Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Sneaking-Ligand-Prinzip: Fortschritt in zielgenauer Behandlung von Autoimmunerkrankungen

01.10.2013
„Sneaking-Ligand-Prinzip“ ermöglicht zelltypspezifsche Beeinflussung von Signalwegen

Die Freiburger Arbeitsgruppe um Dr. Bettina Sehnert und Prof. Reinhard Voll hat ein neues Verfahren entwickelt, mit dem sich ausgewählte Signalwege in definierten Zellen zielgenau beeinflussen lassen.

Mithilfe dieser neuen Strategie zum selektiven „Cell-targeting“ kann die Bedeutung von intrazellulären Signalwegen für die Entstehung einer Erkrankung untersucht werden. Außerdem eröffnet das „Sneaking-Ligand-Prinzip“ Perspektiven für nebenwirkungsärmere und dennoch hocheffiziente Therapien, die gezielt an den Signalwegen innerhalb der Zellen ansetzen.

Das „Sneaking-Ligand-Prinzip“ erarbeiteten die Forscher der Klinik für Rheumatologie und Klinische Immunologie sowie des Centrums für Chronische Immundefizienz am Universitätsklinikum Freiburg in Kooperation mit Prof. Stefan Dübel (TU Braunschweig), Prof. Harald Burkhardt (Universität Frankfurt) sowie Wissenschaftlern der Universität Erlangen-Nürnberg. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie in der aktuellen Ausgabe der amerikanischen Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA.

Die Wissenschaftler entwickelten das „Sneaking-Ligand-Prinzip“ am Modell der rheumatoiden Arthritis, von der fast ein Prozent der Bevölkerung betroffen ist. Unbehandelt kann diese chronisch entzündliche Gelenkserkrankung bis zur Invalidität des Patienten und zu einer merklich verkürzten Lebenserwartung führen. Trotz bewährter Therapien mit Basismedikamenten und neuartigen Biologika können bei mehr als einem Drittel der Patienten die Symptome nicht zufriedenstellend behandelt werden. Da bei der Therapie das Immunsystem des Patienten unterdrückt werden muss, treten zusätzlich stark beeinträchtigende Nebenwirkungen wie ein erhöhtes Risiko für schwere Infektionen auf. „Mit dem ‚Sneaking-Ligand-Prinzip‘ haben wir nun einen Ansatzpunkt für eine neue, nebenwirkungsärmere Behandlung der rheumatoiden Arthritis gefunden“, so Prof. Voll.

Auf der Suche nach neuen Therapiestrategien haben Dr. Sehnert und Prof. Voll den nukleären Transkriptionsfaktor κB (NF-κB) und seine Rolle bei der Entstehung der rheumatoiden Arthritis unter die Lupe genommen. Er fördert die Bildung von entzündungsfördernden Zytokinen sowie von Molekülen, die die Interaktion der Zellen steuern. Unter anderem begünstigt er die Herstellung sogenannter Adhäsionsmoleküle, die die Auswanderung von Entzündungszellen vom Blut über die Zellen der Gefäßwand in die Gelenke ermöglichen.

Mit dem „Sneaking-Ligand-Construct“ (SLC) haben die Wissenschaftler nun ein Protein entwickelt, das diese Auswanderung von Entzündungszellen ins Gewebe verhindert. Es besteht aus drei Modulen: Das erste schleust das Protein in die Zelle ein, das zweite übernimmt den Transport innerhalb der Zelle. Dort unterdrückt das dritte Modul den IκB-Kinase-Komplex (IKK) und unterbindet somit die Aktivierung von NF-κB. Dadurch wird der Einstrom von Entzündungszellen in die Blutgefäßwand blockiert sowie die Gelenkentzündung und die Destruktion der Knorpel- und Knochenstrukturen effektiv gehemmt.

Während die bisher üblichen NF-κB-Inhibitoren auch in Zellen aufgenommen werden, die nicht direkt an der Entstehung der rheumatoiden Arthritis beteiligt sind, ermöglicht das „Sneaking-Ligand-Prinzip“ eine zielgenaue Untersuchung und Beeinflussung ausgewählter Signalmoleküle. „Wir hoffen, dass sich das ‚Sneaking-Ligand-Prinzip‘ auch in der Entwicklung neuer Therapien für weitere Autoimmunerkrankungen, aber auch für Krebs bewährt“, so Prof. Voll.

Titel der Originalveröffentlichung: NF-κB inhibitor targeted to activated endothelium demonstrates a critical role of endothelial NF-κB
in immune-mediated diseases
doi: 10.1073/pnas.1218219110
Kontakt:
Prof. Dr. Reinhard Voll
Ärztlicher Direktor
Klinik für Rheumatologie und Klinische Immunologie
Telefon: 0761 270-34480
reinhard.voll@uniklinik-freiburg.de
Weitere Informationen:
http://www.pnas.org/content/early/2013/09/20/1218219110.full.pdf

Benjamin Waschow | idw
Weitere Informationen:
http://www.uniklinik-freiburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz gegen Gastritis
10.08.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Wenn Schimmelpilze das Auge zerstören
10.08.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wissenschaftliche Grundlagen für eine erfolgreiche Klimapolitik

21.08.2017 | Veranstaltungen

DGI-Forum in Wittenberg: Fake News und Stimmungsmache im Netz

21.08.2017 | Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Studie für Patienten mit Prostatakrebs: Einteilung in genomische Gruppen soll Therapie präzisieren

21.08.2017 | Interdisziplinäre Forschung

Forscher entwickeln zweidimensionalen Kristall mit hoher Leitfähigkeit

21.08.2017 | Physik Astronomie

Ein neuer Indikator für marine Ökosystem-Veränderungen - der Dia/Dino-Index

21.08.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz