Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Zerebrale Kinderlähmung erfolgreich mit körpereigenem Nabelschnurblut behandelt

21.05.2013
Erwacht aus dem Wachkoma
RUB-Mediziner: „Lang gehegte Zweifel an der Wirksamkeit der Therapie ausgeräumt“

Bochumer Medizinern ist es gelungen, eine zerebrale Kinderlähmung mit körpereigenem Nabelschnurblut zu behandeln. Nach einem Herzstillstand mit schwerem Hirnschaden hatte ein 2,5 Jahre alter Junge im Wachkoma gelegen – mit minimalen Überlebenschancen.

Bereits zwei Monate nach der Therapie mit dem Stammzellen enthaltenden Blut besserten sich die Symptome deutlich; über die folgenden Monate lernte das Kind, einfache Sätze zu sprechen und sich zu bewegen. „Unsere Ergebnisse, zusammen mit ähnlichen Erfolgen aus einer koreanischen Studie, räumen die lange gehegten Zweifel an der Wirksamkeit der neuen Therapie aus“, sagt Prof. Dr. Arne Jensen von der Campus Klinik Gynäkologie der Ruhr-Universität Bochum. Gemeinsam mit seinem Kollegen Prof. Dr. Eckard Hamelmann von der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Katholischen Klinikums Bochum berichtet er in der Zeitschrift „Case Reports in Transplantation“.

Eltern suchten in der Literatur nach Behandlungsmöglichkeiten

Ende November 2008 erlitt das Kind einen Herzstillstand mit schwerem Hirnschaden und lag anschließend mit gelähmtem Körper im Wachkoma. Eine Behandlung für die Ursache dieser sogenannten zerebralen Kinderlähmung gab es bislang nicht. „In ihrer verzweifelten Situation haben die Eltern in der Literatur nach alternativen Therapien gesucht“, erzählt Prof. Jensen. „Sie kontaktierten uns und fragten nach Möglichkeiten, das bei der Geburt eingefrorene Nabelschnurblut ihres Sohnes zu nutzen.“

„Bedrohliche, wenn nicht hoffnungslose Prognose“

Neun Wochen nach dem Hirnschaden, am 27. Januar 2009, verabreichten die Ärzte das aufbereitete Blut intravenös. Den Fortschritt der Genesung untersuchten sie 2, 5, 12, 24, 30 und 40 Monate danach. Üblicherweise liegen die Überlebenschancen nach einem so schweren Hirnschaden und einer mehr als 25 Minuten dauernden Wiederbelebung bei sechs Prozent. Diejenigen Kinder, die überleben, zeigen Monate nach dem Herzstillstand mit schwerem Hirnschaden in der Regel nur minimale Anzeichen, bei Bewusstsein zu sein. „Die Prognose des kleinen Patienten war bedrohlich, wenn nicht hoffnungslos“, so die Bochumer Mediziner.

Schnelle Erholung nach Nabelschnurblut-Therapie

Nach der Nabelschnurblut-Therapie erholte sich der Patient jedoch relativ schnell. Innerhalb von zwei Monaten ging die spastische Lähmung deutlich zurück; er konnte wieder sehen, sitzen, lächeln und einfache Wörter sprechen. Vierzig Monate nach der Behandlung konnte das Kind wieder selbstständig essen, mit Hilfe laufen und Vier-Wort-Sätze bilden. „Wir können natürlich auf Basis dieser Ergebnisse nicht eindeutig sagen, was die Ursache der Genesung ist“, sagt Arne Jensen. „Es ist allerdings sehr schwer, die Effekte mit der rein symptomatische Behandlung in der Rehabilitation zu erklären.“

In Tierversuchen wandern Stammzellen zum geschädigten Hirngewebe

In Tierversuchen erforschen Wissenschaftler das therapeutische Potenzial von Nabelschnurblut schon länger. In einer vorangegangen Studie mit Ratten zeigten die RUB-Forscher, dass Nabelschnurblutzellen innerhalb von 24 Stunden nach Verabreichung in großen Zahlen zu der geschädigten Stelle im Gehirn wandern. Im März 2013 berichteten koreanische Mediziner in einer kontrollierten Studie an 100 Kindern erstmals, dass sie die zerebrale Kinderlähmung erfolgreich mit körperfremdem Nabelschnurblut therapiert hatten.
Titelaufnahme

A. Jensen and E. Hamelmann (2013): First autologous cell therapy of cerebral palsy caused by hypoxic-ischemic brain damage in a child after cardiac arrest—individual treatment with cord blood, Case Reports in Transplantation, DOI: 10.1155/2013/951827

Weitere Informationen

Prof. Dr. med. Arne Jensen, Campus Klinik Gynäkologie der Ruhr-Universität Bochum, Universitätsstr. 140, 44799 Bochum, Tel. 0234/588196-0, E-Mail: Arne.Jensen@ruhr-uni-bochum.de

Prof. Dr. med. Eckard Hamelmann, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, St. Josef-Hospital, Alexandrinenstr. 5, 44791 Bochum, E-Mail: info@kinderklinik-bochum.de

Angeklickt

Link zum frei verfügbaren Originalartikel:
http://www.hindawi.com/crim/transplantation/2013/951827/

Video-Dokumentation des Fallberichts:
http://www.hindawi.com/crim/transplantation/2013/951827/sup/

Campus Klinik Gynäkologie Bochum:
http://www.campus-klinik-bochum.de/

Redaktion: Dr. Julia Weiler

Dr. Josef König | idw
Weitere Informationen:
http://www.ruhr-uni-bochum.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Proteomik hilft den Einfluss genetischer Variationen zu verstehen
27.03.2017 | Technische Universität München

nachricht Verschwindende Äderchen: Diabetes schädigt kleine Blutgefäße am Herz und erhöht das Infarkt-Risiko
23.03.2017 | Technische Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

Zweites Symposium 4SMARTS zeigt Potenziale aktiver, intelligenter und adaptiver Systeme

27.03.2017 | Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fließender Übergang zwischen Design und Simulation

27.03.2017 | HANNOVER MESSE

Industrial Data Space macht neue Geschäftsmodelle möglich

27.03.2017 | HANNOVER MESSE

Neue Sicherheitstechnik ermöglicht Teamarbeit

27.03.2017 | HANNOVER MESSE