Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neu entdeckte seltene Erkrankung – wie das Immunsystem die Entstehung von Tumoren verhindert

25.01.2017

Eine Erkrankung ist selten, wenn weniger als fünf Menschen von 10.000 an ihr leiden. Obwohl die Medizin bereits über 7.000 seltene Erkrankungen kennt, werden immer wieder neue Krankheiten entdeckt. Kinderärzte am Dr. von Haunerschen Kinderspital haben nun bei Kindern mit einem angeborenen Immundefekt und einer Neigung zur Tumorentstehung Mutationen im Gen CARMIL2 identifiziert. Diese Erkenntnis ist nicht nur für eine klare molekulare Diagnose der betroffenen Patienten wichtig, sie offenbart auch neue Signalwege der anti-tumoralen Immunität, zeigt, wie das Immunsystem die Entstehung von Tumoren unterdrückt und eröffnet die Entwicklung neuer therapeutischer Konzepte.

Unser Immunsystem hat neben der Abwehr von Infektionserregern auch eine wichtige Funktion bei der Verhinderung einer Tumorentstehung. Bei immungeschwächten Patienten können diese Überwachungsfunktionen versagen: neben einer Neigung zu Infekten kann das Risiko der Tumorentstehung steigen.

Um hier therapeutisch eingreifen zu können, ist es von entscheidender Bedeutung die beteiligten Signalwege zu verstehen. Münchner Forschern ist es gelungen, einen neuen angeborenen Immundefekt zu identifizieren und die mit ihm verbundene Neigung zur Entstehung von Tumoren zu untersuchen.

Die Arbeitsgruppe um Prof. Christoph Klein im Dr. von Haunerschen Kinderspital hat im Rahmen der internationalen Care-for-Rare Alliance bei Kindern aus dem Nahen Osten und aus Südamerika Mutationen in einem Gen namens CARMIL2 identifiziert. Die Patienten fielen auf, da sie an vielen Stellen im Körper Tumore der glatten Muskelzellen entwickelten, die mit Epstein-Barr-Viren (EBV) assoziiert waren.

Wichtige Immunzellen der Patienten – die T-Lymphozyten – weisen eine Störung in einem Signalweg auf, welcher durch Aktivierung des Oberflächenmoleküls CD28 initiiert wird. Dies führt dazu, dass die T-Zellen der Patienten nicht adäquat ausreifen und in ihrer Funktion gestört sind. Das betroffene Gen spielt zudem eine wichtige Rolle in einer weiteren Aufgabe der Immunzellen: es wird für die Beweglichkeit und zielgerichtete Wanderung benötigt. Entsprechend weisen die Lymphozyten der Patienten eine Störung der Polarität und des Migrationsverhalten auf.

Der CD28-Signalweg ist eine therapeutische Zielstruktur: im Rahmen der sogenannten Immun-Checkpoint-Blockade hemmen neue Medikamente hemmende Einflüsse und steigern so die anti-tumorale Immunität. In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass eine effektive T-Zellantwort wichtig ist, um die Entstehung von seltenen EBV-assoziierten Tumoren zu unterdrücken.

"Ich freue mich, dass es unserem interdisziplinären Team gelungen ist, die Ursachen dieser neuen Erkrankung aufzuspüren. Das Wissen um Krankheitsursachen und -mechanismen ist sehr wichtig, um neue Therapien für Kinder mit lebensbedrohlichen Erkrankungen zu entwickeln. Das ist unser Auftrag in der universitären Pädiatrie!", sagt Dr. Tilmann Schober, der gemeinsam mit Dr. Thomas Magg Erstautor der Studie ist.

Dr. Fabian Hauck, klinischer Leiter der Immundefektambulanz am Haunerschen Kinderspital, ergänzt: "Es sind Kinder mit immer noch unheilbaren Erkrankungen, die uns auffordern, die Medizin weiterzuentwickeln. Dieser Herausforderung stellen wir uns, indem wir internationale und interdisziplinäre Netzwerke bilden und Krankheitsursachen seltener Immunerkrankungen aufklären."

Die Arbeit mit dem Titel "A human immunodeficiency syndrome caused by mutations in CARMIL2" wurde am 23. Januar 2017 in der Zeitschrift 'Nature Communications' veröffentlicht. Neben dem Team des Dr. von Haunerschen Kinderspitals sind Kooperationspartner im Max von Pettenkofer-Institut, im Institut für Pathologie, im Genzentrum, in der TU München, im Helmholtz Zentrum München, an der Medizinische Hochschule Hannover sowie an der Universidade Federal de Minas Gerais in Brasilien beteiligt.

Das mehrjährige Projekt wurde ermöglicht durch eine finanzielle Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der Wilhelm Sander-Stiftung, der Care-for-Rare Foundation, der Else Kröner Fresenius-Stiftung, des BMBF sowie des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF).

Originalpublikation

„A human immunodeficiency syndrome caused by mutations in CARMIL2“ T. Schober, T. Magg, M. Laschinger, M. Rohlfs, N. D. Linhares, J. Puchalka, T. Weisser, K. Fehlner, J. Mautner, C. Walz, K. Hussein, G. Jaeger, B. Kammer, I. Schmid, M. Bahia, S. D. Pena, U. Behrends, B. H. Belohradsky, C. Klein & F. Hauck

doi: 10.1038/ncomms14209

Ansprechpartner:

Prof. Dr. med. Christoph Klein
Kinderklinik und Kinderpoliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital
Klinikum der Universität München (LMU)
Campus Innenstadt
Tel.: +49 0(89) 4400-57001
E-Mail: christoph.klein@med.uni-muenchen.de

Weitere Informationen:

http://www.klinikum.uni-muenchen.de/de/das_klinikum/zentrale-bereiche/weitere-in...
http://www.nature.com/articles/ncomms14209

Philipp Kressirer | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Lymphdrüsenkrebs programmiert Immunzellen zur Förderung des eigenen Wachstums um
22.02.2018 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Forscher entdecken neuen Signalweg zur Herzmuskelverdickung
22.02.2018 | Ruhr-Universität Bochum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics