Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Multiresistente Bakterien: Resistenzgen gegen Notfall-Antibiotikum auch in Deutschland nachgewiesen

07.01.2016

Brisante Entdeckung eines Forscherteams des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) und der Universität Gießen

Immer häufiger können bakterielle Infektionen nicht mehr mit den gängigen Antibiotika behandelt werden, weil die Erreger dagegen resistent sind. Dann werden Reserveantibiotika eingesetzt – bei multiresistenten Enterobakterien ist das Antibiotikum Colistin eines der wenigen noch wirksamen Mittel.


Carbapenemase-produzierende Enterobakterien (blau gefärbt) auf einer Agarplatte.

Foto: Institut für Medizinische Mikrobiologie der Justus-Liebig-Universität Gießen / Judith Schmiedel

Doch auch diese Behandlungsoption könnte bald ausgedient haben: Im November vergangenen Jahres wurde in China ein neues Colistin-Resistenzgen entdeckt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) und dem Institut für Medizinische Mikrobiologie der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) konnten das Resistenzgen mcr-1 nun auch in Deutschland nachweisen – in einem Isolat einer Humanprobe aus dem Jahr 2014.

Besonders brisant: Das Isolat enthielt die das neu entdeckte Colistin-Resistenzgen mcr-1 zusätzlich zu einer Carbapenem-Resistenz. Carbapeneme sind breit wirksame Antibiotika, die in Notfällen gegen multiresistente Bakterien zum Einsatz kommen. Wenn sie unwirksam werden, kommt Colistin als letzte Reserve zum Einsatz.

Besteht auch dagegen eine Resistenz, kann eine ausweglose Situation ohne Behandlungsoption entstehen. Besonders alarmierend ist, dass das neu entdeckte Resistenzgen – im Gegensatz zu den vorher bekannten Colistin-Resistenzen – zwischen Bakterienstämmen übertragbar ist und sich so leicht verbreiten könnte. Die Entdeckung ist damit von größter Bedeutung für das Gesundheitswesen.

Seit 2013 arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des DZIF-Forschungsbereichs „Krankenhauskeime und Antibiotika-resistente Bakterien“ eng mit dem interdisziplinären Forschungsverbund RESET am Institut für Medizinische Mikrobiologie der JLU zusammen.

Die Verbindung der Forschungsverbünde führte zum Aufbau einer umfangreichen Sammlung multiresistenter Erreger aus Tier und Mensch. Isolate dieser Sammlung wurden in Zusammenarbeit mit Bioinformatikerinnen und -informatikern des DZIF sequenziert und die bakteriellen Genome in einer Datenbank hinterlegt. Diese Datenbank wurde genutzt, um die Isolate auch auf das neu entdeckte Resistenzgen mcr-1 zu untersuchen.

„Voraussetzung für die schnelle Identifizierung des mcr-1-Gens war eine große Sammlung von Genomsequenzen multiresistenter Bakterien in einer spezialisierten Datenbank“, so Prof. Dr. Trinad Chakraborty, Co-Koordinator im DZIF und Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der JLU. „Diese von der Bioinformatik erstellte Datenbasis war wegweisend und zeigt eindrucksvoll das Potenzial Genom-basierter Epidemiologie.“

In Europa gab es bislang Meldungen aus Dänemark und Großbritannien, wo das neu entdeckte Colistin-Resistenzgen in Enterobakterien aus Geflügel- bzw. Humanproben gefunden wurde, die bis 2012 zurückdatieren. In Deutschland kommt dieses Gen mindestens seit dem Jahr 2010 in Tieren vor – was bedeutet, dass seitdem die Möglichkeit einer Übertragung auf den Menschen bestanden hat. Es steht nun aus, weitere Bakterienstämme und ältere Stammsammlungen aus menschlichen Proben zu untersuchen, um das Ausmaß der Problematik in Deutschland zu erfassen.

Das Institut für Medizinische Mikrobiologie der JLU ist – gemeinsam mit Partnern in Marburg und Langen – seit 2011 einer von sieben Partnerstandorten des DZIF. Der Partnerstandort Gießen/Marburg/Langen wird von Prof. Chakraborty koordiniert. Der Standort Gießen-Marburg-Langen des DZIF hat als Schwerpunkt „Emerging and Emergency Infections“. Damit verbunden ist der Aufbau einer Genom-basierten Datenbank von mikrobiellen Erregern von Tier und Mensch am Standort Gießen. Diese erlaubt den schnellen Nachweis und die weitere Analyse neuer Erreger.

Das DZIF und der Forschungsverbund RESET werden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

Kontakt:
Prof. Dr. Trinad Chakraborty
Institut für Medizinische Mikrobiologie
Telefon: 0641 99-41251/81
E-Mail: trinad.chakraborty@mikrobio.med.uni-giessen.de

Lisa Dittrich | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.uni-giessen.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Vitamin-Mangel, der Kampf gegen die Antriebslosigkeit und Nahrung für die Nerven
08.12.2016 | PhytoDoc Ltd.

nachricht Entschlüsselung von Kommunikationswegen zwischen Tumor- und Immunzellen beim Eierstockkrebs
06.12.2016 | Wilhelm Sander-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Speicherdauer von Qubits für Quantencomputer weiter verbessert

09.12.2016 | Physik Astronomie