Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Vergessen durch aktives Erinnern - Hirnforscher aus Magdeburg und Regensburg entdecken neuronalen Marker

17.12.2008
Vergessen kann - so paradox das erscheinen mag - durch aktives Erinnern verursacht werden.

Erinnern wir beispielsweise unsere derzeitige Telefonnummer, wird gleichzeitig unsere alte Telefonnummer weniger abrufbar. Forscher der Universitäten Magdeburg und Regensburg konnten nun anhand der Hirnaktivität von Probanden zeigen, dass Hemmungsprozesse bei der Entstehung dieses Vergessen eine maßgebliche Rolle spielen.

Im Gegensatz zur nach wie vor umstrittenen Freudschen Verdrängung von Gedächtnisinhalten ist diese Art der Hemmung ein normaler Mechanismus, der uns vermutlich Tag für Tag dabei hilft, unser Gedächtnis effizient nutzen zu können. Bei jedem Versuch, Informationen aus dem Langzeitgedächtnis abzurufen, werden demnach die abgerufenen Inhalte (wie die neue Telefonnummer) gestärkt, gleichzeitig aber auch verwandte, potentiell störende Gedächtnisinhalte (wie die alte Telefonnummer) geschwächt und dadurch Gegenstand verstärkten Vergessens.

Dieses so genannte abrufinduzierte Vergessen ist in höchstem Maße adaptiv, da so Interferenz (d.h. Störung durch momentan irrelevante Erinnerungen) reduziert wird. Es ist jedoch nach wie vor umstritten, ob abrufinduziertes Vergessen entsteht, weil die störenden Inhalte beim Abruf durch Hemmung (Inhibition) langfristig geschwächt werden oder ob vielmehr die Stärkung der abgerufenen Inhalte den Zugriff auf verwandte Erinnerungen kurzfristig blockiert.

Im Rahmen einer Kooperation zwischen der Universitätsklinik für Neurologie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und dem Institut für Experimentelle Psychologie der Universität Regensburg konnten kognitive Neurowissenschaftler nun zeigen, dass es sich bei dieser Art von Vergessen tatsächlich um eine langfristige Schwächung von Erinnerungen durch Inhibition handelt. In ihrer Studie wurden 23 Probanden gebeten, bestimmte zuvor gelernte Gedächtnisinhalte aktiv abzurufen. Tatsächlich zeigte sich, dass im Anschluss verwandte (d.h. potentiell störende) Gedächtnisinhalte schlechter erinnert bzw. eher vergessen wurden als unverwandte (d.h. potentiell nicht störende).

Dabei konnten Dr. Maria Wimber, Dr. Alan Richardson-Klavehn (Forschungsgruppe "Gedächtnis und Bewusstsein" bzw. "Memory and Consciousness Group") und ihre Kolleginnen und Kollegen feststellen, dass am Abruf dieser schlecht erinnerten Inhalte insbesondere solche Hirnregionen beteiligt sind, die für die Reaktivierung schwacher Gedächtnisrepräsentationen zuständig sind. Je mehr abrufinduziertes Vergessen ein Proband zeigte, desto höher die Aktivität in besagten Regionen des Stirn- und Schläfenlappens. Dagegen konnte in Hirnregionen, die bei der kurzfristigen Blockierung von Gedächtnisinhalten eine Rolle spielen sollten, kein vergleichbares Muster gefunden werden.

Diese neurowissenschaftlichen Befunde liefern starke Evidenz für die lange umstrittene Existenz von hemmenden Mechanismen im menschlichen Langzeitgedächtnis. Solche Mechanismen machen unser Gedächtnis effizienter, indem sie dabei helfen, aus der riesigen Menge an gespeicherten Informationen im Gedächtnis zu einem gegebenen Zeitpunkt die gewünschte Information abrufbar zu machen.

Die entsprechende Studie wurde veröffentlicht in der aktuellen Ausgabe des "Journal of Neuroscience" (10.Dezember 2008): M. Wimber, K.-H. Bäuml, Z. Bergström, G. Markopoulos, H.-J. Heinze, & A. Richardson-Klavehn (2008). Neural Markers of Inhibition in Human Memory Retrieval. Journal of Neuroscience, 28(50), 13419-13427.

