Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Erstmals Vorhersage der Schizophrenie mit Hilfe bildgebender Verfahren möglich

07.07.2009
Trotz der weltweiten Bemühungen um eine verbesserte Früherkennung werden schizophrene Psychosen nach wie vor erst nach 3-5 Jahren bei den Betroffenen diagnostiziert.

Hierdurch wird wertvolle Zeit verspielt, um durch eine möglichst frühzeitige Behandlung bereits im Vorstadium der Erkrankung den späteren Ausbruch des klinischen Vollbildes, das gekennzeichnet ist durch Wahnerleben, Halluzination und Denkstörungen, zu verhindern, oder zumindest abzumildern.

Die verzögerte Diagnose und Therapie schizophrener Störungen liegt vor allem an fehlenden biologischen Markern, welche die diagnostische Unsicherheit im Hochrisikozustand der Erkrankung zuverlässig reduzieren könnten. Ein internationales Forscherteam aus Wissenschaftlern der Ludwig-Maximilians-Universität, München, der Friedrich-Schiller-Universität, Jena, und der University of Pennsylvania, USA, konnte nun erstmals den Nachweis erbringen, dass sich aus zerebralen Kernspintomografie-Daten von Hochrisiko-Probanden mit computergestützten Verfahren der künstlichen Intelligenz Muster neuroanatomischer Veränderungen extrahieren lassen, die diese Personen von gesunden Kontrollprobanden signifikant unterscheiden. Die Forscher konnten zeigen, dass diese „gelernten“ Muster sowohl eine zuverlässige diagnostische Einordnung verschiedener Hochrisikozustände erlauben, als auch die Vorhersage eines späteren Ausbruchs schizophrener Störungen mit hoher Sicherheit ermöglichen.

Die Schizophrenie ist eine weltweit verbreitete Erkrankung, an der ca. 1% der Bevölkerung leidet und die enormes persönliches Leid und volkswirtschaftliche Kosten zur Folge hat. In Deutschland sind allein 800.000 Bundesbürger davon betroffen. Trotz der verbesserten medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten, verläuft die meist in der Jugend einsetzende Erkrankung in vielen Fällen ungünstig. Der Erkrankungsverlauf ist durch psychotische Krisen mit Wahnerleben, Halluzinationen und massiver Störungen der Denkabläufe gekennzeichnet, die meist längere Krankenhausaufenthalte zur Folge haben. Zusätzlich leiden viele Betroffene an emotionaler Verarmung und kognitiven Einbußen, die zum sozialen Rückzug und dem Verlust der Arbeitsfähigkeit führen.

Es gibt in der wissenschaftlichen Literatur Hinweise, dass sich dieser Erkrankungsverlauf durch möglichst frühzeitiges therapeutisches Handeln verhindern, oder zumindest verzögern ließe. Allerdings wird in der Praxis dieses frühe therapeutische Fenster verpasst, weil die Diagnose der Erkrankung im Schnitt erst nach 3-5 Jahren nach dem Einsetzen erster Symptome gestellt wird. Die Gründe hierfür liegen vor allem an fehlenden biologischen Markern, die den klinisch arbeitenden Arzt in der Früherkennung der Erkrankung unterstützen und somit eine zuverlässige Indikationsstellung zur medikamentösen und psychotherapeutischen Behandlung ermöglichen könnten.

Ein internationales Forscherteam (München, Jena, Pennsylvania) um PD Dr. Eva Meisenzahl, Leiterin der Forschungsgruppe Bildgebende Verfahren und ihrem Kollegen Dr. Nikolaos Koutsouleris, (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität) und Prof. Christian Gaser (Klinik für Psychiatrie der Friedrich-Schiller-Universität Jena) konnte nun erstmals den Nachweis erbringen, dass eine zuverlässige, biologisch gestützte Früherkennung schizophrener Störungen auf der Grundlage neuroanatomischer Unterschiede in der zerebralen Magnetresonanztomographie zwischen Hochrisiko-Probanden mit späterem Erkrankungsausbruch sowie gesunden Kontrollpersonen möglich ist.

Hierzu verwendeten die Wissenschaftler ein multivariantes Mustererkennungsverfahren aus dem Bereich des maschinellen Lernens, mit dem neuro­anatomische Unterschiede aus den zerebralen Kernspintomografie-Daten eines Trainingskollektivs extrahiert wurden, die den Zusammenhang zwischen diagnostischer Zuordnung der einzelnen Trainingspersonen und deren Gehirnstruktur wiedergaben. Diese Muster wurden anschließend auf die zerebralen Kernspintomografiedaten von Testpersonen angewandt, die nicht zum ursprünglichen Trainingskollektiv gehörten, um diese einer bestimmten diagnostischen Kategorie zuzuordnen. Hierbei zeigten die Forscher, dass die verschiedenen Hochrisikozustände der Testpersonen, sowie der spätere Erkrankungsausbruch bei einem Teil dieser Personen mit Wahrscheinlichkeiten zwischen 80% und 90% korrekt erkannt werden konnte.

Prof. Hans-Jürgen Möller, Direktor der Psychiatrischen Klinik der LMU: “Ich bin hoch erfreut, dass unsere seit Jahren bestehende Hoffung, die Bildgebung des Zentralen Nervensystems in der Schizophreniediagnostik anzuwenden und in der klinischen Praxis einzusetzen, heute eine wichtige wissenschaftliche Bestätigung erfährt. Das ist ein großer Erfolg für die psychiatrische Hirnforschung.“

Diese Befunde belegen, dass es prinzipiell möglich ist, das Vorstadium der schizophrenen Störung sowie einen späteren Erkrankungsausbruch auf der Grundlage neuroanatomischer Unterschiede zu diagnostizieren, bzw. vorherzusagen. Sollten sich diese Ergebnisse in weiteren Studien bestätigen, würde dem Kliniker in Zukunft ein wichtiges diagnostisches Mittel an die Hand gegeben, um den Verdacht auf eine beginnende psychotische Erkrankung zu erhärten, und damit möglichst frühzeitige therapeutische Maßnahmen einzuleiten.

Originalpublikation:

Nikolaos Koutsouleris, Eva M. Meisenzahl, Christos Davatzikos, Ronald Bottlender, Thomas Frodl, Johanna Scheuerecker, Gisela Schmitt, Thomas Zetzsche, Petra Decker, Maximilian Reiser, Hans-Jürgen Möller, Christian Gaser. „Use of Neuroanatomical Pattern Classification to Identify Subjects in At-Risk Mental States of Psychosis and Predict Disease Transition.” Archives of General Psychiatry, 6. Juli 2009, Vol. 66, No. 7.

Ansprechpartner:
Sekretariat Priv.-Doz. Eva Meisenzahl (Fr. Jahn):
0049-89-51603439
PD Dr. Meisenzahl & Dr. Koutsouleris
Psychiatrische Universitätsklinik München LMU
Nussbaumstrasse 7
80 336 München
Eva.Meisenzahl@med.uni-muenchen.de
Nikolaus.Kousoleris@med.uni-muenchen.de
Klinikum der Universität München
Im Klinikum der Universität München (LMU) sind im Jahr 2008 an den Standorten Großhadern und Innenstadt etwa 500.000 Patienten ambulant, poliklinisch, teilstationär und stationär behandelt worden. Die 44 Fachkliniken, Institute und Abteilungen verfügen über mehr als 2.300 Betten. Von insgesamt 9.800 Beschäftigten sind rund 1.700 Mediziner. Forschung und Lehre ermöglichen eine Patientenversorgung auf höchstem medizinischem Niveau. Das Klinikum der Universität München hat im Jahr 2008 etwa 64 Millionen Euro an Drittmitteln eingeworben und ist seit Juni 2006 Anstalt des öffentlichen Rechts.

Philipp Kreßirer | Klinikum der Universität München
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-muenchen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Sind Epilepsie-Patienten wetterfühlig?
23.05.2017 | Universitätsklinikum Jena

nachricht Dual-Layer Spektral-CT: Bessere Therapieplanung beim Bauchspeicheldrüsenkrebs
18.05.2017 | Deutsche Röntgengesellschaft e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften