Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

„Junkie Food“ - Glücksgefühl oder Suchtgefahr?

05.12.2011
Rückblick auf den Life Science Dialogue Heidelberg

Der menschliche Körper ist abhängig von Nahrung – denn ohne Nahrung kein Überleben. Es gibt jedoch vermehrt Hinweise auf Suchtwirkungen bestimmter Lebensmittel, die sich nicht mit dem natürlichen Verlangen des Körpers nach Nahrung erklären lassen. Allen voran betrifft das stark zucker- und fettreiche Lebensmittel, häufig auch als Junk Food bezeichnet.

Beim Kamingespräch des Life Science Dialogue Heidelberg der Dr. Rainer Wild-Stiftung gab Prof. Iain Mattaj, Generaldirektor des European Molecular Biology Laboratory Heidelberg einen Einblick in die neurobiologischen und molekularen Grundlagen von Abhängigkeit im Allgemeinen und das Suchtpotenzial bestimmter Lebensmittel im Besonderen.

Kann Essen glücklich machen?

Unser Essverhalten ist maßgeblich mit den Belohnungsmechanismen in unserem Gehirn verbunden, das zeigte Prof. Iain Mattaj am 17.11.11 beim dritten Kamingespräch zur Zukunft von Medizin, Gesundheit und Ernährung: Positive Reize, wie Sex oder gutes Essen, führen zu einer Ausschüttung des Hirnbotenstoffs Dopamin. Sie stimulieren unser körpereigenes Belohnungssystem und lassen Glücksgefühle entstehen. Diese Mechanismen sind äußerst wichtig, denn ohne Glücksgefühle würde dem Menschen ein wichtiger Antrieb für viele lebensnotwendige Dinge fehlen: So dient der Spaß am Sex der Fortpflanzung, die Lust am Essen der Ernährung.

Welches Lebensmittel besonders glücklich macht, ist von Mensch zu Mensch verschieden und hängt von bestimmten Vorlieben für z. B. Süßes oder Pikantes ab. Trotz aller individuellen Unterschiede sind es aber in der Regel die fett- und zuckerreichen Lebensmittel, die Glücksgefühle wecken. Das ist, so Prof. Iain Mattaj, durchaus natürlich: Von Urzeiten an hat der Mensch zum Überleben hochkalorische Lebensmittel benötigt. Genetisch ist er sozusagen darauf programmiert, die Schokolade dem Apfel vorzuziehen, denn der Dopaminspiegel steigt bei hochkalorischen Lebensmitteln sehr viel stärker an als bei niedrigkalorischen. Was wiederum heißt, wir mögen nicht einfach nur die Schokolade, sondern auch den damit verbundenen „Dopamin-Kick“.

Kann Essen süchtig machen?
Dieser im Grunde positive Belohnungsmechanismus ist auch maßgeblich an der Entstehung von Abhängigkeiten beteiligt. Drogen wie Heroin, Nikotin oder Alkohol führen ebenfalls zu einer Dopaminausschüttung und wirken beglückend – auch wenn eigentlich nichts Erfreuliches geschehen ist. Erinnern wir uns an die positiven Gefühle, möchten wir sie wieder erleben. Wird das, was uns so glücklich macht, regelmäßig konsumiert, gewöhnt sich der Körper an den erhöhten Dopaminspiegel. Gleichzeitig sinkt die körpereigene Dopaminproduktion – und damit auch die Stimmungslage. Letzten Endes wird der Drang, das Suchtmittel zu konsumieren, immer stärker und die benötigte Dosis für den „Kick“ immer höher.

Neuere Studien mit Tierversuchen haben nachgewiesen, dass auch fett- und zuckerreiches Essen „süchtig“ machen kann. Ratten, die über längere Zeit fett- und zuckerreich ernährt wurden, zeigten ähnliche, wenn auch schwächere, Veränderungen im Gehirn wie Ratten, die Drogen bekamen. Je mehr hochkalorische Nahrung sie aufgenommen haben, umso mehr Nachschub war nötig, um das Glücksgefühl zu erzeugen. Nach einer gewissen Zeit hatten die Ratten die Kontrolle über ihr Essverhalten komplett verloren – ein Merkmal von Abhängigkeit: Selbst auf die Gefahr hin, bei der Nahrungsaufnahme einen Elektroschock zu bekommen, zogen die Tiere die hochkalorische Nahrung vor – auch wenn es normales Futter ohne Elektroschock gab. Als ihnen nur noch Salat und Gemüse vorgesetzt wurde, verweigerten sie die Nahrungsaufnahme zunächst sogar ganz. Molekulare Studien konnten diese Beobachtungen bestätigen: Der Dopamin-Rezeptor D2 hat nicht nur einen entscheidenden Einfluss auf Drogensucht, sondern spricht auch auf den Genuss von zucker- und fettreichen Lebensmitteln an.

Welche Rolle spielt das Umfeld?
Der Zugang zu Drogen führt allerdings nicht zwangsläufig auch zum Drogenkonsum, das konnten „Rat-Park-Versuche“ zeigen: Ratten, die isoliert gehalten wurden und die Wahl hatten zwischen einer Morphinlösung und Wasser, konsumierten bis zu 20 mal mehr Morphin als Artgenossen, die in einer für sie charakteristischeren Umwelt lebten (d. h. in Gesellschaft anderer Ratten, mit Spielgeräten und Auslauf). „Einsame“ Ratten neigen scheinbar eher dazu, süchtig zu werden als aktive und sozial eingebundene. Daraus lässt sich schließen, dass neben dem Angebot auch das Umfeld eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Abhängigkeit spielt. Geht es um die Frage nach dem Suchtpotenzial bestimmter Lebensmittel, heißt das, nicht nur das „Was wir essen“ im Blick zu haben, sondern auch die Umweltfaktoren und das soziale Umfeld, sprich das wann, wo, wie, warum und mit wem wir essen.
Ausblick
Tierversuche liefern sicherlich wichtige Hinweise auf biologische Vorgänge, auch und gerade für die Forschung. Dennoch können keine direkten Rückschlüsse auf den Menschen gezogen werden, so Prof. Mattaj: Tierversuche vernachlässigen häufig den Kontext, in dem z. B. Essen stattfindet und können nur schwer die Komplexität sozialer Faktoren erfassen, die das Essverhalten beeinflussen. Darüber hinaus gibt es gerade beim Thema Essen und Sucht kein „schwarz oder weiß“, sprich Verzicht oder Sucht: Die Übergänge von Genuss und Konsum über Missbrauch und Gewöhnung bis hin zur Abhängigkeit sind fließend. Sie bauen aber nicht zwangsläufig aufeinander auf – nicht jeder Genuss führt automatisch zur Sucht. Jedes Suchtverhalten hat seine ganz eigene Geschichte, die durch das Zusammenspiel von drei Hauptfaktoren entsteht, nämlich durch Faktoren der Persönlichkeit (genetische Disposition, Persönlichkeitsstruktur, Konstitution etc.), der Droge selbst (Dosis, Dauer, Verfügbarkeit, Wirkung, Nebenwirkung etc.) und des Milieus (familiäre Situation, Beruf, Wirtschaftslage, Sozialstatus, Kultur, Religion etc.). Es wäre deshalb falsch, allein auf Basis bestimmter Hinweise auf ein mögliches Suchtpotenzial Ängste gegenüber bestimmten Lebensmitteln zu schüren. Denn nicht jeder (übermäßige) Verzehr von zucker- und fettreichen Lebensmitteln führt automatisch zur Sucht.

Mit dem Life Science Dialogue Heidelberg führt die Dr. Rainer Wild-Stiftung für gesunde Ernährung seit 2010 Kamingespräche durch. Diese behandeln die Zukunft von Medizin, Gesundheit und Ernährung. Eine interdisziplinäre Runde namhafter Experten aus Wissenschaft und Praxis diskutiert mit ganzheitlichem Blick aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen, deren Möglichkeiten und Risiken.

Dr. Rainer Wild-Stiftung
Stiftung für gesunde Ernährung
Nicole Schmitt
Mittelgewannweg 10
69123 Heidelberg
Tel.: +49 (0) 6221/75 11-225; Fax: +49 (0) 6221/75 11-240
nicole.schmitt@gesunde-ernaehrung.org

Nicole Schmitt | idw
Weitere Informationen:
http://www.gesunde-ernaehrung.org

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Tollwutviren zeigen Verschaltungen im gläsernen Gehirn
19.01.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Sicher und gesund arbeiten mit Datenbrillen
13.01.2017 | Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Im Focus: How gut bacteria can make us ill

HZI researchers decipher infection mechanisms of Yersinia and immune responses of the host

Yersiniae cause severe intestinal infections. Studies using Yersinia pseudotuberculosis as a model organism aim to elucidate the infection mechanisms of these...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Flashmob der Moleküle

19.01.2017 | Physik Astronomie

Tollwutviren zeigen Verschaltungen im gläsernen Gehirn

19.01.2017 | Medizin Gesundheit

Fraunhofer-Institute entwickeln zerstörungsfreie Qualitätsprüfung für Hybridgussbauteile

19.01.2017 | Verfahrenstechnologie