Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Beobachtung des Nicht-Beobachtbaren

17.12.2013
Physiker stellen Verfahren zur Rekonstruktion der Wellenfunktionen komplexer Moleküle vor

Seit Jahrzehnten suchen Physiker und Chemiker einen Weg, die Wellenfunktion von Elektronen in Atomen, Molekülen und Festkörpern zu messen. Die Welleneigenschaften der Elektronen bestimmen das Verhalten aller Materie, ließen sich bisher aber nur in der Theorie vollständig erfassen.


Ultraviolette Photonen schießen Elektronen aus einer Molekülschicht (grün) heraus, die auf einer Silberoberfläche adsorbiert ist. Die Messung der Energie- und Winkelverteilung der emittierten Elektronen liefert nach Anwendung eines iterativen mathematischen Verfahrens, die Elektronenorbitale des Moleküls (rot / blau).

Quelle: Daniel Lüftner, KFU Graz

Wissenschaftlern aus Graz und Jülich ist es nun erstmals gelungen, diese nicht direkt zugängliche Größe für komplexe Moleküle im Experiment vollständig zu ermitteln. Die Ergebnisse werden in der aktuellen Ausgabe der renommierten Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlicht.

In der Physik werden Elektronen nicht nur als Teilchen, sondern auch als Wellen beschrieben. In der Quantentheorie wird die Wellennatur mathematisch durch die räumliche Wellenfunktion, in Atomen und Molekülen auch Orbitale genannt, erfasst.

"Orbitale beinhalten Informationen über die räumliche Verteilung der Elektronen bei einer bestimmten Energie. Sind sie bekannt, lassen sich alle relevanten Informationen des Systems ableiten", erklärt Ass.-Prof. Peter Puschnig vom Institut für Physik der Karl-Franzens-Universität Graz.

Die Wellenfunktion selbst lässt sich jedoch nicht direkt beobachten. Im Experiment geht eine wichtige Information verloren, die Phase. Doch mit einem mathematischen Trick konnten die Wissenschaftler diese verborgene Größe wiederherstellen und so die Orbitale einer Reihe von organischen Molekülen rekonstruieren.

"Bisher ging man davon aus, dass die Messergebnisse der Photoelektronenspektroskopie, auf denen unser Verfahren beruht, für Moleküle auf Oberflächen durch Beugungsmuster und andere störende Effekte zu stark verzerrt werden. Diese Arbeit zeigt aber, dass die vollständige Rekonstruktion der Wellenfunktion überraschenderweise ganz einfach ist", erläutert Prof. Stefan Tautz vom Peter Grünberg Institut des Forschungszentrums Jülich. Seit einigen Jahren kooperiert er mit Puschnig und führt mit dessen Grazer Kollegen in der Arbeitsgruppe von Prof. Michael Ramsey Experimente am Helmholtz Zentrum Berlin durch.

Für ihre Untersuchungen schossen die Wissenschaftler mithilfe von ultraviolettem Licht Elektronen förmlich aus den Molekülen heraus. Die anschließende Vermessung der Energie- und Winkelverteilung der Elektronen gab Aufschluss über deren räumliche Verteilung im Molekül. Um die fehlende Phaseninformation zu rekonstruieren, nutzten die Physiker eine mathematische Eigenschaft der sogenannten Fourier-Transformation: Wenn die räumliche Ausdehnung der Wellenfunktion bekannt ist, dann lässt sich durch eine Serie von abwechselnden Fourier-Transformationen und -Rücktransformation die Phase schrittweise rekonstruieren. Auf diese Weise konnte das österreichisch-deutsche Team die räumliche Verteilung der Elektronen in fünf Molekülorbitalen entschlüsseln.

Originalpublikation:

Imaging the wave functions of adsorbed molecules. Daniel Lüftner, Thomas Ules, Eva Maria Reinisch, Georg Koller, Serguei Soubatch, F. Stefan Tautz, Michael G. Ramsey, Peter Puschnig. Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS, 2013, published online www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1315716110)

Weitere Informationen:

Pressemitteilung der Universität Graz:
http://on.uni-graz.at/de/forschen/article/vermessung-von-molekuelen/

Peter Grünberg Institut, Bereich Funktionale Nanostrukturen an Oberflächen (PGI-3):

http://www.fz-juelich.de/pgi/pgi-3/EN/Home/home_node.html

Ansprechpartner:

Prof. Dr. Stefan Tautz
Peter Grünberg Institut, Funktionale Nanostrukturen an Oberflächen (PGI-3)
Forschungszentrum Jülich
Tel. +49 2461 61-4561
E-Mail: s.tautz@fz-juelich.de
Ass.-Prof. Dr. Peter Puschnig
Institut für Physik
Karl-Franzens-Universität Graz
Tel. +43 316 380 5230
E-Mail: peter.puschnig@uni-graz.at
Pressekontakt:
Tobias Schlößer
Unternehmenskommunikation, Forschungszentrum Jülich
Tel. +49 2461 61-4771
t.schloesser@fz-juelich.de

Tobias Schlößer | Forschungszentrum Jülich GmbH
Weitere Informationen:
http://www.fz-juelich.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Flashmob der Moleküle
19.01.2017 | Technische Universität Wien

nachricht Verkehrsstau im Nichts
19.01.2017 | Universität Konstanz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Im Focus: How gut bacteria can make us ill

HZI researchers decipher infection mechanisms of Yersinia and immune responses of the host

Yersiniae cause severe intestinal infections. Studies using Yersinia pseudotuberculosis as a model organism aim to elucidate the infection mechanisms of these...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Flashmob der Moleküle

19.01.2017 | Physik Astronomie

Tollwutviren zeigen Verschaltungen im gläsernen Gehirn

19.01.2017 | Medizin Gesundheit

Fraunhofer-Institute entwickeln zerstörungsfreie Qualitätsprüfung für Hybridgussbauteile

19.01.2017 | Verfahrenstechnologie