Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Fetale Programmierung: Ist die Mutter an allem Schuld?

07.10.2010
Chronische Erkrankungen wie Adipositas, Diabetes und Bluthochdruck können so vorprogrammiert sein – auch wenn keine genetische Veranlagung dafür besteht. Das erläuterte Professor Ekkehard Schleußner auf dem DGGG-Kongress (5. bis 8. Oktober 2010, München).

„Wir müssen aus den aktuellen Forschungsergebnissen Konsequenzen ziehen. Mit Empfehlungen zu Screeninguntersuchungen und Ernährungsempfehlungen beeinflussen Gynäkologinnen und Gynäkologen die Gesundheit der nächsten Generationen“, so Schleußner, Direktor der Abteilung für Geburtshilfe an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.

Drei Faktoren prägen einen Menschen: seine Gene, Umwelteinflüsse und – darüber war lange sehr wenig bekannt – Einflüsse, die während der Schwangerschaft und nach der Geburt auf ihn einwirken. Ein Kind wird bereits vor der Geburt geprägt, weil es den Lebensumständen der Mutter passiv ausgesetzt ist. Die Ernährung und der Hormonhaushalt der Mutter und die Leistung des Mutterkuchens haben Einfluss auf die künftige Funktion der sich gerade entwickelnden Organe und damit auf das gesamte spätere Leben des ungeborenen Kindes: Chronische Erkrankungen wie Adipositas, Diabetes und Bluthochdruck können so vorprogrammiert sein – auch wenn keine genetische Veranlagung dafür besteht. Das erläuterte Professor Ekkehard Schleußner auf dem DGGG-Kongress (5. bis 8. Oktober 2010, München).

„Wir müssen aus den aktuellen Forschungsergebnissen Konsequenzen ziehen. Mit Empfehlungen zu Screeninguntersuchungen und Ernährungsempfehlungen beeinflussen Gynäkologinnen und Gynäkologen die Gesundheit der nächsten Generationen“, so Schleußner, Direktor der Abteilung für Geburtshilfe an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.

Die „Fetale Programmierung“ rückt erst seit wenigen Jahren in den Fokus der internationalen Forschung. Die neue entwicklungsmedizinische Fachrichtung untersucht die Prozesse, die in kritischen Entwicklungsphasen auf das ungeborene oder neugeborene Kind einwirken. Dazu gehören Faktoren, die während der Fetalentwicklung indirekt über die Plazenta auf das Kind wirken, aber auch mütterlicher und fetaler Stress vor der Geburt und als Neugeborenes sowie dessen Ernährung.

Die fetale Programmierung ist eine bisher wenig bekannte – angeborene, aber nicht ererbte – Ursache für Volkskrankheiten wie Adipositas (krankhaftes Übergewicht), Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Bluthochdruck, Schlaganfall und Herzinfarkt, die sich als Spätfolgen von Mangel- oder Überernährung des Fetus erst im Erwachsenenalter manifestieren.

Schwangerschaftsdiabetes kann mehrere Generationen krank machen

Zu viel Insulin während der frühkindlichen Entwicklung kann zu einer lebenslang krankhaften Stoffwechselregulation führen. Das ist der Fall bei einem nicht behan-delten Schwangerschaftsdiabetes der Mutter. Die Überproduktion von Insulin als Folge der zu hohen Glukoseversorgung des Fetus durch die Mutter kann dann im Jugend- und Erwachsenenalter Diabetes und Adipositas zur Folge haben.

Mädchen, deren Mütter in der Schwangerschaft an Schwangerschaftsdiabetes leiden, haben ein um das Zehnfache erhöhtes Risiko, später selbst daran zu erkranken – ein Teufelskreislauf, denn diese Mädchen können die Erkrankung an nachfolgende Generationen weitergeben.

Ein Ausdruck für ungünstige Lebensumstände des Ungeborenen ist das Geburtsgewicht. Ein sehr hohes wie auch ein sehr niedriges Geburtsgewicht erhöhen die Gefahr, dass der Mensch später an Stoffwechselerkrankungen leidet. Ein niedriges Geburtsgewicht ist zudem mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen wie koronare Herzkrankheit, Arteriosklerose und Bluthochdruck, für mentale Erkrankungen oder Störungen der Fortpflanzungsfähigkeit von Mädchen verbunden. Es erhöht außerdem das spätere Brustkrebsrisiko.

Primärprävention gegen Spätfolgen der fetalen Programmierung

„Die Ergebnisse der entwicklungsmedizinischen Forschung müssen in präventionsmedizinische Konzepte einbezogen werden, denn sie eröffnen Ärztinnen und Ärzten völlig neue Möglichkeiten, Volkskrankheiten wie Diabetes, Adipositas, Schlaganfall und Herzinfarkt vorzubeugen – bereits beim ungeborenen Kind“, sagte Schleußner auf dem DGGG-Kongress. Er fordert beispielsweise für schwangere Frauen ein Diabetes-Screening, denn von einem Schwangerschaftsdiabetes mit Spätfolgen für das Kind ist etwa jede zwanzigste Frau betroffen. Bei rechtzeitiger Diagnose ist die Erkrankung gut behandelbar und schützt Generationen vor einer gestörten Glukosetoleranz.

Frauenärzte und Kinderärzte tragen eine große Verantwortung: „Wir können die spätere Gesundheit von Kindern mit vorgeburtlichen Risikofaktoren beeinflussen und sind die Weichensteller für die Gesundheit weiterer Generationen. Primärprävention kann außerdem dazu beitragen, die Kosten für das Gesundheitssystem in den nächsten Jahrzehnten zu senken“, so Schleußner.

Petra von der Lage | idw
Weitere Informationen:
http://www.dggg-kongress.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Vitamin-Mangel, der Kampf gegen die Antriebslosigkeit und Nahrung für die Nerven
08.12.2016 | PhytoDoc Ltd.

nachricht Entschlüsselung von Kommunikationswegen zwischen Tumor- und Immunzellen beim Eierstockkrebs
06.12.2016 | Wilhelm Sander-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher entschlüsseln, wie Pflanzen ihre Blätter abwerfen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

"Wächter des Genoms": Forscher aus Halle liefern neue Einblicke in die Struktur des Proteins p53

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Einzelne Proteine bei der Arbeit beobachten

08.12.2016 | Biowissenschaften Chemie