Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kältetherapie verringert Hypoxischen Hirnschaden: Lebensqualität dennoch oft beeinträchtigt

23.05.2012
Tausende Menschen in Deutschland erleiden jährlich einen sogenannten hypoxischen Hirnschaden durch einen Sauerstoffmangel des Gehirns – etwa nach einem Unfall, einer Vergiftung oder einem Herzstillstand.

So beispielsweise auch der niederländische Prinz Friso von Oranien-Nassau, der seit einem Lawinenunglück im Februar 2012 im Koma liegt. Nur die wenigsten Betroffenen finden danach wieder in ihr altes Leben zurück. Die Deutsche Gesellschaft für NeuroIntensiv- und Notfallmedizin (DGNI) weist jedoch darauf hin, dass sich das Ausmaß der neurologischen Schäden verringern ließe, wenn Ärzte die Körpertemperatur des Patienten kontrolliert absenken.

Ein Unfall beim Skifahren: Der 43-jährige Prinz Friso von Oranien-Nassau wird von einer Lawine verschüttet und erleidet einen Herzstillstand. Insgesamt 50 Minuten gelangt kein Sauerstoff in sein Gehirn. Der Prinz wird gerettet und wiederbelebt. Er lebt, aber nach Meinung der Ärzte ist es fraglich, ob er je wieder aus dem Koma erwachen und zu Bewusstsein kommen wird.

„Denn 50 Minuten sind lang und das Gehirn gehört zu den Organen des Körpers mit dem höchsten Sauerstoffverbrauch“, erläutert DGNI-Pressesprecher Dr. med. Hagen B. Huttner, Oberarzt der Intensivstation der Neurologischen Klinik am Universitätsklinikum Erlangen. Kommt es zu einer Minderversorgung des Gehirns mit Sauerstoff, so tritt nach etwa zwölf Sekunden Bewusstlosigkeit ein. Nach drei bis sechs Minuten sterben erste Nervenzellverbände ab, und bei einer fehlenden Sauerstoffversorgung von länger als neun Minuten kommt es meist zum klinischen Bild des hypoxischen Hirnschadens, dessen Maximalvariante sogar im Hirntod resultieren kann.

Die Sauerstoffzufuhr im Gehirn kann aus vielen Gründen stoppen. Dazu zählen Vergiftungen, Krebserkrankungen oder Unfälle wie Ertrinken oder Ersticken. DGNI-Pressesprecher Dr. med. Oliver W. Sakowitz von der Neurochirurgischen Klinik des Universitätsklinikums Heidelberg erläutert, dass in über 80 Prozent der Fälle ein Herzstillstand die Ursache des Sauerstoffmangels ist: „Zwar werden viele Patienten durch Wiederbelebungsmaßnahmen gerettet. Aber lediglich ein kleiner Teil von ihnen erleidet keine Hirnschäden oder nur minimale neurologische Behinderungen“, so Sakowitz. Viele Überlebende entwickelten schwere Folgeschäden bis hin zum Wachkoma. In Deutschland leben etwa 8500 Menschen in diesem Zustand: Obwohl ihre Augen offen sind, zeigen sie kein Bewusstsein für ihre Umgebung oder sich selbst.

„Das Ausmaß des Hirnschadens hängt vor allem von der Dauer des Sauerstoffmangels ab“, sagt Huttner. Extrem empfindlich auf Sauerstoffmangel reagiert insbesondere die Großhirnrinde, aber auch der für das Gedächtnis wichtige Hippocampus oder das Kleinhirn, so der Intensivmediziner weiter: „Werden Letztere geschädigt, fällt es Patienten schwer, komplexe Bewegungen zu planen und auszuführen oder neue Informationen im Gedächtnis abzuspeichern. Wird gar die Großhirnrinde selber, beziehungsweise Teile von ihr, betroffen, kann es zum Verlust der höheren kognitiven – für den Menschen charakteristischen – Funktionen kommen und schlimmstenfalls zum Verlust des Bewusstseins“.

Patienten mit hypoxischem Hirnschaden werden nach einem individuellen Muster behandelt, das maßgeblich von Labortests, computergestützten Schnittbildern, elektrophysiologischen Untersuchungen und den Reaktionen des Patienten abhängt. Studien zeigen, dass eine 24-stündige Absenkung der Körpertemperatur auf etwa 33 Grad Celsius neurologische Schäden verringern kann. Wirksame Medikamente zum Schutz der Nervenzellen gibt es dagegen nicht. „Als Neurointensivmediziner sind wir darauf spezialisiert, sekundäre Durchblutungsstörungen bei Patienten mit Schlaganfällen, Hirnverletzungen oder Blutungen zu erkennen und rechtzeitig zu behandeln. Ist jedoch ein solcher Schaden bereits im Vorfeld eingetreten, sind die Behandlungsmöglichkeiten begrenzt. Bisher erleiden die weitaus meisten Überlebenden eines Herzstillstands bleibende Probleme. Nur wenige Patienten erreichen nach einem hypoxischen Hirnschaden wieder eine hohe Lebensqualität“, bedauert Dr. Sakowitz. „Deshalb müssen wir weiter dringend nach Wirkstoffen und Therapien suchen, die die Prognose der Betroffenen verbessern.“

Literatur:
C. Leithner et al.: Prognose der Hirnfunktion nach kardiopulmonaler Reanimation und therapeutischer Hypothermie, Akt Neurol 2012; 39: 145–154

Pressekontakt:

Deutsche Gesellschaft für NeuroIntensiv- und Notfallmedizin (DGNI)
Dagmar Arnold
Postfach 30 11 20
70451 Stuttgart
Tel.: 0711 8931-380
Fax: 0711 8931-984
E-Mail: arnold@medizinkommunikation.org

Dagmar Arnold | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgni.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz gegen Gastritis
10.08.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Wenn Schimmelpilze das Auge zerstören
10.08.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Im Focus: Exotic quantum states made from light: Physicists create optical “wells” for a super-photon

Physicists at the University of Bonn have managed to create optical hollows and more complex patterns into which the light of a Bose-Einstein condensate flows. The creation of such highly low-loss structures for light is a prerequisite for complex light circuits, such as for quantum information processing for a new generation of computers. The researchers are now presenting their results in the journal Nature Photonics.

Light particles (photons) occur as tiny, indivisible portions. Many thousands of these light portions can be merged to form a single super-photon if they are...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Neues Verfahren zur Inprozesskontrolle in der Warmumformung

18.08.2017 | Verfahrenstechnologie

Auf dem Weg zu künstlichem Gewebe- und Organersatz aus dem 3D-Drucker

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungsnachrichten