Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Warum "dickes" Blut vor Herzinfarkt schützen kann

24.08.2009
Heidelberger Wissenschaftler erklären klinisches Paradox in "Circulation" / Untersuchung im Tiermodell: Ablagerungen in Blutgefäßen werden stabilisiert

"Dickes" Blut kann zum Herzinfarkt oder Schlaganfall führen, aber auch davor schützen. Den Mechanismus für dieses klinische Paradox haben Wissenschaftler der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg erstmals im Tiermodell geklärt: Mäuse, die zu einer stärkeren Blutgerinnung neigen, haben zwar stärkere Ablagerungen (Plaque) in den Blutgefäßen, diese sind jedoch stabiler.

Somit ist die Gefahr geringer, dass sich diese Plaques von der Gefäßwand ablösen und die Blutbahn verschließen. Die Ergebnisse der Studie wurden in der hochrangigen Zeitschrift "Circulation" veröffentlicht.

Im Prinzip gilt: Je stärker das Blut gerinnt, desto größer ist das Risiko für einen Gefäßverschluss. Blutverdünnende Medikamente schützen vor diesen Komplikationen. Klinische Studien konnten bislang allerdings nicht nachweisen, dass eine erhöhte Gerinnungsneigung auch bei der Neubildung von Gefäßwandablagerungen Nachteile hat. Privatdozent Dr. Berend Isermann, Oberarzt an der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg, Abteilung Endokrinologie, Stoffwechsel und Klinische Chemie (Ärztlicher Direktor: Professor Dr. Peter Nawroth), und sein Team haben nun eine Erklärung dafür gefunden.

Untersuchung im Tiermodell: Größere aber stabilere Plaques

Die Wissenschaftler untersuchten Mäuse mit erhöhten Blutfettwerten und einem genetischen Defekt, der zur verstärkten Gerinnung des Blutes führt. Die Mäuse entwickelten zwar größere Gefäßwandablagerungen als jene ohne genetischen Defekt, die Plaques waren jedoch stabiler. Zudem kam es auch nicht zu Gefäßverengungen, da sich die Gefäßwand durch Umbau schnell an die neue Situation anpasste. Der negative Effekt auf den Blutstrom durch größere Plaques wurde also durch den positiven Effekt der Stabilität und eines weiteren Gefäßdurchmessers kompensiert.

Die langfristige Anwendung von Blutverdünnern (hier: niedermolekulares Heparin) machte diese Vorteile allerdings rückgängig: Die Plaques wurden zwar wieder kleiner, aber die Stabilität ging dabei verloren, so dass sich das Risiko für Komplikationen erhöhte.

Vorsichtige Verschreibung von Blutverdünnern empfohlen

"Unsere Befunde wurden zwar an Mäusen erhoben, sie bestätigen jedoch die Ergebnisse von klinischen Studien am Menschen", sagt Dr. Isermann. "Außerdem zeigen Untersuchungen im Reagenzglas, dass menschliche Zellen ähnlich reagieren, wie die von Mäusen." Die Arbeitsgruppe geht davon aus, dass die Ergebnisse auf den Menschen übertragbar sind und empfiehlt ein genaues Abwägen der Vor- und Nachteile von Blutverdünnern, bevor sie beim Patienten eingesetzt werden. "Zur Zeit", so Dr. Isermann weiter, "habe wir aber keinen Anhalt, dass diese neuen Beobachtungen auch auf Medikamente zutreffen, die die Funktion der Bluttblättchen (Thrombozyten) hemmen."

Bei der Therapieentscheidung sollten die Ursache der Blutgerinnungsstörung und der Grad der bereits bestehenden Gefäßverkalkung berücksichtigt werden. Außerdem propagieren die Heidelberger Wissenschaftler den Einsatz von Blutverdünnern, die spezifische Faktoren der Blutgerinnung hemmen, so dass positive Effekte auf die Plaques-Stabilität erhalten bleiben. Verschiedene neue Medikamente, die spezifische Faktoren der Blutgerinnung hemmen, werden aktuell in klinischen Studien untersucht. "Es ist wichtig", so Dr. Isermann, "in diesen Studien auch die Plaque-Stabilität und den Einfluss auf die Gefäßverkalkung zu untersuchen."

Literatur:
Hypercoagulability inhibits monocyte transendothelial migration through PAR-1, PLC?, PI3K, and NO-dependent signaling in monocytes and promotes plaque stability. Stefanie Seehaus, Khurrum Shahzad, Muhammed Kashif, Ilya A. Vinnikov, Martin Schiller, Hongjie Wang, Thati Madhusudhan, Volker Eckstein, Angelika Bierhaus, Florian Bea, Erwin Blessing, Hartmut Weiler, David Frommhold, Peter P Nawroth, and Berend Isermann; Circulation.
Weitere Informationen im Internet:
www.klinikum.uni-heidelberg.de/Innere-Medizin-I-Endokrinologie-und-Stoffwechsel.729.0.html

www.klinikum.uni-heidelberg.de/Stationen.101329.0.html

Ansprechpartner:
Privatdozent Dr. med. Berend Isermann
Innere Medizin I und Klinische Chemie
Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 410
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 38 608
Fax: 06221 / 56 42 33
E-Mail: Berend.Isermann(at)med.uni-heidelberg.de
Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät Heidelberg
Krankenversorgung, Forschung und Lehre von internationalem Rang
Das Universitätsklinikum Heidelberg ist eines der größten und renommiertesten medizinischen Zentren in Deutschland; die Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg zählt zu den international bedeutsamen biomedizinischen Forschungseinrichtungen in Europa. Gemeinsames Ziel ist die Entwicklung neuer Therapien und ihre rasche Umsetzung für den Patienten. Klinikum und Fakultät beschäftigen rund 7.000 Mitarbeiter und sind aktiv in Ausbildung und Qualifizierung. In mehr als 40 Kliniken und Fachabteilungen mit 1.600 Betten werden jährlich rund 500.000 Patienten ambulant und stationär behandelt. Derzeit studieren ca. 3.100 angehende Ärzte in Heidelberg; das Heidelberger Curriculum Medicinale (HeiCuMed) steht an der Spitze der medizinischen Ausbildungsgänge in Deutschland. (Stand 12/2008)
Bei Rückfragen von Journalisten:
Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Universitätsklinikums Heidelberg
und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 45 36
Fax: 06221 / 56 45 44
E-Mail: annette.tuffs(at)med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neue Methode der Eisenverabreichung
26.04.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

nachricht Bestrahlung bei Hirntumoren? Eine neue, verlässlichere Einteilung erleichtert die Entscheidung
26.04.2017 | Universitätsklinikum Heidelberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie