Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Taktlose Herzen - Neuer Genort begünstigt Vorhofflimmern

13.07.2009
Ein neu gefundender Genort kann das Risiko, an einem Vorhofflimmern zu erkranken, signifikant beeinflussen. Zu diesem Ergebnis kommen zwei groß angelegte, internationale Studien, an der auch LMU-Forscher maßgeblich beteiligt waren.

Das Vorhofflimmern ist eine chronische Rhythmusstörung des Herzens, an der nach Schätzungen alleine in Deutschland bis zu einer Million Menschen und weltweit bis zu 600 Millionen Betroffene leiden.

Bei dieser Erkrankung kann der elektrische Taktgeber des Herzens, der Sinusknoten, die feine Abstimmung der Herzkammern und -vorhöfe nicht mehr aufrechterhalten. Es kommt zu unkoordinierten Kontraktionen. Ein Vorhofflimmern ist nicht akut lebensbedrohlich, kann aber zu einem Schlaganfall oder zu Herzversagen führen.

"Der von uns gefundene Genort auf Chromosom 16 kann das Risiko für diese Erkrankung beeinflussen", berichtet der LMU-Mediziner Privatdozent Dr. Stefan Kääb. "Er wirkt sich auf die Synthese eines Moleküls aus, das für die Herzentwicklung wichtig ist. Wir hoffen, dass sich aus unserem Ergebnis neue Erkenntnisse zur Entstehung des Leidens und längerfristig auch Therapieansätze ergeben." Die zweite Studie, an der LMU-Forscher unter der Leitung von Professor Martin Dichgans beteiligt waren, konnte denselben Genort identifizieren - und einen Zusammenhang zum Auftreten von Schlaganfällen nachweisen. (Nature Genetics online, 13. Juli 2009)

Bis zu drei Milliarden Schläge muss ein menschliches Herz im Laufe eines langen Lebens tun, um das Blut ohne Unterlass durch den Körper zu pumpen. Für einen reibungslosen Transport des Bluts sind die Kontraktionen der Vorhöfe und Kammern des Herzens perfekter koordiniert und aufeinander abgestimmt. Dafür sorgt der Sinusknoten, der sich aus einer Gruppe spezialisierter Zellen im rechten Vorhof zusammensetzt und den Takt über elektrische Signale vorgibt. Kann der Sinusknoten diese Aufgabe nicht mehr ausreichend erfüllen, entsteht eine Herzrhythmusstörung.

Das Vorhofflimmern als eine Variante davon ist selbst nicht akut gefährlich, kann aber zu lebensbedrohlichen Folgeerkrankungen führen. Dann wird Blut nicht vollständig aus dem Herzen gepumpt und ein Gerinnsel entsteht - das ein Gefäß verstopfen und so eine Embolie oder einen Schlaganfall verursachen kann. In den USA und in Europa trägt jeder Vierte das Risiko, an einem Vorhofflimmern zu erkranken. Familienstudien lieferten zudem erste Hinweise auf eine genetische Komponente: Die direkten Verwandten von Patienten sind besonders gefährdet, ebenfalls ein Vorhofflimmern zu entwickeln.

In der nun vorgelegten genomweiten Assoziationsstudie arbeiteten neben den LMU-Forschern um Kääb auch Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums München, der TU München und von 40 weiteren europäischen und US-amerikanischen Einrichtungen zusammen. Sie identifizierten Gene, die mit einem Vorhofflimmern assoziiert sind sowie deren natürlich vorkommenden Varianten. Gene sind Abschnitte des Erbmoleküls DNA und enthalten die Bauanleitung für Proteine. Die Daten von mehr als 40.000 Menschen europäischer Abstammung wurden analysiert - und zweieinhalb Millionen häufige Varianten untersucht. Mit Erfolg: Die Forscher konnten einen wichtigen neuen Genort auf dem Chromosom 16 identifizieren.

Das Ergebnis wurde schließlich an 6.000 weiteren Personen überprüft und auf diesem Weg bestätigt. Dieses wichtige Patientenkollektiv brachte das Team um Kääb in die Studie ein. Damit ist nun - nach einem bereits bekannten Genort auf Chromosom 4 - eine zweite Region im menschlichen Genom nachgewiesen, die das Risiko für ein Vorhofflimmern signifikant beeinflusst. "Der Genort wirkt sich auf die Synthese eines Moleküls aus, das für die Herzentwicklung wichtig ist", sagt Kääb. "Uns geht es jetzt um die funktionelle Charakterisierung des betreffenden Gens, um neue Erkenntnisse zur Entstehung der Krankheit zu erhalten und um möglicherweise neue Therapieformen zu entwickeln."

Das Projekt wurde unter anderem durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) über das "Kompetenznetz Vorhofflimmern", das Nationale Genomforschungsnetz (NGFN), den LMU-Investitionsfonds im Rahmen der Exzellenzinitiative und die "Fondation Leducq" gefördert. (suwe)

Publikation:
"Variants in ZFHX3 are associated with atrial fibrillation in individuals of European ancestry"
Emelia J. Benjamin et.al
DOI: 10.1038/ng.416
"A sequence variant in ZFHX3 on 16q22 associates with atrial fibrillation and ischemic stroke"
Daniel F. Gudbjartsson et.al
DOI: 10.1038/ng.417
Nature Genetics online, 13. Juli 2009
Ansprechpartner:
Privatdozent Dr. Stefan Kääb
Klinikum der Universität München
Tel.: 089 / 7095-3049
Fax: 089 / 7095-6076
E-Mail: stefan.kaab@med.uni-muenchen.de
Professor Dr. Martin Dichgans
Klinikum der Universität München
Tel.: 089 / 7095-6670
Fax: 089 / 7095-6679
E-Mail: martin.dichgans@med.uni-muenchen.de

Luise Dirscherl | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenchen.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Titandioxid-Nanopartikel können Darmentzündungen verstärken
19.07.2017 | Universität Zürich

nachricht Künftige Therapie gegen Frühgeburten?
19.07.2017 | Universitätsspital Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungen

Den Nachhaltigkeitskreis schließen: Lebensmittelschutz durch biobasierte Materialien

21.07.2017 | Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einblicke unter die Oberfläche des Mars

21.07.2017 | Geowissenschaften

Wegbereiter für Vitamin A in Reis

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten