Team mit Forschenden der Universität Bern hat erstmals bei einem jungen Stern sowie im Kometen «Chury» Methylchlorid gefunden – ein organisches Molekül, das auf der Erde durch biologische und industrielle Prozesse erzeugt wird. Dieser Fund in einer lebensfeindlichen Umgebung bedeutet, dass sich das Molekül nicht wie bisher erhofft für die Suche nach ausserirdischem Leben eignet.

Methylchlorid (CH3Cl) ist die häufigste chlorhaltige Substanz in der Erdatmosphäre. Jährlich produzieren Bäume, aber auch Algen und andere Organismen sowie Industriebetriebe bis zu drei Megatonnen dieses sogenannten Organohalogens.


Mit ALMA, dem Atacama Large Millimeter/submillimeter Array, werden unter anderem interstellare Gaswolken untersucht

Carlos Padilla (AUI/NRAO)


Methylchlorid, das von ALMA im Sternentstehungsgebiet IRAS 16293-2422 entdeckt wurde. Dieselbe organische Verbindung fand die Rosetta-Raumsonde beim Kometen 67P/C

B. Saxton (NRAO/AUI/NSF)

Könnte man in der Atmosphäre von weit entfernten Planeten Methylchlorid nachweisen, wäre dies vielleicht ein Hinweis auf ausserirdisches Leben, so die bisherige Annahme. Doch nun hat eine internationale Forschungsgruppe das Molekül erstmals dort nachgewiesen, wo es sicher kein Leben gibt: in einer interstellaren Gaswolke bei einem neu entstehenden Stern.

Methylchlorid existiert bei Sternen und Kometen

Diese Beobachtung gelang mit dem Radioteleskop ALMA in der chilenischen Atacama-Wüste auf 5’000 Meter Höhe, wie Edith Fayolle vom Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics in Cambridge, USA, und ihre Kolleginnen und Kollegen in der Fachzeitschrift «Nature Astronomy» berichten. Z

um ALMA-Team, welches das Sternentstehungsgebiet analysiert, zählen auch Maria Drozdovskaya und Susanne Wampfler vom Center for Space and Habitability (CSH) der Universität Bern. «Die untersuchte Region mit ihrem sonnenähnlichen jungen Stern ist eines der erdnächsten und chemisch reichsten Gebiete. Deshalb ist es bei uns besonders beliebt», erklärt Maria Drozdovskaya: «Unser Sonnensystem könnte zu Beginn vor 4,6 Milliarden Jahren so ausgesehen haben.»

Doch was passiert mit dem Methylchlorid, das in der interstellaren Wolke nachgewiesen wurde? Übersteht das Organohalogen die weitere Entstehungsphase eines Sternsystems oder wird es wieder zerstört, bevor sich Planeten formen können? Um diese Fragen zu beantworten, kontaktierten die beiden Forscherinnen in Bern die ehemalige CSH-Direktorin und Kometenexpertin Kathrin Altwegg.

Die Berner Professorin leitete das Team, das mit seinem Massenspektrometer namens Rosina an Bord der Rosetta-Raumsonde den Kometen 67P/Churyumov-Gerasimenko («Chury») untersuchte. Das ALMA-Team bat Altwegg, in ihren Daten nach Methylchlorid zu suchen. Susanne Wampfler erklärt warum: «Kometen konservieren das Material aus der Anfangszeit unseres Sonnensystems. Wenn wir auf einem Kometen Methylchlorid finden, bedeutet das, dass es die Entstehungsphase eines Sternsystems überstehen kann.»

Zusammen mit ihrem Kollegen Martin Rubin machte sich Kathrin Altwegg an die Arbeit. «CH3Cl ist ein schwieriges Molekül, da es sich unter anderen versteckt», erklärt die Wissenschaftlerin: «Wir sehen es nur während Phasen, in denen Halogene, also auch Chlorwasserstoff (HCl) häufig sind. Diese Phasen waren selten, aber es gab einige.»

Tatsächlich gelang es den Berner Forschenden, in Daten vom Mai 2015 das gesuchte Molekül nachzuweisen. «Methylchlorid existiert also durchaus ohne Leben in Molekülwolken und überlebt auch das Anwachsen zu einem Kometen», fasst die Forscherin zusammen: «Bei der Suche nach ausserirdischem Leben auf fernen Exoplaneten eignet sich deshalb Methylchlorid kaum als Biomarker, wie bisher erhofft.»

Ideale Rahmenbedingungen für weitere Zusammenarbeit

Vermutlich wird Methylchlorid während der Stern- und Planetenentstehung als Eis auf der Oberfläche winziger, interstellarer Körner gebildet. Um weitere, offene Fragen zu klären, wollen die Wissenschaftlerinnen aus den verschiedenen Forschungsgebieten in Zukunft vermehrt zusammenarbeiten. «Solche Kollaborationen sind noch viel zu selten», sagt Kathrin Altwegg. «Das Center for Space and Habitability (CSH) hier in Bern bietet dazu die idealen Rahmenbedingungen», fügen Maria Drozdovskaya und Susanne Wampfler bei.

Angaben zur Publikation:
E. Fayolle et al.: Protostellar and Cometary Detections of Organohalogens, Nature Astronomy, October 2017, http://dx.doi.org/10.1038/s41550-017-0237-7

Kontaktpersonen:

Prof. Dr. Kathrin Altwegg
Weltraumforschung und Planetologie (WP), Universität Bern
Telefon +41 31 631 4420 / kathrin.altwegg@space.unibe.ch

Dr. Susanne Wampfler
Center for Space and Habitability (CSH), Universität Bern
Telefon +41 31 631 3317 / susanne.wampfler@csh.unibe.ch

Dr. Maria Drozdovskaya
Center for Space and Habitability (CSH), Universität Bern
Telefon +41 31 631 3443 / maria.drozdovskaya@csh.unibe.ch

Nathalie Matter | Universität Bern
Weitere Informationen:
http://www.unibe.ch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Der überraschend schnelle Fall des Felix Baumgartner
14.12.2017 | Technische Universität München

nachricht Eine blühende Sternentstehungsregion
14.12.2017 | ESO Science Outreach Network - Haus der Astronomie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Im Focus: First-of-its-kind chemical oscillator offers new level of molecular control

DNA molecules that follow specific instructions could offer more precise molecular control of synthetic chemical systems, a discovery that opens the door for engineers to create molecular machines with new and complex behaviors.

Researchers have created chemical amplifiers and a chemical oscillator using a systematic method that has the potential to embed sophisticated circuit...

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltrekord: Jülicher Forscher simulieren Quantencomputer mit 46 Qubits

15.12.2017 | Informationstechnologie

Wackelpudding mit Gedächtnis – Verlaufsvorhersage für handelsübliche Lacke

15.12.2017 | Verfahrenstechnologie

Forscher vereinfachen Installation und Programmierung von Robotersystemen

15.12.2017 | Energie und Elektrotechnik