Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Viel hilft nicht immer viel – Zu häufige Stimulation hemmt Wirksamkeit von Immuntherapie

29.06.2011
Die Stimulation von Rezeptoren des angeborenen Immunsystems mithilfe synthetischer kleiner Moleküle ist ein interessanter Ansatz, der zur lokalen Therapie bestimmter Tumoren bereits erfolgreich eingesetzt wird.

Für die systemischen Therapie weiterer Krebsarten allerdings ließ sich das Immunsystem bisher nicht ausreichend aktivieren. Wissenschaftler um Professor Dr. Carole Bourquin von der Abteilung für Klinische Pharmakologie des Klinikums der Universität München konnten nun nachweisen, dass das Timing der Wirkstoffgabe eine maßgebliche Rolle spielt:

Wird zu häufig stimuliert, kommt es zur sogenannten Rezeptortoleranz, bei der die Rezeptoren geraume Zeit nicht mehr auf weitere Behandlungen ansprechen. Für eine wirksame Therapie sind somit die richtigen Intervalle entscheidend: „Mithilfe unserer Daten konnten wir nun eine effektivere Strategie entwickeln, die bei Mäusen Tumoren erfolgreich bekämpfte“, sagt Bourquin. Diese Ergebnisse können dazu beitragen, die systemische Therapie humaner Tumoren effektiver zu machen – und lassen sich vermutlich auch auf andere Therapien übertragen, die auf der Stimulation des angeborenen Immunsystems basieren.

Das angeborene Immunsystem erkennt körperfremde Stoffe und mobilisiert die Immunabwehr, um eingedrungene Erreger auszuschalten und zu zerstören. Aber es kann auch fehlerhafte körpereigene Zellen erkennen und zerstören – so setzt sich der Körper gegen Tumoren zur Wehr. Diese natürlichen Abwehrmechanismen werden genutzt, wenn bei einer Immuntherapie Rezeptoren des angeborenen Immunsystems mit kleinen synthetischen Molekülen stimuliert werden.

Einer dieser Rezeptoren ist der sogenannte Toll-like Rezeptor 7 (TLR7). In Tumorpatienten wird er mithilfe synthetischer TLR7 Liganden stimuliert, sodass der Tumor als „fremd“ erkannt und vom körpereigenen Immunsystem attackiert wird. Ein bestimmter synthetischer TLR7 Ligand – Imiquimod – wird bereits erfolgreich in der lokalen Therapie von Hauttumoren verwendet. Allerdings ist die systemische Therapie anderer Tumoren bisher wenig erfolgreich. „Bei diesen Therapien werden die TLR7 Liganden mehrmals innerhalb einer Woche gegeben. Wir stellten uns die Frage, ob diese repetitive Stimulation zu einer systemischen Immuntoleranz führen könnte, die die Wirksamkeit der Therapie einschränkt“, erklärt Bourquin.

Tatsächlich konnten die Wissenschaftler im Mausmodell nachweisen, dass die wiederholte Gabe von synthetischen Liganden innerhalb relativ kurzer Zeit zur sogenannten Rezeptortoleranz führt: TLR7 „stumpfte ab“ und sprach bis zu fünf Tage lang nicht mehr auf eine weitere Stimulation an. „Eine zu häufige Immunstimulation könnte also die mangelnde Effizienz der Therapie erklären“, sagt Bourquin. Die Wissenschaftler betrieben aber nicht nur Fehleranalyse: Aufgrund ihrer Daten entwickelten sie ein alternatives Therapieschema, das Tumoren in der Maus effektiv bekämpfte, obwohl die Gesamtdosis des Wirkstoffes geringer war als bei den konventionellen Methoden.

„Unsere Studie zeigt, dass das Timing der systemischen Therapie mit TLR7 Liganden eine entscheidende Rolle spielt“, betont Bourquin, „eine Umsetzung unserer Ergebnisse für humane Studien und letztendlich für die Immuntherapie von Tumoren wäre somit direkt möglich“. Da Rezeptortoleranz ein weitverbreitetes Phänomen ist, lassen sich diese Erkenntnisse wahrscheinlich auch auf andere Immuntherapien übertragen. (göd)

Publikation:
„Systemic cancer therapy with a small molecule agonist of Toll-like receptor 7 can be improved by circumventing TLR tolerance”;
C. Bourquin, C. Hotz, D. Noerenberg, A. Voelkl, S. Heidegger, L.C.M. Roetzer, B. Storch, N. Sandholzer, C. Wurzenberger, D. Anz, S. Endres;
Cancer Research, Published Online, First June 22, 2011;
doi:10.1158/0008-5472.CAN-10-3903
Ansprechpartner:
Prof. Dr. Carole Bourquin
Abteilung für Klinische Pharmakologie
Tel.: 089 / 5160 – 7331
Fax: 089 / 5160 – 7330
E-Mail: carole.bourquin@med.lmu.de

Luise Dirscherl | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenchen.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Dimethylfumarat – eine neue Behandlungsoption für Lymphome
28.03.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Die bestmögliche Behandlung bei Hirntumor-Erkrankungen
28.03.2017 | Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Workshop »Emissionsarme Bauprodukte und Wohngesundheit«

28.03.2017 | Seminare Workshops

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Nachwuchswissenschaftler blicken in die Quantenwelt

28.03.2017 | Seminare Workshops