Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Heidelberger Wissenschaftler entdeckten zwei biologisch unterschiedliche Arten von Ependymomen

10.09.2013
Ependymome gehören zu den häufigsten Formen bösartiger Hirntumoren im Kindesalter. Die Therapieerfolge bei Ependymomen variieren stark, nur knapp zwei Drittel aller Patienten mit einem Ependymom überleben ihre Erkrankung.

Ziel der Studie war es, molekulare Marker zu identifizieren, welche in der Lage sind, Ependymome mit einem vermeintlich komplizierten Verlauf, von denen mit relativ guten Heilungschancen zu unterscheiden.

Zudem wurden Signalwege innerhalb der Tumorzellen entschlüsselt, welche Möglichkeiten für neuartige Therapien darstellten können, um zukünftig die Heilungschancen von Patienten mit einem Ependymom zu verbessern.

Unter der Leitung von Dr. Hendrik Witt und Prof. Dr. Stefan Pfister vom Universitätsklinikum Heidelberg und Deutschen Krebsforschungszentrum konnte, in enger Kooperation mit der Gruppe von Prof. Dr. Michael Taylor am Hospital for Sick Children in Toronto, eine der bislang größten molekularbiologischen Analysen von Ependymomen durchgeführt werden. Basierend auf molekularen Besonderheiten konnten zwei unterschiedliche Arten von Ependymomen identifiziert werden, die sich sowohl in ihrem Erbgut als auch im klinischen Verlauf eklatant unterscheiden.

In dem von der Wilhelm Sander-Stiftung geförderten Projekt analysierten die Forscher 584 Feingewebsproben von Ependymomen basierend auf unterschiedlichen Aktivitäten von Botenstoff-Molekülen (mRNA), Veränderungen von Chromosomen und Proteinausprägungen in Feingewebsschnitten.

Die internationale Studie erbrachte eindeutige Ergebnisse: Kleinhirn-Ependymome lassen sich anhand ihrer Erbgut-Anomalien in zwei Typen unterteilen, die sich auch in ihrem klinischen Verlauf deutlich unterscheiden. Erkrankungen der Gruppe A zeigten einen extrem ungünstigen Verlauf, die Tumoren kehrten nach einer anfänglichen Operation oft zurück und metastasierten häufig, woran zahlreiche Patienten schließlich verstarben.

Zudem weisen Gruppe A Tumoren verhältnismäßig wenig Verluste oder Zugewinne von Genabschnitten auf, allerdings sind sehr viele Gene aktiviert, die in wichtigen Krebssignalwegen eine Rolle spielen. Gruppe B Tumoren hingegen haben eine günstigere Prognose, obwohl das Genom dieser Krebszellen sehr instabil ist. Diese Patienten haben mit standardisierter neurochirurgischer und anschließender Strahlentherapie gute Heilungschancen.

Im Rahmen der Forschungsstudie konnte eine weitere Facharbeit verfasst werden, in welcher die Etablierung von molekularen Prognosemarkern in die klinische Routine-Diagnostik untersucht wurde. Hier identifizierten Wissenschaftler um Dr. Till Milde einen molekularen Stammzellmarker, Nestin, welcher in der Lage war über die verschiedenen Lokalisationen hinweg bösartigere Ependymome sowie Gruppe A und Gruppe B Tumoren zu unterscheiden. Im Weiteren konnte der Marker in verschiedenen internationalen Ependymom-Sammlungen etabliert und validiert werden. Dieser Marker wird unterdessen routinemäßig von der Neuropathologie bei allen neu diagnostizierten Ependymomen untersucht, um eine Risikoabschätzung bereits bei Diagnosestellung zu erlauben.

Um nun ein Modell zu entwickeln neue Präzisionsmedikamente in Lebewesen (in vivo) zu testen, ist es Forschern um Dr. Milde gelungen mit Ependymom-Vorläuferzellen (Stammzellen) Ependymome in Mäusen zu entwickeln. Basierend auf den Vorarbeiten, konnten nun krebsrelevante Signalwege in Maus-Ependymomen mit neuen Präzisionsmedikamenten behandelt werden. Die Wirksamkeit von Histondeazetylase (HDAC)-Hemmstoffen zeigte einen durchschlagenden Effekt, zudem ein bessere Wirksamkeit im Vergleich zu Standard-Chemotherapie.

Mittlerweile sind klinische Studien begonnen worden, welchen HDAC-Inhibitoren im Falle von Erkrankungsrückfällen bei Patienten mit Ependymom inklusive Gruppe A Tumoren eingesetzt werden. Für andere Signalwege, die in Gruppe A Tumoren überaktiv sind, wurden bereits zielgerichtete Medikamente entwickelt, die derzeit in klinischen Studien bei anderen Krebsarten geprüft werden. Möglicherweise kommen einige dieser Wirkstoffe auch als Behandlungsoptionen beim Ependymom in Frage.

Die Wilhelm Sander-Stiftung förderte dieses Forschungsprojekt mit rund 100.000 Euro. Stiftungszweck ist die Förderung der medizinischen Forschung, insbesondere von Projekten im Rahmen der Krebsbekämpfung. Seit Gründung der Stiftung wurden insgesamt über 190 Mio. Euro für die Forschungsförderung in Deutschland und der Schweiz bewilligt. Die Stiftung geht aus dem Nachlass des gleichnamigen Unternehmers hervor, der 1973 verstorben ist.

Kontaktdaten der Projektleiter:

Prof. Dr. Stefan M. Pfister
Dr. Hendrik Witt
Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ)
Abteilung für Pädiatrische Neuroonkologie
Im Neuenheimer Feld 580, 69120 Heidelberg
Email: s.pfister@dkfz.de, h.witt@dkfz.de
Dr. Till Milde
Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ)
Klinische Kooperationseinheit (KKE) Pädiatrische Onkologie
Im Neuenheimer Feld 280, 69120 Heidelberg
Email: t.milde@dkfz.de

Bernhard Knappe | idw
Weitere Informationen:
http://www.wilhelm-sander-stiftung.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Sind Epilepsie-Patienten wetterfühlig?
23.05.2017 | Universitätsklinikum Jena

nachricht Dual-Layer Spektral-CT: Bessere Therapieplanung beim Bauchspeicheldrüsenkrebs
18.05.2017 | Deutsche Röntgengesellschaft e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften