Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Der Wächter des Immunsystems gegen Krebs

06.04.2010
Forscher des HZI entdecken, wie Immunbotenstoff das Tumorwachstum hemmt

Unser Körper hat verschiedene Mechanismen entwickelt, durch die er sich gegen neu entstandene Krebszellen schützt.

Zum Beispiel erkennen und vernichten Killerzellen jeden Tag veränderte Zellen in unseren Organen. Sind Tumore erst entstanden, stören Botenstoffe des Immunsystems diese beim Wachsen. Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig konnten jetzt eine völlig unerwartete Funktion eines immunologischen Botenstoffes bei der Tumorbekämpfung zeigen: Das Molekül Beta-Interferon hindert den Tumor daran, sich an das Blutsystem anzuschließen.

Dazu hemmt es die Produktion von Wachstumsfaktoren, die die Bildung neuer Adern unterstützen. Die Folge: Der Tumor kann nicht wachsen. Ihre Ergebnisse hat die Arbeitsgruppe jetzt in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Journal of Clinical Investigation " veröffentlicht.

Der Anschluss an das Blutsystem ist ein entscheidender Schritt bei der Krebsentstehung. Der Tumor entwickelt innerhalb des Gewebes, in dem er wächst, ein Eigenleben: Er lockt mit Signalstoffen weiße Blutkörperchen aus dem Knochenmark in das Tumorgewebe, deren Aufgabe normalerweise die Infektionsabwehr und Wundheilung ist. Die Zellen regen im Tumor neue Blutgefäße zum Wachsen an. Ist der Tumor an den Blutkreislauf angeschlossen, holt er sich die Nährstoffe, die er zum Wachsen benötigt und kann zudem seine Zellen in das gesamte Blutsystem streuen und Metastasen bilden. Wissenschaftler des HZI entschlüsselten jetzt, wie ein Botenstoff den Anschluss an das Blutsystem verhindert.

Botenstoffe sind die Feinregulatoren von Immunzellen: Sie aktivieren oder deaktivieren Zellen, lösen die Produktion von Wachstumsfaktoren oder weiterer Botenstoffe aus, starten oder beenden eine Immunreaktion. Eines dieser Signalmoleküle wird bereits in der Therapie einiger Krebsformen genutzt: Beta-Interferon. Wie es wirkt, wissen die Wissenschaftler bisher nicht. Die Forscherin Jadwiga Jablonska vom HZI ist jetzt eine neue Wirkweise von Beta-Interferon gegen Krebs gefunden. Die Ergebnisse überraschten sie: „Beta-Interferon blockiert den Anschluss des Tumors an das Blutgefäßsystem, indem es Immunzellen daran hindert, Wachstumsfaktoren zu bilden. Diese Wirkung auf Tumore haben wir absolut nicht erwartet“, sagt Jadwiga Jablonska.

Die Forscherin ließ Hauttumore in zwei Gruppen von Mäusen wachsen: Die einen Tiere konnten kein Beta-Interferon bilden, die anderen produzieren den Botenstoff normal in ihrem Körper. Nach einigen Tagen untersuchte die Wissenschaftlerin das Wachstum der Tumore. „In Mäusen, die kein Beta-Interferon bilden konnten, waren die Tumore wesentlich größer als in Tieren, die das Signalmolekül in ihrem Körper hatten.“ Die Tumoren wuchsen nicht nur langsamer, sie bildeten auch weniger und kleinere Metastasen.

Den Grund für das schlechtere Wachstum fand die Wissenschaftlerin in der fehlenden Durchblutung der Tumore. „In Gegenwart von Beta-Interferon bildeten sich viel weniger Adern im Tumor“, sagt Jadwiga Jablonska. Das Beta-Interferon wirkt auf einem kleinen Umweg: Es blockiert die Produktion von Adern bildenden Wachstumsfaktoren in Zellen, die der Tumor anlockt, um den Blutanschluss zu fördern. Die Forscherin entdeckte, dass die Zellen nicht nur weniger Wachstumsfaktoren bildeten, sondern auch dass weniger dieser Zellen ihren Weg in den Tumor fanden. „Bereits eine verschwindend geringe Menge des Botenstoffes reicht aus, um Zellen fernzuhalten, Wachstumsfaktoren zu hemmen und damit das Tumorwachstum zu stoppen“, sagt Jadwiga Jablonska.

„Dieser Wirkmechanismus von Beta-Interferon war bisher völlig unbekannt“, sagt Siegfried Weiß, Leiter der Arbeitsgruppe „Molekulare Immunologie“ am HZI. Der Botenstoff spiele eigentlich eine wichtige Rolle bei Virus-Erkrankungen und Entzündungsreaktionen. „Wir wollen jetzt verstehen, wie das Netzwerk von Tumor, Immunzellen und Botenstoffe funktioniert, um neue Zielstrukturen für die Therapie von Krebs zu entdecken“, sagt Weiß.

Originalartikel: Jablonska J, Leschner S, Westphal K, Lienenklaus S, Weiss S. Neutrophils responsive to endogenous IFN-beta regulate tumor angiogenesis and growth in a mouse tumor model. J Clin Invest. 2010 Apr 1. DOI: 10.1172/JCI37223

Hören Sie zu dem Thema auch unseren Podcast „Der Wächter gegen Krebs: Botenstoffe des Immunsystems hemmen das Krebswachstum“ unter http://www.helmholtz-hzi.de/de/presse_und_oeffentlichkeit/medienangebot/audio/

Diese Pressemitteilung finden Sie mit aktuellem Bildmaterial auch im Presseportal im Internet unter http://www.helmholtz-hzi.de/de/presse_und_oeffentlichkeit/medienangebot/audio/audio_detail/audio/-801514eba3/der_waechter_gegen_krebs_botenstoffe_des_immunsystems_hemmen_das

_krebswachstum-1/

Ihr Ansprechpartner:

Dipl. Biol. Susanne Thiele
Presse-und Öffentlichkeitsarbeit
Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung GmbH
Inhoffenstraße 7
38124 Braunschweig
Tel +49 (0)531.61 81 14 00
Fax +49 (0)531.61 81 14 99
mobil 0151 52 72 60 60
E-Mail susanne.thiele@helmholtz-hzi.de

Susanne Thiele | Helmholtz-Zentrum
Weitere Informationen:
http://www.helmholtz-hzi.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz gegen Gastritis
10.08.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Wenn Schimmelpilze das Auge zerstören
10.08.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie