Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

SALT: Ein gigantisches Auge der Menschheit nimmt seinen Dienst auf

27.10.2005


Blick in die Tiefen des Kosmos - Einweihung des "South African Large Telescope" (SALT) am 9. und 10. November 2005 in Südafrika. VolkswagenStiftung förderte den Bau des Großteleskops mit 1,15 Millionen Euro.



Über 90 Prozent der Materie und Energie im Weltall ist dunkel, leuchtet nicht, strahlt nicht und ist trotzdem da. Astronomen des Instituts für Astrophysik der Universität Göttingen erforschen mit ihrem Blick ins All auch das, was nicht zu sehen, und das, was längst vergangen ist. Denn das Licht der fernsten Sterne braucht Milliarden von Jahren, bevor es SALT erreicht, das "South African Large Telescope". Nach fünf Jahren Bauzeit kann das neue Großteleskop der 10-Meter-Klasse jetzt in Betrieb genommen werden. SALT ist das größte optische Einzelteleskop auf der Südhalbkugel der Erde und wird in seinen Dimensionen nur erreicht vom - weitgehend baugleichen - Hobby-Eberly-Teleskop (HET) in Texas. Damit bleiben jetzt 70 Prozent des Himmels sowohl auf der Südhalbkugel (SALT) als auch auf der Nordhalbkugel (HET) im Laufe einer Nacht astronomischen Beobachtungen zugänglich.

... mehr zu:
»Astrophysik »Galaxie »Großteleskop »HET »SALT


Die feierliche Einweihung durch den südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki am 9. und 10. November 2005 erfolgt im Beisein des Generalsekretärs der VolkswagenStiftung Dr. Wilhelm Krull und von Professor Dr. Horst Kern als Vertreter des Präsidiums der Universität Göttingen. Die VolkswagenStiftung hat den Bau des "gigantischen Auges" mit rund 1,15 Millionen Euro aus dem Niedersächsischen Vorab unterstützt; weiterer Förderer auf deutscher Seite ist das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Die Universität Göttingen ist als einzige deutsche Forschungseinrichtung direkt an SALT beteiligt und einer der Hauptnutzer. Neben den Niedersachsen partizipieren noch Hochschulen aus Polen, Neuseeland und Großbritannien sowie mehrere Spitzenuniversitäten der USA.

Weitere Hintergrundinformationen zu SALT, Details zu Technik und Forschung:

Die Großteleskope der 10-Meter-Klasse SALT (und HET) sind von besonderer Bedeutung für die extragalaktische Astrophysik, Hauptarbeitsgebiet der Abteilung II des Instituts für Astrophysik der Universität Göttingen. Die Wissenschaftler dort unter der derzeitigen Leitung von Professor Dr. Wolfram Kollatschny erforschen die Galaxien und deren kosmologische Entwicklung. Eine faszinierende Aussicht für die Wissenschaft, befand Stiftungsgeneralsekretär Dr. Wilhelm Krull bei der Inbetriebnahme von SALT im November 2005. "Wir stehen vor einer Fülle von aufregenden neuen Beobachtungen und vor Erkenntnissen, die uns vielleicht sogar den Atem anhalten lassen werden."

Das "Southern African Large Telescope" steht in der Nähe des kleinen Ortes Sutherland in der Karoo-Wüste. Dort, 400 Kilometer nordöstlich von Kapstadt, waren die Sterne schon immer wichtig. Der leuchtende Himmel half dem hier seit vermutlich mehr als 25 000 Jahren lebenden Volk der Buschleute bei ihrer Orientierung in der weglosen Wüste; die "/Xam" nutzten die Sternbilder, um die Saison zu bestimmen für die Nutzung von Pflanzen und das jeweils jagdbare Wild. Noch heute ist die Karoo-Wüste äußerst schwach besiedelt, außerdem sehr trocken. Dementsprechend dunkel und klar sind die Nächte. Ideale Bedingungen für den Blick ins All. "Der Anblick des Südhimmels von dort mit dem Kreuz des Südens, mit dem riesigen Zentralbereich der Milchstrasse, unserer Heimatgalaxie, und ihren beiden nahe gelegenen Begleitgalaxien, den Magellanschen Wolken, ist schon mit dem bloßen Auge überwältigend", schwärmt Astrophysiker Kollatschny, der Mitglied im Board of Directors bei SALT ist. Das Großteleskop soll künftig Einzelobjekte und Sternsysteme sichtbar machen, die bis zu einer Milliarde Mal schwächer sind. "Es könnte eine Kerzenflamme auf dem Mond entdecken", sagt der Wissenschaftler.

Teleskope wie SALT sind aber auch Zeitmaschinen. Licht hat eine feste, endliche Ausbreitungsgeschwindigkeit, und je weiter solche Teleskope in den Raum hinausschauen, desto tiefer blicken sie folglich in die Vergangenheit - und leiten so das Licht von inzwischen vielleicht längst vergangenen Objekten in die Apparate unserer Gegenwart.

Forschung:

Die Entfernung der Sternsysteme erahnen wir oft schon aus ihrer Farbe. Unzweifelhaft bestimmen lässt sie sich aber über die Rotverschiebung der Linien in dem spektral - zu kleinen "Regenbögen" - zerlegten Licht. Denn die Lichtwellen werden mit der Expansion des Universums, das sich gemäß derzeit vorherrschender Urknalltheorie seit etwa 15 Milliarden Jahren in alle Richtungen ausdehnt, ebenfalls gedehnt. Je weiter nun ein Objekt entfernt ist beziehungsweise je früher es sein Licht ausgesandt hat, umso mehr werden Farben und Spektren in Richtung der roten Wellenlängen verschoben. Das Licht von Objekten mit den bisher größten beobachteten Rotverschiebungen ist schon beinahe das ganze Weltalter unterwegs: Es wurde ausgesandt, als das Universum erst ein Alter von fünf Prozent des heutigen hatte - nur einige 100 Millionen Jahre nach dem Urknall. Das heißt, mit SALT blicken wir in das frühe Universum, als sich die sichtbaren Strukturen unter dem Einfluss der oben erwähnten Dunklen Materie und Energie aus der "Ursuppe" der Materie bildeten und nach einer anfangs dunklen Epoche alsbald den Kosmos zum Leuchten brachten.

Vor allem hoffen die Göttinger, der Entstehungsgeschichte von Galaxien auf die Spur zu kommen. Zudem soll aus den Bewegungen der Galaxien, ihrer Sterne und ihren wechselseitigen Gravitationswirkungen etwas über Menge, Verteilung und Natur der Dunklen Materie in Erfahrung gebracht werden. In diesem Themenkomplex bewegt sich die im Institut für Astrophysik von Dr. Bodo Ziegler geleitete Nachwuchsgruppe der VolkswagenStiftung zur "Kinematischen Entwicklung von Galaxien". Die Forschungen des jungen Teams an Galaxien mittlerer und höherer Rotverschiebung könnten von den durch SALT gemachten Beobachtungen besonders profitieren. Eine weitere Chance bietet SALT im Bereich der beobachtenden Kosmologie durch die Möglichkeit, Galaxienhaufen und "Gravitationslinsen" eingehender zu untersuchen. So sind die Zwillingsteleskope SALT und HET ideal geeignet für den "Survey" - also dafür, solche über den Himmel verteilte Objekte gründlich zu spektroskopieren, die zuvor mit Weltraumteleskopen in anderen Spektralbereichen oder mit kleineren Suchteleskopen von der Erde aus entdeckt wurden.

Technik:

Wie leisten diese Teleskope all das? SALT und HET besitzen Spiegel von elf Metern Durchmesser. Diese sind jedoch nicht aus einem Stück geformt, sondern bestehen aus 91 identischen, sphärisch geschliffenen Sechsecken von je einem Meter Durchmesser - alles in allem ein sphärischer Mosaikspiegel. Der Hauptspiegel ist zu einer vertikalen Drehachse geneigt installiert: im Falle von SALT um 37 Grad. So lassen sich zum Beispiel die Magellanschen Sternwolken gut beobachten. Bis zu zwei Stunden Belichtungszeit pro Objekt sind möglich. Da ist es verständlich, dass das Forschungsinteresse der Astronomen nahezu unbegrenzt ist: Raum-zeitliche Orientierung im Universum, neue Erkenntnisse über unsere Umwelt im weitesten Sinne - auch hier finden sich Fragen, bei deren Beantwortung SALT und HET hilfreich sein könnten. "Jetzt können die beteiligten Wissenschaftler hoffen, aus den von ihnen gesammelten Daten Antworten auf ungelöste Rätsel wie die Entstehung einer Galaxie und damit die Geschichte unserer kosmischen Heimat zu erhalten", meint Kollatschny.

Ausblick:

Für die südafrikanische Republik liegt die Bedeutung von SALT nicht nur in den Sternen. Es ist ein Ereignis von nationaler Bedeutung für den Weg des Landes in eine neue Moderne. "Auch deshalb haben wir uns an dem Vorhaben beteiligt", betont Dr. Wilhelm Krull und lenkt den Blick zurück aus den Tiefen des Alls. "Wir wollen mit dem SALT-Projekt die Aufmerksamkeit und das Interesse junger Menschen an Wissenschaft und Technologie wecken und auf unserem Gebiet zu deren Ausbildung beitragen." Denn letztlich geht es um nicht weniger als mit dieser Forschung den Menschen einzuordnen in Zusammenhänge, aus denen er hervorgegangen ist und die ihn überdauern werden.

Kontakte

VolkswagenStiftung
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Dr. Christian Jung
Telefon: 0511 8381 380
E-Mail: jung@volkswagenstiftung.de

Projekt
Prof. Dr. Wolfram Kollatschny
Institut für Astrophysik
Friedrich-Hund-Platz 1
37077 Göttingen
Telefon: 0551 395065
E-Mail: wkollat@astro.physik.uni-goettingen.de

Dr. Christian Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.volkswagenstiftung.de/presse-news/presse05/27102005.pdf
http://www.salt.ac.za/inauguration/schedule.html
http://www.saao.ac.za/~sbp/firstlight.html

Weitere Berichte zu: Astrophysik Galaxie Großteleskop HET SALT

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Waschen für die Mikrowelt – Potsdamer Physiker entwickeln lichtempfindliche Seife
02.12.2016 | Universität Potsdam

nachricht Quantenreibung: Jenseits der Näherung des lokalen Gleichgewichts
01.12.2016 | Forschungsverbund Berlin e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie