Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Strahlentherapie normalisiert lebensbedrohlichen Speichelfluss bei Amyotropher Lateralsklerose

16.05.2014

Bei Erkrankungen des zentralen und peripheren Nervensystems wie der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) kann es zu einem starken Speichelfluss kommen, der häufig zum Verschlucken führt und Speichel in die Atemwege bringt. Eine gefährliche Folge ist Lungenentzündung.

Eine gezielte Bestrahlung der Speicheldrüsen kann helfen, den Speichelfluss zu normalisieren, betont die Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) anlässlich einer aktuellen französischen Studie. Die DEGRO empfiehlt die Therapie auch für Menschen mit anderen Nervenerkrankungen wie den Morbus Parkinson, die ebenfalls mit Schluckstörungen einhergehen.

Die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine seltene, aber sehr ernste Erkrankung des zentralen und peripheren Nervensystems. Pro Jahr erkranken in Deutschland etwa ein bis zwei von 100.000 Personen an ALS, deren motorisches Nervensystem durch die Krankheit beeinträchtigt wird. Zu den Auswirkungen der ALS gehören auch Schluckstörungen, durch die der Speichel schnell in die Atemwege gelangt. Das kann zu einer Lungenentzündung führen, die häufig tödlich endet.

„Mehr als die Hälfte aller Patienten mit ALS sterben an den Folgen der übermäßigen Speichelbildung, noch häufiger ist sie Anlass für einen Luftröhrenschnitt oder eine Beatmung“, berichtet Professor Dr. med. Michael Baumann, Direktor der Klinik und Poliklinik für Strahlentherapie und Radioonkologie am Universitätsklinikum Dresden und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO).

Medikamente oder krankengymnastische Übungen zeigen nur eine begrenzte Wirkung. Einige Ärzte schalten die Speicheldrüse durch Injektion des Nervengifts Botox aus. „Die Behandlung kann jedoch sehr schmerzhaft sein, und es besteht die Gefahr, dass das starke Nervengift die für die ALS typische Lähmung der Gesichtsmuskulatur verstärkt“, warnt der DEGRO-Präsident. Selbst eine Verstärkung der Schluckstörungen sei möglich, wenn das Nervengift die Schlundmuskeln erreicht.

Eine Bestrahlung kann die Speichelproduktion bei Patienten mit Amyotropher Lateralsklerose dagegen auf Dauer vermindern, wie eine Studie aus Frankreich belegt. „Unsere Kollegen haben 50 Patienten aus einem Behandlungszentrum in Paris betreut, die alle seit Jahren an einer starken Sialorrhö, also an einem übermäßigen Speichelfluss, litten“, berichtet DEGRO-Pressesprecher Professor Dr. med. Frederik Wenz, Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie am Universitätsklinikum Mannheim.

Um die Sialorrhö zu mindern, haben die Ärzte die Bestrahlung auf die Speicheldrüsen im Unterkieferbereich und die unteren zwei Drittel der beiden Ohrspeicheldrüsen beschränkt. „Die restlichen Anteile der Ohrspeicheldrüsen und zwei weitere Drüsen unterhalb der Zunge produzierten nach der Bestrahlung genügend Speichel, um eine zu starke Mundtrockenheit zu verhindern“, erklärt der DEGRO-Pressesprecher.

Die Bestrahlung wurde mit sogenannten Linearbeschleunigern durchgeführt, die eine punktgenaue Bestrahlung mit Photonen erlauben. „Auf diese Weise konnte die Strahlung auf einzelne Abschnitte der Ohrspeicheldrüse begrenzt werden“, sagt Professor Wenz. Rückenmark und Hirnstamm befanden sich dagegen außerhalb des Strahlenfelds. Dies sei wichtig, da ein Untergang von Nervenzellen in diesem Bereich Ursache der ALS ist und eine Beschädigung den Krankheitsverlauf beschleunigen würde. Durch die Bestrahlung normalisierte sich bei 46 Patienten der Speichelfluss. Bei den anderen vier Patienten kam es zu einer deutlichen Besserung.

Eine Bestrahlung mit Linearbeschleunigern ist auch an vielen Zentren in Deutschland möglich. Die Therapie eignet sich nach Ansicht der beiden DEGRO-Experten auch zur Behandlung des Morbus Parkinson, der wie die Amyotrophe Lateralsklerose mit Schluckstörungen einhergeht.

Literatur:
Assouline A1, Levy A2, Abdelnour-Mallet M3, Gonzalez-Bermejo J4, Lenglet T5, Le Forestier N6, Salachas F5, Bruneteau G5, Meininger V5, Delanian S7, Pradat PF8. Radiation therapy for hypersalivation: a prospective study in 50 amyotrophic lateral sclerosis patients. Int J Radiat Oncol Biol Phys. 2014 Mar 1;88(3):589-95. doi: 10.1016/j.ijrobp.2013.11.230. Epub 2014 Jan 7.
(http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24411632)

Zur Strahlentherapie:
Die Strahlentherapie ist eine lokale, nicht-invasive, hochpräzise Behandlungsmethode mit hohen Sicherheitsstandards und regelmäßigen Qualitätskontrollen. Bildgebende Verfahren wie die Computer- oder Magnetresonanztomografie ermöglichen eine exakte Ortung des Krankheitsherdes, sodass die Radioonkologen die Strahlen dann zielgenau auf das zu bestrahlende Gewebe lenken können. Umliegendes Gewebe bleibt weitestgehend verschont.

Pressekontakt für Rückfragen:

Dagmar Arnold
Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie e. V.
Pressestelle
Postfach 30 11 20
70451 Stuttgart
Telefon: 0711 8931-380
Fax: 0711 8931-167
E-Mail: arnold@medizinkommunikation.org
Internet: http://www.degro.org

Weitere Informationen:

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24411632
http://www.degro.org

Medizin - Kommunikation | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht In Deutschland wächst die Zahl der Patienten mit Diabetes mellitus
23.02.2017 | Versorgungsatlas

nachricht Ursache für eine erbliche Muskelerkrankung entdeckt
22.02.2017 | Klinikum der Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

Österreich erzeugt erstmals Erdgas aus Sonnen- und Windenergie

24.02.2017 | Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer HHI auf dem Mobile World Congress mit VR- und 5G-Technologien

24.02.2017 | Messenachrichten

MWC 2017: 5G-Hauptstadt Berlin

24.02.2017 | Messenachrichten

Auf der molekularen Streckbank

24.02.2017 | Biowissenschaften Chemie