Ansprechpartner für Rückfragen:
Dr. Alan Richardson-Klavehn
e-mail: alan.richardson-klavehn@med.ovgu.de
Tel. 0176 / 21059495
Dr. Maria Wimber
e-mail: maria.wimber@med.ovgu.de
Ögelin Düzel-Candan
Öffentlichkeitsarbeit
Universitätsklinik für Neurologie und Universitätsklinik für Stereotaktische Neurochirurgie
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Tel: 0391 / 6117535
Fax: 0391 / 6117531
e-mail: oegelin.duezel-candan@med.ovgu.de

Kornelia Suske | idw
Weitere Informationen:
http://neuro2.med.uni-magdeburg.de/
http://www.med.uni-magdeburg.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Revolutionär: Ein Algensaft deckt täglichen Vitamin-B12-Bedarf
23.04.2018 | Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde

nachricht Eine Teleskopschiene für Nanomaschinen
20.04.2018 | Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme, Standort Stuttgart, Stuttgart

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: BAM@Hannover Messe: Innovatives 3D-Druckverfahren für die Raumfahrt

Auf der Hannover Messe 2018 präsentiert die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), wie Astronauten in Zukunft Werkzeug oder Ersatzteile per 3D-Druck in der Schwerelosigkeit selbst herstellen können. So können Gewicht und damit auch Transportkosten für Weltraummissionen deutlich reduziert werden. Besucherinnen und Besucher können das innovative additive Fertigungsverfahren auf der Messe live erleben.

Pulverbasierte additive Fertigung unter Schwerelosigkeit heißt das Projekt, bei dem ein Bauteil durch Aufbringen von Pulverschichten und selektivem...

Im Focus: BAM@Hannover Messe: innovative 3D printing method for space flight

At the Hannover Messe 2018, the Bundesanstalt für Materialforschung und-prüfung (BAM) will show how, in the future, astronauts could produce their own tools or spare parts in zero gravity using 3D printing. This will reduce, weight and transport costs for space missions. Visitors can experience the innovative additive manufacturing process live at the fair.

Powder-based additive manufacturing in zero gravity is the name of the project in which a component is produced by applying metallic powder layers and then...

Im Focus: IWS-Ingenieure formen moderne Alu-Bauteile für zukünftige Flugzeuge

Mit Unterdruck zum Leichtbau-Flugzeug

Ingenieure des Fraunhofer-Instituts für Werkstoff- und Strahltechnik (IWS) in Dresden haben in Kooperation mit Industriepartnern ein innovatives Verfahren...

Im Focus: Moleküle brillant beleuchtet

Physiker des Labors für Attosekundenphysik, der Ludwig-Maximilians-Universität und des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik haben eine leistungsstarke Lichtquelle entwickelt, die ultrakurze Pulse über einen Großteil des mittleren Infrarot-Wellenlängenbereichs generiert. Die Wissenschaftler versprechen sich von dieser Technologie eine Vielzahl von Anwendungen, unter anderem im Bereich der Krebsfrüherkennung.

Moleküle sind die Grundelemente des Lebens. Auch wir Menschen bestehen aus ihnen. Sie steuern unseren Biorhythmus, zeigen aber auch an, wenn dieser erkrankt...

Im Focus: Molecules Brilliantly Illuminated

Physicists at the Laboratory for Attosecond Physics, which is jointly run by Ludwig-Maximilians-Universität and the Max Planck Institute of Quantum Optics, have developed a high-power laser system that generates ultrashort pulses of light covering a large share of the mid-infrared spectrum. The researchers envisage a wide range of applications for the technology – in the early diagnosis of cancer, for instance.

Molecules are the building blocks of life. Like all other organisms, we are made of them. They control our biorhythm, and they can also reflect our state of...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

infernum-Tag 2018: Digitalisierung und Nachhaltigkeit

24.04.2018 | Veranstaltungen

Fraunhofer eröffnet Community zur Entwicklung von Anwendungen und Technologien für die Industrie 4.0

23.04.2018 | Veranstaltungen

Mars Sample Return – Wann kommen die ersten Gesteinsproben vom Roten Planeten?

23.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Von der Genexpression zur Mikrostruktur des Gehirns

24.04.2018 | Biowissenschaften Chemie

Bestrahlungserfolg bei Hirntumoren lässt sich mit kombinierter PET/MRT vorhersagen

24.04.2018 | Medizintechnik

RWI/ISL-Containerumschlag-Index auf hohem Niveau deutlich rückläufig

24.04.2018 | Wirtschaft Finanzen

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics