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Wird Rheuma heilbar sein?

13.10.2008
Zum Welt-Rheuma-Tag am 12. Oktober 2008 wagt Professor Andreas Radbruch einen optimistischen Blick in die Zukunft: Der wissenschaftliche Fortschritt der letzten 20 Jahre lasse erwarten, dass für Patienten mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen künftig zielgerichtete und hochwirksame Therapien zur Verfügung stehen werden, die die Erkrankung heilen oder zumindest langfristig unterdrücken können, so der Direktor des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums Berlin.

Noch ist unklar, wie rheumatische Erkrankungen eigentlich ausgelöst werden. Man weiß jedoch, dass sowohl eine genetische Veranlagung als auch Umweltfaktoren eine Rolle spielen. Bereits jetzt lassen sich aus diesen Erkenntnissen klare Verhaltensmaßregeln ableiten. So zeichnet sich zum Beispiel ab, dass sich bestimmte Risikogene und Rauchen als Risikofaktor gegenseitig verstärken.

Darüber hinaus haben auch Ernährung und Bewegungsverhalten einen Einfluss auf die Krankheitsentstehung, wie epidemiologische Studien zeigen. Insgesamt kann man heute sagen, dass eine gesunde, mediterrane Lebensweise sowie der Verzicht auf das Rauchen in gewissem Maße vor Rheuma schützen.

Hat sich die Krankheit erst einmal entwickelt, wird sie zu einem chronischen Leiden, das mit herkömmlichen Therapien nur noch unzureichend in den Griff zu bekommen ist. Warum das so ist, haben Wissenschaftler am Deutschen Rheuma-Forschungszentrum herausgefunden: Das Immunsystem entwickelt ein Gedächtnis für die Entzündung, das die Krankheit eigenständig weiter treibt, obwohl der ursprüngliche Auslöser längst nicht mehr vorhanden ist. Das Überleben dieser Gedächtniszellen hängt von Umgebungssignalen ab, die vom Knochenmark, aus entzündetem Gewebe oder aus Fettzellen kommen können. Arbeitsgruppen in Lübeck, Berlin, Erlangen, Giessen, Hannover, Münster und Berlin forschen derzeit gemeinsam an der gezielten Unterdrückung der Signale, die das fehlerhafte immunologische Gedächtnis aufrechterhalten.

Neue Biomarker für Diagnostik und Therapie

"Unser Verständnis für die molekularen und genetischen Grundlagen entzündlich-rheumatischer Erkrankungen ist inzwischen so präzise, dass wir daraus gezielte neue Therapiemöglichkeiten ableiten können", betont Radbruch. "Durch den Einsatz neuer Technologien können wir alle Veränderungen erfassen, die bei rheumatischen Erkrankungen im Gewebe, in den Zellen und Molekülen auftreten." Charakteristische Veränderungen, so genannte Biomarker, sind dabei ursächlich mit der Krankheit verknüpft. Sie wurden erst in den letzten Jahren entdeckt und eröffnen ganz neue Möglichkeiten, sowohl in der Diagnose als auch in der Therapie. Biomarker sind Eigenschaften von Zellen, die typisch für bestimmte Krankheiten sind und den Krankheitsverlauf und das Ansprechen auf eine Therapie, beispielsweise mit Biologika, vorhersagen. Auf diese Weise lassen sich die Medikamente sehr viel zielgerichteter einsetzen als bisher. Die gezielte Bestimmung von Biomarkern wird künftig die frühzeitige Erkennung von rheumatischen Erkrankungen ermöglichen und die Entwicklung hocheffektiver, nebenwirkungsarmer Therapieformen beschleunigen. Die Hoffnung ist, dass man bald in der Lage sein wird, die Behandlung auf den einzelnen Patienten zuzuschneiden.

Zelltherapie greift die Krankheit an der Ursache an

Ein vielversprechender neuer therapeutischer Ansatz besteht darin, die außer Kontrolle geratenen Gedächtniszellen zu identifizieren und im Rahmen einer "Zelltherapie" gezielt aus dem Körper der Patienten zu entfernen. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Rheuma-Forschungszentrum haben Rheumatologen der Charité ein Verfahren entwickelt, das erstmals eine ursächliche Behandlung schwerer entzündlich-rheumatischer Erkrankungen erlaubt: Dabei wird das fehlgesteuerte Immunsystem der Patienten zunächst komplett ausgeschaltet und dann aus zuvor gewonnenen eigenen Stammzellen des Patienten wieder neu aufgebaut. Die Therapie ist bislang bei 17 Patienten durchgeführt worden und konnte einige schwerkranke Patienten mit Lupus erythematodes bereits dauerhaft heilen. Die Wissenschaftler erklären diesen Erfolg damit, dass die schädlichen Gedächtniszellen eliminiert wurden und das neue Immunsystem die Krankheit "vergessen" hat. Allerdings sind die Risiken der Behandlung sehr hoch, da die Patienten vorübergehend ohne Immunsystem sind und an Infekten versterben können. Aktuell wird an verträglicheren Verfahren geforscht, die gezielt nur die krankheitsfördernden Zellen ausschalten, die Schutzfunktion des Immunsystems aber bestehen lassen.

Jacqueline Hirscher | idw
Weitere Informationen:
http://www.drfz.de

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