Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Epigenetik verbessert Tumorforschung: Wie „Software-Fehler“ zu Krebs führen

31.08.2012
Laborärzte und Klinische Chemiker setzen auf Epigenetik zur Verbesserung der Tumorforschung
Nicht nur Mutationen in den Genen, also im Erbgut selbst, sind für die Entstehung von Tumoren verantwortlich. Auch Veränderungen des sogenannten „epigenetischen Codes“, der für das An- und Abschalten der Gene mitverantwortlich ist, können das ungehinderte Wachstum von bösartigem Gewebe vorantreiben.

„In der Früherkennung und Behandlung von Krebserkrankungen werden solche „Software-Fehler“ im Erbgut in Zukunft an Bedeutung gewinnen“, erklären Experten im Vorfeld der 9. Jahrestagung der Deutschen Vereinten Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin (DGKL) vom 26. bis zum 29. September 2012 im Congress Centrum Rosengarten in Mannheim.
„Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms hat bei vielen Menschen die Hoffnung geweckt, mit diesen Informationen die Grundlagen von Krebserkrankungen verstehen und Krebs präventiv behandeln zu können“, erläutert Dr. rer. nat. Sonja Stadler vom Institut für Laboratoriumsmedizin, Klinische Chemie und Molekulare Diagnostik am Universitätsklinikum Leipzig. Doch tatsächlich nutze die alleinige Kenntnis der DNA-Sequenzen bis heute kaum dazu, einer Krebserkrankung vorzubeugen oder diese zu therapieren. „Bis heute können wir die DNA-Sequenz nicht reparieren“, so die Expertin.

Möglicherweise müssten Biomediziner an anderen molekularen Zellbausteinen ansetzen, um der Entstehung von Krebs auf die Spur zu kommen. Wie zahlreiche Forschungsarbeiten in den letzten Jahren gezeigt haben, sind neben Genmutationen auch sogenannte „epigenetische“ Veränderungen dafür verantwortlich, dass die Teilungsmechanismen einer Zelle außer Kontrolle geraten und sich ein Tumor bildet. „Biochemisch betrachtet, handelt es sich um die Anlagerung von beispielsweise Methyl,- Acetyl- oder auch Phosphatgruppen an das Chromatin, die somit einzelne Gene aus- oder anschalten“, erklärt Dr. Stadler.
Der epigenetische Code steuert in einer Zelle, welche Genabschnitte abgelesen werden und welche nicht. Nur so ist erklärbar, weshalb eine Nervenzelle ganz anders aussieht als eine Muskelzelle, obwohl beide Zellen über genau die gleiche Erbinformation verfügen. „Betrachtet man den genetischen Code als Hardware einer Körperzelle, so ist der epigenetische Code die Software“, erklärt Dr. Stadler.

Genau wie die Gene selbst können epigenetische Muster bei der Zellteilung an die Tochterzellen weitergegeben werden. Im Gegensatz zu den Genen können Lebewesen jedoch bestimmte epigenetische Zellmuster auch erwerben, etwa durch die Ernährung als Fötus während der Schwangerschaft, Umweltgifte oder Radioaktivität. „Eine mögliche Folge epigenetischer Abweichungen ist eine Krebserkrankung“, erläutert Dr. Stadler. Zum Krebs komme es beispielsweise, wenn ein epigenetischer Fehler Gene ausschaltet, die normalerweise verhindern, dass sich gesunde Körperzellen in Krebszellen verwandeln.

Epigenetische Veränderungen in Krebszellen wurden bereits in den 1980er-Jahren entdeckt. „Doch erst in letzter Zeit wird ihre Bedeutung für die Krebsentstehung besser verstanden“, so die Leipziger Expertin. Als Beispiel für das enge Zusammenspiel von Genen und Epigenetik nennt die Molekularbiologin das Gen ARID1A, das bei Krebserkrankungen der Eierstöcke häufig mutiert ist. ARID1A ist nicht direkt an der Tumorentstehung beteiligt. Es enthält aber die genetische Information für einen Eiweißkomplex, der sich an den Chromosomen anlagert und dadurch – epigenetisch – bestimmt, welche Gene abgelesen werden und welche nicht.

Wesentliche epigenetische Veränderungen können heute experimentell im Labor nachgewiesen werden und damit in Zukunft auch als potentielle Biomarker in der Krebsfrüherkennung herangezogen werden, hofft Dr. Stadler. Auch die Krebstherapie kann langfristig von den Erkenntnissen der Epigenetik profitieren. In der Entwicklung seien Medikamente, die die Anlagerung von Methylgruppen an die DNA verhindern. Wenn man verhindern kann, dass die falschen Gene abgeschaltet werden und es zu einem verhängnisvollen „Software-Fehler“ kommt, würde der Krebserkrankung vorgebeugt.

Terminhinweise:

9. Jahrestagung der Deutschen Vereinten Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin (DGKL) DGKL vom 26. bis zum 29. September 2012
Congress Centrum Rosengarten, Rosengartenplatz 2, 68161 Mannheim

Pressekonferenz der DGKL
Termin: Donnerstag, 27. September 2012, 12.00 bis 13.00 Uhr
Ort: Raum Frédéric Chopin, Dorint Kongresshotel Mannheim, Friedrichsring 6, 68161 Mannheim

Sitzung: Epigenetik und Tumorerkrankungen
Termin: Donnerstag, 27.9.2012, 15.00 bis 16.30
Ort: Raum Gustav Mahler 1, Congress Centrum Rosengarten, Rosengartenplatz 2, 68161 Mannheim

Kontakt für Journalisten:
Pressestelle DGKL-Jahrestagung 2012
Dagmar Arnold
Postfach 30 11 20
70451 Stuttgart

Berliner Büro:
Langenbeck-Virchow-Haus
Luisenstraße 59
10117 Berlin

Tel.: 0711 8931656-380
Fax: 0711 8931-167
E-Mail: arnold@medizinkommunikation.org

| idw
Weitere Informationen:
http://www.dgkl.de
http://www.dgkl2012.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz: Nierenschädigungen therapieren, bevor Symptome auftreten
20.09.2017 | Universitätsklinikum Regensburg (UKR)

nachricht Neuer Ansatz zur Therapie der diabetischen Nephropathie
19.09.2017 | Universitätsklinikum Magdeburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zum Biomining ab Sonntag in Freiberg

22.09.2017 | Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

DFG bewilligt drei neue Forschergruppen und eine neue Klinische Forschergruppe

22.09.2017 | Förderungen Preise

Lebendiges Gewebe aus dem Drucker

22.09.2017 | Biowissenschaften Chemie