Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Dresdner Tourette-Spezialist sorgt für europäische Therapie-Standards

30.03.2011
Mit den heute in der Fachzeitschrift „European Child & Adolescent Psychiatry“ veröffentlichten Leitlinien sind die Grundlagen für eine europaweit qualitativ hochwertige Versorgung von Patienten mit sogenannten Tic-Störungen gelegt. Entstanden sind sie unter Federführung von Prof. Veit Rößner, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden.

Die von der „European Society for the Study of Tourette Syndrome“ (ESSTS) bereits verabschiedeten Leitlinien setzen Standards in der Diagnose sowie in der medikamentösen, psychotherapeutischen und in Einzelfällen auch neurochirurgischen Therapie von Kindern und Jugendlichen, die unter Tics leiden. Der erstmals geschaffene Standard ist auch die Basis dafür, die Zulassung moderner Psychopharmaka für die Behandlung schwer Betroffener zu erreichen. Erste Studien hierzu sind von den Ärzten und Wissenschaftlern bereits auf den Weg gebracht worden.

Tics werden als spontane, nicht kontrollierbare Bewegungen und Lautäußerungen definiert, die in der schweren chronischen Form als Tourette-Syndrom bekannt sind. In der leichten Form treten Tics bei etwa zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen bis 18 Jahren auf und gehören damit zu den häufigsten psychisch-neurologischen Störungen. Bei jedem zehnten Betroffenen wird die Erkrankung chronisch. „Leichte Formen der Tic-Störung verschwinden innerhalb eines Jahres oft so schnell, wie sie gekommen sind“, berichtet Prof. Rößner aus dem Alltag. Auch in der Spezialsprechstunde seiner Klinik stellen besorgte Eltern aus ganz Deutschland Kinder und Jugendliche mit Tics vor. In der Regel denken sie dabei jedoch an eine Störung des Nervensystems und nicht die enge Verbindung zu den vielen begleitenden psychischen Problemen.

Die neue Leitlinie gibt den Psychiatern und Psychotherapeuten in konzentrierter Form Hinweise zur richtigen Diagnose und den erfolgversprechendsten Therapien. Gerade in der leichten Form reicht es oft aus, die Patienten dazu anzuleiten, wie sie mit der Störung umgehen können. Ein Therapiebaustein sind Entspannungsverfahren, da die Tics oft in Stresssituationen auftauchen, wobei emotionale Belastungen verstärkend wirken können. Falls die Betroffenen sehr unter den Tics leiden, ihre schulischen Leistungen sinken oder ihr soziales Umfeld negativ reagiert, empfiehlt die Leitlinie Verhaltenstherapien oder Medikamente sowie in schwersten Fällen des Tourette-Syndroms als neurochirurgische Therapie die Tiefenhirnstimulation. Der verhaltenstherapeutische Ansatz nutzt den Umstand, dass viele Betroffene den sich anbahnenden Tic spüren. Mit diesem Wissen lässt sich dieser mit einer zuvor eingeübten motorischen Gegenantwort abblocken.

Medikament muss trotz guter Ergebnisse noch auf den Prüfstand

Da Kinder und auch viele Jugendliche Probleme damit haben, die Vorzeichen eines Tics richtig zu deuten und ihnen oft auch die Motivation fehlt, permanent gegenzusteuern, werden Medikamente häufiger eingesetzt als die Verhaltenstherapie. „Leider ist in Deutschland bei Kindern mit Tic-Störungen nur Haloperidol als Medikament zugelassen“, bedauert Prof. Rößner, der nicht nur als Koordinator des Leitlinien-Projekts der ESSTS verantwortlich zeichnete, sondern maßgeblich die Vorgaben zur Pharmakotherapie des Tourette-Syndroms erarbeitete. Wegen der Nebenwirkungen wie beispielsweise Sprach- und Schluckproblemen kann Haloperidol die Erlebnisfähigkeit und Emotionalität einschränken, stehen viele Eltern dem Medikament skeptisch gegenüber. Da es modernere Wirkstoffe gibt, die gezielt die im Nervensystem ohnehin vorhandenen Sicherungsmechanismen gegen unwillkürliche Bewegungen verbessern, engagiert er sich für eine Studie, die die Wirksamkeit des Medikaments Tiaprid bei Kindern und Jugendlichen nachweist. „Ziel ist es, dafür in Deutschland endlich eine Zulassung zu bekommen“, so Prof. Rößner. In Fachkreisen wird es als Medikament der ersten Wahl bezeichnet, doch ohne den wissenschaftlichen Nachweis seiner Wirksamkeit kann es nicht routinemäßig verordnet werden.

Link zur Publikation
European Child & Adolescent Psychiatry: http://www.springerlink.com/content/k052522513148177/
Kontakt
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie
Direktor: Prof. Veit Rößner
Tel. 0351/ 4 58 22 44
E-Mail: veit.roessner@uniklinikum-dresden.de

Holger Ostermeyer | idw
Weitere Informationen:
http://www.uniklinikum-dresden.de
http://www.springerlink.com/content/k052522513148177/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht In Deutschland wächst die Zahl der Patienten mit Diabetes mellitus
23.02.2017 | Versorgungsatlas

nachricht Ursache für eine erbliche Muskelerkrankung entdeckt
22.02.2017 | Klinikum der Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2017

23.02.2017 | Veranstaltungen

Wie werden wir gesund alt? - Alternsforscher tagen auf interdisziplinärem Symposium in Magdeburg

23.02.2017 | Veranstaltungen

Luftfahrt der Zukunft

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Heinz Maier-Leibnitz-Preise 2017: DFG und BMBF zeichnen vier Forscherinnen und sechs Forscher aus

23.02.2017 | Förderungen Preise

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Planeten außerhalb unseres Sonnensystems: Bayreuther Forscher dringen tief ins Weltall vor

23.02.2017 | Physik Astronomie