Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Schlaganfalltherapie - Infusionsbehandlung allein hilft nur wenigen

05.10.2009
Die Thrombolyse, kurz Lyse, sorgt nach einem Schlaganfall dafür, dass sich Blutgerinnsel im Gehirn auflösen. Doch die Mehrzahl der Schlaganfallpatienten profitiert gar nicht von dieser Therapie.

Warum dies so ist und welche neuen Konzepte die Versorgung von Schlaganfallpatienten verbessern können, diskutieren Experten der Deutschen Gesellschaft für Neuroradiologie (DGNR) im Rahmen von neuroRAD, ihrer 44. Jahrestagung. Der Kongress findet vom 8. bis zum 10. Oktober in Köln statt.

Ein Schlaganfall ist eine der Hauptursachen für Behinderungen und Pflegebedürftigkeit im Alter. Auslöser ist meist eine Minderdurchblutung des Gehirns. Es kommt zu einem vorübergehenden oder dauerhaften Ausfall von Gehirnfunktionen. Eine Halbseitenlähmung oder Sprachstörungen können die Folgen sein. Bei einer Lysetherapie verabreichen Ärzte Betroffenen ein Enzym, das Blutgerinnsel in den Arterien auflöst.

"Der größte Teil der Schlaganfallpatienten kann jedoch gar nicht mit der Lyse behandelt werden", berichtet Professor Dr. med. Rüdiger von Kummer, DGNR-Präsident und Leiter der Abteilung Neuroradiologie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden. Hierfür gebe es vielfältige Gründe: Oft erreichen Betroffene die Klinik erst nach viereinhalb Stunden - dem Zeitfenster, in dem die Thrombolyse wirkt. In anderen Fällen hat eine Hirnblutung den Schlaganfall ausgelöst oder kann nicht ausgeschlossen werden, da kein Computer- oder Magnetresonanztomograph zur Verfügung steht. Auch hier hilft eine Lysetherapie nicht, da diese die Blutung verstärken würde.

Aber auch bei den Patienten, die heute eine Lysetherapie erhalten, bleibt der Erfolg in den meisten Fällen aus. "Der Anteil der Patienten, die dann wirklich einen Nutzen aus der Lysetherapie ziehen, liegt bei maximal 13 Prozent", so von Kummer im Vorfeld der DGNR-Jahrestagung.1 "Unter den 87 Prozent, die leer ausgehen, sind glücklicherweise zwischen 25 und 45 Prozent, die die Behandlung nicht nötig haben und sich spontan bessern. Doch was ist mit den verbleibenden Patienten? Wie können wir hier die Behandlung verbessern", fragt der DGNR-Präsident weiter. So zeigt eine Lysetherapie nur eine kurzzeitige Wirkung, wenn der Gefäßverschluss durch eine Arteriosklerose - also verkalkte Gefäßwände - hervorgerufen wurde.

"Da hat sich dann noch ein kleiner Thrombus, also ein Blutpfropf, draufgesetzt. Diesen kann man mit einer Lysetherapie vielleicht kurzfristig auflösen. Allerdings wird sich das Gefäß sehr schnell wieder verschließen", erklärt von Kummer. Deshalb sollte bei diesen Patienten neben der Lyse auch eine Gefäßerweiterung per Katheter durchgeführt werden. Diese ließe sich auch zusätzlich durch einen Stent unterstützen. Es hat sich gezeigt, dass sich die Rekanalisationsrate mit Hilfe eingeführter kleiner Instrumente gegenüber der reinen Lyse verdoppeln lässt. "Bei der Behandlung des Herzinfarkts ist eine invasive Vorgehensweise an den Herzkranzgefäßen seit Jahren üblich. Wir müssen das Prinzip auch bei der Schlaganfallbehandlung vermehrt einsetzen", fordert der DGNR-Präsident, der das Thema auch mit seinen Kollegen auf der Kongress-Pressekonferenz diskutieren wird.

Welchen Patienten eine Katheterbehandlung helfen würde, lässt sich nach Auskunft des Neuroradiologen heute gut mit der Computer- und Magnetresonanztomographie feststellen. Im Vordergrund müsse hier allerdings die Gefäßdiagnostik stehen. "Die Ursache des Schlaganfalls sind Gefäßkrankheiten. Doch bislang hat man sich bei der Diagnostik viel zu sehr auf das Gehirn selbst konzentriert und die Gefäße vernachlässigt", erklärt von Kummer. Viele Kliniken seien in der Lage, Diagnostik und Katheterbehandlung ohne große zeitliche Verzögerung durchzuführen. Bei einigen Patienten mit schweren Hirninfarkten müsse auch überlegt werden, ob eine Operation sinnvoll sei, bei der die Schädeldecke zur Druckentlastung geöffnet wird. "Studien zeigen, dass dadurch eine weitere Ausdehnung des Infarkts verhindert und die Überlebensfähigkeit des Patienten gesteigert werden kann", berichtet von Kummer.

Terminhinweise:

neuroRAD, 44. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neuroradiologie
8. bis 10. Oktober 2009, Gürzenich Köln, Martinstraße 29-37, 50667 Köln
Kongress-Pressekonferenz
Donnerstag, 8. Oktober 2009, 12.00 bis 13.00 Uhr, Gürzenich Köln, Konferenzraum 3, Martinstraße 29-37, 50667 Köln
Quellenangabe:
1. The ATLANTIS, ECASS, and NINDS rt-PA Study Group Investigators. Association of outcome with early stroke treatment: Pooled analysis of ATLANTIS,ECASS, and NINDS rt-PA stroke trials. Lancet. 2004;363:768-774

Pressekontakt für Rückfragen und Anmeldungen:

Pressestelle neuroRAD
Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neuroradiologie (DGNR)
Silke Stark
Postfach 30 11 20
70451 Stuttgart
Tel.: 0711 8931-572
Fax: 0711 8931-167
stark@medizinkommunikation.org

| idw
Weitere Informationen:
http://www.neurorad.de
http://www.medizinkommunikation.org

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz: Nierenschädigungen therapieren, bevor Symptome auftreten
20.09.2017 | Universitätsklinikum Regensburg (UKR)

nachricht Neuer Ansatz zur Therapie der diabetischen Nephropathie
19.09.2017 | Universitätsklinikum Magdeburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

23. Baltic Sea Forum am 11. und 12. Oktober nimmt Wirtschaftspartner Finnland in den Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

6. Stralsunder IT-Sicherheitskonferenz im Zeichen von Smart Home

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

OLED auf hauchdünnem Edelstahl

21.09.2017 | Messenachrichten

Weniger (Flug-)Lärm dank Mathematik

21.09.2017 | Physik Astronomie

In Zeiten des Klimawandels: Was die Farbe eines Sees über seinen Zustand verrät

21.09.2017 | Geowissenschaften