Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Tiefe Hirnstimulation gegen therapieresistente Depressionen - erste Studien vielversprechend

06.08.2014

Rund ein Drittel aller Patienten mit einer Depression leidet nach der Behandlung mit Medikamenten oder einer Psychotherapie weiterhin erheblich unter der Krankheit.

Die Tiefe Hirnstimulation (THS) durch Elektroden im Gehirn könnte in solchen Fällen eine sinnvolle Ergänzung darstellen. Darauf weisen die Ergebnisse erster klinischer Studien hin, wie die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN) in einem Artikel der aktuellen Ausgabe ihrer Fachzeitschrift „Klinische Neurophysiologie“ zeigt.

Bisher wird die Tiefe Hirnstimulation (THS) hauptsächlich zur Behandlung von schweren Bewegungsstörungen eingesetzt, wie den Symptomen der Parkinson-Krankheit. Dabei werden den Patienten Elektroden in das Gehirn implantiert, die mit einem Impulsgeber in der Brust oder dem Bauch verbunden sind.

Leichte Stromstöße stimulieren oder hemmen bestimmte Bereiche des Gehirns. Erst seit einigen Jahren wird in klinischen Studien untersucht, wie diese Methode gegen ansonsten therapieresistente, chronische Depressionen wirkt. „Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend“, sagt Professor Dr. med. Thomas Schläpfer von der Uniklinik Bonn, einer der Autoren des Artikels.

Wie Schläpfer und seine Kollegin Dr. med. Sarah Kayser beschreiben, wurden bisher rund 140 Patienten mit therapieresistenen Depressionen mit einer THS behandelt. Der Anteil der Patienten, die von der Behandlung profitierten, liegt zwischen 21 und 71 Prozent, wobei die Linderung der Depression häufig mit der Dauer der Behandlung zunahm. Dabei implantierten Ärzte Elektroden in verschiedenen Zielregionen im Hirn.

Der schnellste und beste antidepressive Effekt wird durch die Stimulation im supero-lateralen Bereich des medialen Vorderhirnbündels (slMFB) erreicht: Hier erzielt die Methode eine Erfolgsrate von 85 Prozent innerhalb weniger Tage.

„Für die Tiefe Hirnstimulation spricht auch, dass sie gut mit medikamentösen und psychotherapeutischen Verfahren kombiniert werden kann“, sagt Schläpfer. Allerdings seien bisher zu wenige psychiatrische Patienten mit THS behandelt worden, um allgemeine Aussagen machen zu können, der Wirkmechanismus sei noch nicht umfassend bekannt.

Außerdem könne es zu Nebenwirkungen kommen, wie etwa Bewegungsstörungen oder Angstzuständen, sowie Suizidversuchen, wobei grundsätzlich das Suizidrisiko bei Patienten mit schweren Depressionen, unabhängig von der THS, schon um 15 Prozent erhöht ist.

Die Autoren können jedoch beruhigen: „Diese negativen Effekte können verhindert werden, indem wir die Stimulation anpassen“, erklärt Schläpfer. Es sei dennoch wichtig, die Patienten ausgewogen zu informieren, ohne übertriebene Hoffnungen zu wecken. „Im Hinblick auf die extreme Therapieresistenz der bisher untersuchten Patienten sind die ersten Ergebnisse jedoch eindrücklich“, sagt Kayser.

„Die Tatsache, dass anhaltende Effekte gezeigt werden konnten, macht die Tiefe Hirnstimulation zu einer aussichtsreichen Behandlungsmöglichkeit für schwere, therapieresistente psychische Krankheiten“, so die Autoren des Originalartikels aus der aktuellen Ausgabe der „Klinischen Neurophysiologie“, dem offiziellen Organ der DGKN.

Quelle:
Schläpfer TE, Kayser S. „Tiefe Hirnstimulation bei therapieresistente Depression“ Klinische Neurophysiologie 2014; 45: 113–117

Kontakt für Journalisten:
Kathrin Gießelmann
DGKN Pressestelle
Postfach 30 11 20
70451 Stuttgart
Berliner Büro:
Langenbeck-Virchow-Haus
Luisenstraße 59
10117 Berlin
Tel: 0711 8931-981
Fax: 0711 8931-984
gießelmann@medizinkommunikation.org
www.dgkn.de

Die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN) ist die medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft für Ärzte und Wissenschaftler in Deutschland, die auf dem Gebiet der klinischen und experimentellen Neurophysiologie tätig sind. Anliegen der DGKN ist es, die Forschung auf diesem Gebiet zu fördern sowie eine qualitätsgesicherte Aus-, Weiter- und Fortbildung zu garantieren. Zu diesem Zweck richtet die DGKN wissenschaftliche Tagungen, Symposien und Fortbildungsveranstaltungen aus. Sie erarbeitet Richtlinien und Empfehlungen für die Anwendung von Methoden wie EEG, EMG oder Ultraschall. Darüber hinaus setzt sich die DGKN für den wissenschaftlichen Nachwuchs ein, indem sie etwa Stipendien und Preise vor allem für junge Forscher vergibt. Die Methoden der klinischen Neurophysiologie kommen Patienten bei der Diagnose und Therapie von neurologischen Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer, Migräne, Epilepsie, Schlaganfall oder Multiple Sklerose zugute.

Weitere Informationen:

http://www.dgkn.de
http://www.thieme-connect.de/products/ejournals/abstract/10.1055/s-0034-1375605

Medizin - Kommunikation | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Verschwindende Äderchen: Diabetes schädigt kleine Blutgefäße am Herz und erhöht das Infarkt-Risiko
23.03.2017 | Technische Universität München

nachricht Ein Knebel für die Anstandsdame führt zu Chaos in Krebszellen
22.03.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise