Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Attosekunden-Tanz zweier Elektronen auf schwankender schiefer Ebene

05.03.2012
Neue Untersuchungen am Heidelberger Max-Planck-Institut für Kernphysik vermessen die Beteiligung doppelt angeregter Übergangszustände bei der Doppelionisation von Atomen in starken Laserfeldern. Beim Zerfall diese Zustände werden die Elektronen mit einem zeitlichen Abstand von etwa 200 Attosekunden freigesetzt. (Physical Review Letters, 17. Februar 2012).

Die Doppelionisation, also die Freisetzung zweier Elektronen, eines Atoms innerhalb eines ultrakurzen intensiven Laserimpulses entwickelte sich in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem intensiv bearbeiteten Gebiet der Atomphysik und Quantenoptik.


Abb. 1. Doppelionisation von Argon-Atomen im starken Laserfeld. (a) Tunnelionisation des ersten Elektrons. (b) Rekollision und Bildung eines gebundenen doppelt angeregten Übergangszustands. (c) Zerfall des Übergangszustands durch Feldionisation. Grafik: MPIK


Abb. 2. Oben links: Bewegung der zu unterschiedlichen Zeiten freigesetzten Elektronen. Oben rechts: Gemessene Häufigkeitsverteilung der Elektronen-Geschwindigkeit. Unten: Theoretische Modellrechnung der Geschwindigkeitsverteilung für verschiedene Zeitdifferenzen. Grafik: MPIK

Von besonderem Interesse war und ist dabei die Tatsache, dass – abgesehen vom Bereich sehr hoher Laserintensitäten – die Elektronen nicht schrittweise und unabhängig voneinander durch Feldionisation freigesetzt werden, sondern in einem korrelierten Prozess. Hierbei wird zunächst ein Elektron vom starken elektrischen Wechselfeld des Lasers aus dem Atom herausgerissen und dann hin- und hergetrieben, so dass es schließlich in einer Rekollision mit seinem Mutterion ein weiteres Elektron herausschlagen kann.

Dieser Mechanismus wurde in einer Vielzahl von Arbeiten experimentell und theoretisch untersucht und ist inzwischen recht gut verstanden. Was aber geschieht, wenn bei kleineren Intensitäten die Energie des ersten Elektrons bei der Rekollision für den weiteren Ionisationsschritt nicht mehr ausreicht? Diese wie auch die Frage nach dem zeitlichen Ablauf solcher Prozesse haben nun Physiker um Robert Moshammer am Heidelberger Max-Planck-Institut für Kernphysik (MPIK) in Zusammenarbeit mit Kollegen vom MPI für Quantenoptik untersucht.

Untersucht wurde die Doppelionisation von Argon in ultrakurzen Infrarot-Laserimpulsen von wenigen Femtosekunden (10^–15 s) Dauer. Selbst wenn man nur die zwei aktiven Elektronen und den Ionenrumpf betrachtet, hat man hier ein Dreikörperproblem vor sich, das in der Theorie nur numerisch gelöst werden kann. Hinzu tritt die Wechselwirkung mit dem starken Laserfeld. Abb. 1 illustriert den Mechanismus im untersuchten Intensitätsbereich von knapp 10^14 W/cm^2. Dargestellt sind schematisch zwei Elektronen im trichterförmigen Coulomb-Potentialtopf, dem sich das oszillierende Laserfeld wie eine hin und her schwankende schiefe Ebene überlagert. Der zeitliche Verlauf des Feldes ist jeweils durch die gelbe Kurve oben links angegeben.

Im ersten Schritt (a) tunnelt eines der Elektronen durch die Potentialbarriere heraus und wird anschließend vom Laserfeld beschleunigt und unter Energiegewinn zum Mutterion zurückgetrieben. Bei der betrachteten Laserintensität reicht die Energieallerdings nicht aus, um das zweite Elektron aus dem Potentialtopf herauszuheben. Es kann aber auf ein höheres Energieniveau angehoben werden, wobei das erste Elektron wieder in das Atom eingefangen wird und ebenfalls ein oberes Energieniveau besetzt (b). Da zwei Elektronen beteiligt sind, spricht man auch von dielektronischer Rekombination. Solche doppelt angeregten Zustände sind zwar nur schwach gebunden, aber es ist dennoch nicht ganz einfach, daraus beide Elektronen zugleich freizusetzen, da sie sich gegenseitig durch ihre elektrische Abstoßung behindern. Oft fällt eines der Elektronen wieder in einen tieferen Zustand zurück, so dass nur eine einfache Ionisation erfolgt. Im betrachteten Fall hilft aber das Laserfeld, da die Elektronen sich frei über die Barriere bewegen können und nicht durch diese hindurch tunneln müssen.

„Wir haben uns gefragt, wie so ein doppelt angeregter Zustand als Dreikörpersystem im Laserfeld zerfällt und mit welchem zeitlichen Abstand die beiden Elektronen freigesetzt werden“, so Robert Moshammer. „Die Zeiten, um die es dabei geht, liegen im Bereich von Attosekunden (10^–18 s) und die Herausforderung liegt darin, so extrem kurze Vorgänge zu vermessen“. Hierbei hilft den Forschern die Physik selbst, denn die Geschwindigkeit, die das Elektron durch Beschleunigung im Laserfeld erhält, hängt von der Feldstärke zum Zeitpunkt der Freisetzung ab (Abb 2). Die Geschwindigkeit der Elektronen wiederum lässt sich im Experiment mit einem so genannten Reaktionsmikroskop sehr genau bestimmen. Voraussetzung ist aber, dass der Laserimpuls so kurz ist, dass der ganze Vorgang innerhalb nur einer Schwingungsperiode des Laserfeldes abgeschlossen ist, was bei Impulsen von 5 fs Dauer auch erreicht wurde. Die Häufigkeit der gemessenen Geschwindigkeiten der beiden Elektronen lässt sich in einem Diagramm darstellen, worin der Abstand von der Diagonalen der Geschwindigkeitsdifferenz entspricht. Diese wiederum lässt sich in eine Zeitdifferenz übersetzen: Je größer der Abstand der Ereignisse von der Diagonalen umso größer ist die Zeit zwischen der Freisetzung der beiden Elektronen aus dem doppelt angeregten Zustand.

Zum Vergleich mit den experimentellen Daten wurden Modellrechnungen durchgeführt und die Elektronen darin wie klassische Teilchen behandelt. Diese für ein Quantensystem recht grob erscheinende Näherung ist für höher angeregte Zustände gerechtfertigt und liefert brauchbare Ergebnisse. Die beste Übereinstimmung mit dem Experiment ergab sich für die Fälle, wo der zeitliche Abstand etwa 200 Attosekunden betrug. Zudem bestätigt dies die Existenz doppelt angeregter Übergangszustände, durch welche die Doppelionisation erfolgt.

Kontakt:
Dr. Robert Moshammer
Max-Planck-Institut für Kernphysik, Heidelberg
Tel.: (+49)6221-516-281
E-Mail: robert.moshammer (at) mpi-hd.mpg.de

Originalveröffentlichung:
N. Camus, B. Fischer, M. Kremer, V. Sharma, A. Rudenko, B. Bergues, M. Kübel, N. G. Johnson, M. F. Kling, T. Pfeifer, J. Ullrich and R. Moshammer
Attosecond Correlated Dynamics of Two Electrons Passing through a Transition State
Physical Review Letters 108, 073003 (2012)
http://link.aps.org/doi/10.1103/PhysRevLett.108.073003
doi: 10.1103/PhysRevLett.108.073003

Dr. Bernold Feuerstein | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpi-hd.mpg.de/ullrich/page.php?tag=laser

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Planeten außerhalb unseres Sonnensystems: Bayreuther Forscher dringen tief ins Weltall vor
23.02.2017 | Universität Bayreuth

nachricht Kühler Zwerg und die sieben Planeten
23.02.2017 | ESO Science Outreach Network - Haus der Astronomie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

Österreich erzeugt erstmals Erdgas aus Sonnen- und Windenergie

24.02.2017 | Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer HHI auf dem Mobile World Congress mit VR- und 5G-Technologien

24.02.2017 | Messenachrichten

MWC 2017: 5G-Hauptstadt Berlin

24.02.2017 | Messenachrichten

Auf der molekularen Streckbank

24.02.2017 | Biowissenschaften Chemie